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Mit Vollgas in den Hunger

Von: Anita Raidl

"Biotreibstoffe“ schützen das Klima und verringern unsere Abhängigkeit vom Öl? Irrtum: Sie sind alles andere als „bio“ und führen zu Hunger und Vertreibungen.

Die Österreicher mögen ihre Autos und fahren damit im Schnitt fast 9000 Kilometer im Jahr. 4,5 Millionen Pkw sind in der Alpenrepublik zugelassen, Tendenz stark steigend. Doch die vielen Tanks wollen auch befüllt werden. Also müssen wir immer mehr Öl importieren. Das macht uns wirtschaftlich und politisch abhängig. Außerdem trägt die Verbrennung von Benzin und Diesel bekanntlich massiv zur Klimaerwärmung bei.

Schon jetzt verfehlt Österreich meilenweit das Kyoto-Klimaziel, anstatt 13 Prozent weniger Treibhausgase als im Jahr 1990 sind es gut 15 Prozent mehr. Für viel Geld müssen Emissionszertifikate nachgekauft werden. Was also tun?

Die vermeintliche Lösung: „Biotreibstoffe“. Sprit und Diesel aus nachwachsenden Rohstoffen wie Soja, Ölpalmen, Zuckerrohr, Weizen, Mais und Raps. Mittels dieser „grünen Energie“ soll der Ausstoß
von klimaschädlichen Abgasen gesenkt werden. Bis zum Jahr 2020 will die Europäische Union zehn Prozent aus erneuerbaren Energien in die Tanks beimengen. In Österreich ist die Einführung des Agrosprits „E10“ sogar schon im Oktober 2012 geplant. Doch mit der angestrebten Energie Unabhängigkeit ist es nicht weit her. Die Anbauflächen in Europa reichen bei weitem nicht aus, um das Zehn-Prozent-Ziel zu decken. Dafür müssten 2020 bis zu 80 Prozent des Agrodiesels und fast die Hälfte des Ethanols aus Drittländern importiert werden.

Zum Beispiel aus Argentinien: „Die niedrigen Grundstückspreise in unserem Land haben ein wahres Kauffieber von ausländischen Investoren ausgelöst. Auf riesigen Plantagen bauen internationale Konzerne genmanipuliertes Soja an – für den Export als Agrodiesel nach Europa. Das Saatgut stammt von Konzernen wie Monsanto und Bayer, die auch die passenden chemischen Dünger und Spritzmittel dazu liefern“, berichtet Juan Carlos Figueredo von der argentinischen Menschenrechtsorganisation INCUPO, die von Welthaus Graz unterstützt wird.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Anbaufläche für Soja in Argentinien mehr als verdoppelt. „Die Konzerne machen große Gewinne, während die lokale Bevölkerung ihre Lebensgrundlage verliert. Riesige Wälder werden für die Soja-Plantagen gerodet. Kleinbauernfamilien werden enteignet und müssen von ihrem Land weichen, Trinkwasser wird knapp. Nach ein paar Jahren industriellen Anbaus sind die Böden kaputt. Was bleibt, sind Armut und eine zerstörte Umwelt“, ist Figueredo empört.

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Situation ähnlich: Riesige Monokulturen für Agrotreibstoff-Pflanzen verdrängen Wälder und Ackerflächen für die Eigenversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Dies führt zu der paradoxen Situation, dass sich die Ernährungslage der Bevölkerung verschlechtert, obwohl immer mehr Soja, Weizen oder Mais produziert wird. Der Agrotreibstoff-Boom hat in den letzten Jahren auch nachweislich zum massiven
Preisanstieg von Lebensmitteln beigetragen – eine Katastrophe für Menschen in Entwicklungsländern, die bis zu 70 Prozent ihres Einkommens für die Ernährung ausgeben müssen. Auch die argentinische Regierung hat eingeräumt, dass das Wachstum der Sojaindustrie soziale Probleme wie Landkonflikte und Vertreibungen ausgelöst hat. Gleichzeitig ist der Staat aber von den Devisen aus dem Sojaexport abhängig. Waldrodungen, kaputte Böden durch Kunstdünger und Pestizide, extensiver Wasserverbrauch, lange Transportwege . . .

Auch von der EU in Auftrag gegebene Studien weisen längst nach, dass Agrodiesel sogar klimaschädlicher ist als fossiler Kraftstoff. Auch Agrosprit ist nicht „klimaneutral“, wie fälschlich immer wieder behauptet wird. Vom Beitrag der „Biotreibstoffe“ zum Klimaschutz bleibt also nicht viel mehr als heiße Luft. Es gäbe stattdessen nachhaltige und letztlich auch wirtschaftlich effiziente Möglichkeiten, unsere Mobilität ohne negative Auswirkungen zu gestalten. Diese müssen aber mit der Bevölkerung entwickelt und durch die Politik gefördert werden. Nur dann werden mehr Menschen Alternativen zum motorisierten Individualverkehr in Anspruch nehmen.
„Die weitere Forcierung der Agrotreibstoff- Produktion muss sofort gestoppt werden.

Eine umfassende Evaluierung aller Auswirkungen dieser ,Klimapolitikmaßnahmen‘ auf Mensch, Umwelt und die globale Ernährung ist unumgänglich“, dies sind die Ziele einer aktuellen Kampagne von 16 österreichischen Organisationen: Sie haben eine parlamentarische Petition gegen Agrotreibstoffe eingereicht, die jede/r österreichische Staatsbürger/in online unterschreiben kann und die im Nationalrat behandelt werden muss. Neben der Unterstützung von Kampagnen können ein nachhaltiger Lebensstil und bewusster Konsum wichtige Veränderungen bewirken: Wer etwa das Auto stehen lässt und auf Bus, Eisenbahn, Bim oder Fahrrad umsteigt, trägt auch zum Klimaschutz bei.

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