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Vom Paradiesgarten in die Wüste

Von: Anna Maria Steiner

Nach ihrem Weg um den halben Erdball finden zwei libysche Rebellen ein Stück Heimat im Kloster der Barmherzigen Schwestern in Graz. Eine Chronologie der Folgen ihres Kriegseinsatzes.

„Unsere Libyer? Angenehme Gäste, und stets freundlich.“ Die Ordensfrau der Barmherzigen Schwestern deutet auf eine Bank im paradiesisch anmutenden Klostergarten zwischen der Grazer Mariengasse und dem ruhig dahinfließenden Mühlgang. Unter der steinernen Statue des Heilandes sitzen dort Khaled und Marwan – strenggläubige Muslime, Rebellen des libyschen Bürgerkriegs und unzertrennlich seit über einem Jahr.

Am 5. Mai 2011 durchbohrt im Zuge einer Kampfhandlung im libyschen Alkufrah eine Kugel den Kopf des 28-jährigen Khaled Ibrahim. Einen halben Meter entfernt von seinem Bruder Marwan, der sich seit damals rund um die Uhr um ihn kümmert. „Es kommt mir vor, als sei alles gestern passiert. Wenn ich daran denke, spüre ich das aus Khaleds Kopf entweichende Blut noch in meine Hand strömen…“

Nach mehrstündiger Fahrt auf einer LKW-Ladefläche dann die Ankunft im Krankenhaus, das erst einmal „von Gadaffis Truppen gesäubert“ werden muss, um dem mittlerweile bewusstlosen Bruder Einlass zu verschaffen. Weil nachts kaum gekämpft wird, reisen die Brüder im Dunkeln weiter nach Bengasi – erneut im LKW und diesmal mit einem Sauerstoffgerät, das nach drei Stunden ausfällt. „Wir öffneten alle Fahrzeugfenster.“ Was primitiv anmutet, rettet den schon mehrmals tot geglaubten Hochschulabsolventen schließlich vor dem Erstickungstod.

Nach sechswöchigem Tiefschlaf wird Khaled auf Betreiben einer türkischen Hilfsorganisation nach Istanbul überstellt – für den Patienten erneut eine Reise auf Leben und Tod. Da er nicht selbst atmen kann, droht Khaled im Militärhubschrauber mehrmals am Erbrochenen zu ersticken. Wieder muss Marwan Hand anlegen und übernimmt bald gänzlich die Pflege seines Bruders. Weder in der Türkei noch in Libyen findet der frisch operierte Patient adäquate Nachbehandlung.

Der Plan, Khaled wieder ins Ausland zu überstellen, erweist sich als schier unmöglich, denn „zahlreiche Staaten verweigern Palästinensern die Einreise“. Bei einem Besuch verwundeter libyscher Rebellen durch Mustafa Abd al-Dschalil wittert Marwan dann die Chance und macht den Vorsitzenden des Übergangsrates auf das Schicksal seines Bruders aufmerksam. Noch in derselben Nacht erhalten beide die Genehmigung für die Einreise nach Jordanien. Auf Betreiben einer deutscharabischen Organisation werden die schwersten Fälle von dort aus nach Deutschland und Österreich weitergeschickt.

So kommen Khaled und Marwan kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres mit knapp 200 weiteren libyschen Kriegsverletzten nach Österreich. 38 der schwersten neurologischen Fälle werden in der Privatklinik Laßnitzhöhe behandelt – bis die Finanzierung der medizinischen Versorgung mit Ende April des Jahres mit dem Bekanntwerden von Korruptionsvorwürfen eingestellt wird. Auch Libyer, die
keine Behandlung gebraucht hätten, sollen medizinische Versorgung auf libysche Staatskosten in Anspruch genommen haben. Auf Khaled trifft das nicht zu. Dennoch wird auch ihm jegliche finanzielle Unterstützung gestrichen, als er auf die Verpflanzung eines Schädelknochens wartet, der das unter Haut und Haar liegende Gehirn schützen soll.

Mit Hilfe von Freunden findet Marwan Ende April eine Bleibe im Kloster der Barmherzigen Schwestern in Graz. Das Ersparte, mit dem er sein Pharmazie-Studium finanzieren wollte, zapft er für die Bewegungstherapie Khaleds an, der seit Anfang Mai große sprachliche Fortschritte an den Tag legt. Umso tragischer, dass das Visum der beiden nicht verlängert wird und mit 2. Juni ausläuft. Mitte Mai dann die abrupte Abreise. „Wenn wir übermorgen Österreich verlassen, werden die Transportkosten übernommen“, verkündet ein sichtlich erschöpfter Marwan. „Was bleibt uns anderes übrig? Es ist wohl Gottes Wille.“
Worauf er sich am meisten freue in seiner libyschen Heimat? Achselzuckend und nach längerem Schweigen fällt ihm doch noch etwas ein: „Auf die Ruhe in der nächtlichen Wüste, wo ich ganz alleine bin mit den Sternen über mir.“

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Libyen
Obwohl 21-mal größer als Österreich leben in Libyen nur rund 6,5 Millionen Menschen. Nach italienischer und britischer Besatzung war das Land von 1951 bis 1969 konstitutionelle Monarchie. Mit der Entdeckung reicher Ölvorkommen Mitte des 20. Jahrhunderts avanciert Libyen weltweit zu einem der bedeutendsten erdölexportierenden Länder. Nach landesweiten Aufständen und Kämpfen zwischen Rebellen und den Truppen Muammar al-Gadaffis im vergangenen Jahr kommen Ende 2011 mehr als 200 verwundete Kämpfer zur medizinischen Behandlung nach Österreich, von denen der überwiegende Teil mittlerweile wieder in die Heimat zurückkehren musste.

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