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Sein und Design

Von: Nina Popp

Wie eine Wolke schwebt der UNESCO-Titel über der Stadt, am Boden ist er noch nicht ganz angekommen. Man spürt Design noch nicht und wenn, irritieren die Kosten mehr als der Nutzen beeindruckt. Was bedeutet Design im Sozialbereich? Und was könnte sich dadurch an den Bruchstellen der Gesellschaft verbessern?

Wenn langweilig gewordene Lederjacken sich in robuste Taschen mit witzigen Applikationen verwandeln, liegt das am tag.werk. Ein Design-Label, das für sympathische Wiederverwertung unterschiedlichster Materialien steht und zugleich für die erfolgreiche Kombination aus Design
und Sozialprojekt. Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen finden dabei eine sinnvolle Beschäftigung und profitieren von der eigenen Kreativität. Schon seit langem, als Graz noch nicht City of Design war.

Wenn Bertl und Johannes mit Rechen und Schaufel im Volksgarten unterwegs sind, wenn sie Laub sammeln und den Müll entsorgen, hat dies ebenfalls mit Design zu tun. Gemeint sind damit intelligente Lösungen, die den Betroffenen im täglichen Leben nutzen, also Dienstleistungen, wie sie erfa, Caritas und andere soziale Initiativen in Kooperation mit Stadt und AMS entwickeln. Am freien Markt finden die beiden Männer keine Arbeit, die Parkpflege im Auftrag der Wirtschaftsbetriebe ist zumutbar. Der Kontakt mit den Streetworkern stimmt und gemeinsam gestalten sie ein Stück ihres Lebensraums, in dem sie sich auch oft aufhalten.

Sein und Design. Schon vor 2011 war kreatives Gestalten gefragt und tatsächlich zeigt das Resümee anlässlich der ersten 365 Tage City of Design Veränderungen auf der „Benutzeroberfläche der Stadt“. Unternehmensgründungen, Viertelbelebung, Veranstaltungen und Entwürfe, die im Marketing der Stadt prominent nach außen wirken. Die Brücke zwischen Design und gesellschaftlicher Nachhaltigkeit ist angedacht, erste Kooperationen zeigen Ergebnisse: das Designerinnen-Duo Resanita gestaltete den Shop von Jugend am Werk am Mariahilferplatz und die RadspezialistInnen von Rebikel fanden im Jakominiviertel einen geeigneten Showroom.

Und dennoch tun sich die GrazerInnen mit dem Begriff „Design“ schwer.

Neben absoluter Skepsis gegen den über die Stadt gestülpten Design- Anspruch glauben andere, dass Zeit und Bewegung von unten der Gestaltung des städtischen Lebensraums wertvollen Input bringen. Im Social Design liegt viel Potenzial für die Stadt. „Das Bewusstsein dafür ist bei uns noch unterentwickelt“, meint Eberhard Schrempf von den Creative Industries Styria. Für viele andere formuliert Elke Kahr, dass das Gefühl unten ankommt, wenn mehr Geld für den Sozialbereich verwendet wird. „Wie müssen Orte im öffentlichen Raum ausschauen, an denen sich Jugendliche wohlfühlen? Was sind die Anforderungen an funktionierende Notunterkünfte?“, lauten etwa ihre
Fragen ans Stadtdesign.

„Wie muss eine Dienstleistung aussehen, damit sie für Obdachlose funktioniert?“ Das wollte auch Birgit Mager, Professorin für Service Design an der FH Köln von ihren Studierenden wissen und forderte sie auf, in die Schuhe der anderen zu schlüpfen. Die Antworten sollten zu einem Angebot führen, das aus der Perspektive der künftigen NutzerInnen interessant, sinnvoll und attraktiv
sei. Effizient und anders.

Zunächst erhoben die Studierenden die Zahl der Obdachlosen, bestehende Angebote und sonstige Informationen, von denen sie sich Nutzen versprachen. Dann folgte das, was DesignerInnen als „Customer journey“ bezeichnen, in dem Fall das Experiment auf der Straße. Ohne Geld, ohne Unterkunft, erlebten die Studierenden, was es bedeutet, in Köln obdachlos zu sein, tagsüber und vor allem nachts.Nach diesem intensiven Experiment entwickelten sie unterschiedliche Dienstleistungen und starteten in die Umsetzungs- und Testphase.

So entstand Gulliver, die Überlebensstation am Kölner Bahnhof. Der Unterschied ist schon an der Rezeption zu spüren, wo die Obdachlosen als Gäste und nicht als BittstellerInnen empfangen werden. Wo Obdachlose für Obdachlose arbeiten und Hunde erlaubt sind. Die Ausstattung entspricht den Anforderungen der Klientel: Waschmaschine und Kleiderkammer, Ruheraum, Internetzugang und Postfächer und somit die für Behördenwege wichtigen  Adressen. Nicht schick, nicht luxuriös,
aber mit viel Intelligenz und Sorgfalt gestaltet, beschreibt Mager das Konzept.
Wer die Hilfe-Funktion am Computer abruft, will kein Mitleid. Gefragt ist vielmehr die Antwort auf ein konkretes Problem. Im Sozialbereich bewährt, ist Service Design mittlerweile auch in anderen Branchen erprobt. Immer nach demselben Prinzip: tief in die Welt der NutzerInnen eintauchen, die Situation ganzheitlich betrachten, verschiedene Features entwickeln und künftige Szenarios andenken, testen und umsetzen.

Soziale Projekte sind der Wissenschafterin Mager noch immer ein besonderes Anliegen geblieben, weil sie dort einen „Innovationsstau“ ortet. Noch immer würde zu vieles verwaltet, statt nutzerInnenorientiert gestaltet. Das Engagement vieler Kreativer für soziale Fragen und die Kompetenz, Lösungen an Problemzonen privaten und öffentlichen Lebens zu entwickeln, bleibt vielfach ungenützt. Und nicht zuletzt die Möglichkeit, kostengünstig zu arbeiten, wie etwa Projekte in England zeigten. Dort hat sich die Situation von Langzeitarbeitslosen erheblich gebessert, weil das Problem nicht isoliert betrachtet wurde. Stattdessen wurden Dienstleistungen entwickelt, die Gesundheit, Soziales und Arbeit zusammenfassen. Ähnlich bei „Lebenskraft“, wo drogensüchtige Prostituierte in Einthoven vom ganzheitlichen Konzept der DesignerInnen profitierten.

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