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Freistoß in die Mitte

Von: Martin G. Wanko

Der Homeless World Cup, die Weltmeisterschaft für Obdachlose, wird heuer im Oktober in Mexiko ausgetragen. Österreich ist mit dabei. Die wichtigsten Regeln: Feldspieler und ein Tormann kämpfen 2 x 7 Minuten auf einem 40 x 20 m² Feld um den Sieg. Aber es geht um mehr.

Harald Schmied, damals Megaphon-Chefredakteur, hatte die Idee und – noch besser – er setzte sie im Grazer Kulturhauptstadtjahr auch um: ein international ausgerichtetes Straßenfußballturnier für Obdachlose, Straßenzeitungsverkäufer, Asylwerber oder Menschen, die in Drogen- oder Alkoholtherapie sind. 2003 fand die Weltmeisterschaft in Graz statt, Österreich gewann und stellte erstmals einen Fußball-Weltmeister. Bravo!

Seither wird der Homeless World Cup jährlich in einer anderen Stadt veranstaltet, 2012 geht es nach Mexico-City (6. bis 14. Oktober). Das Projekt, das 2005 den UEFA Charity Cheque erhielt, ist mit den Jahren gewachsen und definitiv professioneller geworden, wie Klaus Fuchs resümiert. Zusammen mit dem ehemaligen SK Sturm Graz-Spieler Gilbert Prilasnig trainiert er die österreichischen Teams seit Beginn an. Ehrenamtlich.

„In Australien, wo die zweiten Weltmeisterschaften stattfanden, waren wir das einzige Team, das sich vor den Spielen aufgewärmt hat“, erinnert er sich. „Heute wäre so eine Situation undenkbar.“ Mittlerweile werden Homeless-Teams sogar von Jugendtrainern von Real Madrid oder Manchester United gecoacht. Die professionelle Vorbereitung hat zur Folge, dass gute Platzierungen immer schwieriger werden. „Wenn wir es bei 64 Teilnehmern unter die ersten 20 schaffen, ist das ein sehr gutes Resultat“, meint Fuchs. Und dennoch freut er sich immer wieder auf die Herausforderung, ein gutes Team zu formen.

Dasselbe gilt für die Spieler. Die Chance, sich im regionalen Fußball zu beweisen, vor allem aber sich in der Gesellschaft eines Landes zu integrieren, wollen viele nutzen. Bei einer WM darf jeder Homeless-Kicker daher nur einmal im Leben dabei sein. Das Interesse am Fußball verbindet. Eine Tatsache, die Thomas Jäger, Koordinator der Initiative Goal, nutzt. Von Graz aus organisiert er österreichweite Homeless-Turniere und schafft im wahrsten Sinn Platz für fußballbegeisterte Asylanten oder sozial Benachteiligte.

„Durch die Unterstützung beim Fußball spüren sie, dass wir sie ernst nehmen und ihnen helfen, vom Rand der Gesellschaft näher ins Zentrum zu kommen.“ In Graz unterstützt Jäger das Fußballteam Omega Graz, in dem Flüchtlinge aus Afghanistan kicken. Das beginnt bei Schuhen, Bällen und der üblichen Trainingsausstattung für die Spieler und geht bis zur Organisation und Miete des Fußballplatzes, die die Flüchtlinge nicht aus eigenen Mitteln bestreiten können.

Für den Zusammenhalt der Truppe sorgt Mohammed Heidari, Manager von Omega Graz. „Früher haben wir in Parks gespielt“, erinnert er sich an die Anfänge, „Mit der Hilfe von Omega können wir nun auf Fußballplätzen spielen.“ Dabei geht es um mehr als den Fußball, wie Trainer und Manager beobachten. Der Sport beschäftigt die Menschen, tut dem Körper und vor allem der Seele gut, weil er Sinn stiftet und Ziele setzt.

Ein großes Ziel haben alle, schmunzelt Jäger. „Jeder Homeless-Kicker will einmal im Leben bei einem World Cup dabei sein!“ So wie Reza Gholami und Hussain Asadi, die schon in Italien und Frankreich gespielt haben. „Unvergesslich!“ Weil es allen um eine Sache ging und sie mit unglaublich schönen Erlebnissen wieder nach Hause kamen. Und ganz ehrlich, wer würde nicht gerne auf Plätzen wie Paris oder Mailand kicken?

Aber auch abseits des Spielfelds bringt das Projekt wertvolle Nebeneffekte. „Von der Vorbereitung bis hin zum Turnier passiert viel Positives“, erzählt der Coach. „Den Jungs geht es danach wirklich besser, nicht nur fußballerisch, auch das Selbstwertgefühl steigt merklich. Der eine bekommt einen Job, der andere findet eine Wohnung, der dritte wird von einem Unterliga-Verein engagiert.“ Und: „Alle wissen, dass sie für Österreich spielen.“

Österreich drückt seinem Team alle Daumen, auch wenn die Tickets für die WM noch nicht vergeben sind. Wer die Homeless-Kicker vor dem Start anfeuern will, hat beim Trainingslager in der Herrgottwiesgasse vom 29.06. bis zum 01.07. noch Gelegenheit.

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