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Wichtige Kindereien

Von: Nina Popp

So früh als möglich, lautet die Devise der Lebenshilfe Graz und Umgebung – Voitsberg. Je eher Kinder mit Behinderung oder Entwicklungsverzögerung gefördert werden, desto besser entwickeln sich ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten.

„Nein!“ Laut, deutlich und noch einmal. „Neiiiin!“ Martina will genau dort sitzen, wo sie sitzt, und auf gar keinen Fall darf die Salzteigschlange ihre linke Hand berühren. Also schlängelt die dicke Rolle auf die rechte Hand zu, wickelt sich um die kleinen Finger und lässt sich dann willig plattdrücken. Jetzt will die linke Hand doch mitmachen, und kurz darauf wird mit allen zehn Fingern geknetet, gerollt und gedrückt. Rechts und links. Wer ihr zusieht, merkt kaum etwas von den Folgen eines Schlaganfalls, den Martina als Embryo erlitten hat.

Glück im Unglück, haben die Ärzt/innen ihrer Mutter Mut gemacht, der Schlag war nur ein Streif. Sie sollten Recht behalten und weil bald nach der Geburt mit kontinuierlichem Training und Frühförderung für und mit Martina begonnen wurde, sind die Folgen des Schlaganfalls merklich zurückgegangen. Die Beinschiene braucht das Mädchen nicht mehr, der Arm hängt längst nicht mehr schlaff an der Seite, auch wenn sie den rechten Arm lieber gebraucht, weil es einfach leichter geht. Neuerdings wirft sie auch nicht mehr mit Dingen, wenn das Spiel sie ermüdet oder wenn sie einfach etwas anderes will. Dann sagt Martina „Nein!“ oder „Hör auf!“. Zu ihrer Mutter und auch zu Andrea Czimeg, ihrer Frühförderin bei der Lebenshilfe Graz und Umgebung – Voitsberg.

Seit zweieinhalb Jahren trifft sich das Trio eineinhalb Stunden pro Woche. Und keine der drei möchte die Zeit missen. Martina kommt gern, weil in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße auch Matten und Kletterwand warten, Schaukel und Bälle. Die Maiskiste nicht zu vergessen. Zielstrebig peilt sie die Kiste an und absolviert mit den Körnern, die gleich drauf über Hände und Füße rieseln, ihre zweite Wahrnehmungsübung an diesem Vormittag.

„Wahrnehmen und Spüren sind die wichtigen Themen“, beschreibt Andrea Czimeg, diplomierte Frühförderin, das spielerische Lernen und Forschen, das die Sinne als Fühler des Gehirns trainiert. „Martinas linke Körperseite muss einiges aufholen und braucht viele Impulse.“ Und die gibt es durch gezielte Übungen, verbale Ermunterungen oder geschickte Griffe der Pädagogin, bei denen die Dreieinhalbjährige auch ihre körperlichen Grenzen ausloten kann, Grenzen des Raums und natürlich die Grenzen in der Beziehung zu ihrer Umwelt.

Da geht es auch ums Nein-Sagen, um Regeln und andere Themen des sozialen Lernens, für die Martinas Mutter in den letzten Jahren wertvolle Unterstützung bei der Erziehung ihres einzigen Kindes erhielt. Bei Unsicherheiten, wenn unklar war, wie sie die Bedürfnisse optimal beantworten sollte, oder durch die praktischen Übungen, die Mutter und Tochter aus der Frühförderung mit nach Hause nehmen.

„Ein Idealfall“, weiß Andrea Czimeg aus Erfahrung, mit Erfolgserlebnissen für alle Beteiligten. Seit 25 Jahren gibt es das Angebot der Lebenshilfe, und die Arbeit mit hunderten Kindern und deren Eltern zeigt klar: Je früher die Förderung beginnt, desto besser entwickeln sich die sprachlichen, kognitiven, emotionalen und motorischen Fähigkeiten, bei Gehörlosigkeit, Autismus, Epilepsie und vielen anderen Beeinträchtigungen. „Unsere Expert/innen verfügen neben ihrer Basisausbildung allesamt über spezielle Qualifikationen. Sie kennen deren Möglichkeiten, setzen genau dort an und trainieren intensiv und systematisch mit verschiedenen Fördermaterialien sowie Spielen. Mit Kindern ohne Lautsprache kommunizieren sie durch Gebärden und technische Hilfsmittel wie Taster und Computer. Dabei setzen sie immer bei den Stärken der Kinder an“, beschreibt Claudia Wankhammer, Leiterin der Frühförderung in Graz, die Stärke des Frühfördermodells.

Spielen, um zu begreifen, um die Selbständigkeit behinderter Menschen zu fördern und um Familien behinderter Kinder in ihrem Alltag zu entlasten. Mit sechs Jahren hört das Lernen nicht auf. Als Ergänzung zur Frühförderung entstand daher ein Angebot, um junge Menschen mit Behinderung oder Entwicklungsverzögerung beim Schuleintritt, bei anstrengenden Entwicklungsschritten und in anderen wichtigen Phasen zu begleiten. Seit das Land die Gelder für die Entwicklungsförderung einspart, ist für viele aus mit dem Spiel.

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