Zur Startseite MEGAPHON

Zwiebelfisch gegen Klammeraffe

Von: Anna Maria Steiner

Als Museum und Werkstätte belebt die ehemalige „Druckerei Alexander Bauer“ in der Grazer Annenstraße das (Kunst-)Handwerk Buchdruck wieder neu. Wer staunen will und anpacken, ist im „DruckZeug!“ bestens aufgehoben.
Ein Streifzug durch einen Ort, an dem Gedanken sich verewigen.

„Und? Ist’s wunderschön – oder nur schön?“ Wolfgang Khil begutachtet die Druckwerke seiner „Lehrlinge“ mit einem Augenzwinkern. Seit Ende Mai des Jahres tummeln sich wieder vermehrt Emsige im Hofgebäude in der Grazer Annenstraße Nummer 19. Walzen werden mit Farbe bestrichen und aus den Lettern werden so genannte Zwiebelfische gewählt, die besonders fett oder groß aus den fertig gesetzten Texten herausragen.

Zwischen den Druckerpressen, Papierstapeln und Farbtöpfen drängen sich Interessierte mit einem Ziel: den eigenen Gedanken in ansprechender Form auf Papier zu bringen. An diesem Samstagvormittag nehmen Vereinsmitglieder, Angemeldete und Kurzentschlossene von der Straße die Möglichkeit wahr, in begleiteter Eigenregie Drucksorten herzustellen. Ein literarisch tätiger Arzt etwa, der seine Mikrogedichte auf Postkarten bringt, oder drei Freundinnen, ein Geburtstags-Billet
für eine vierte gestalten. Damit nichts danebengeht, coachen Mitglieder des Vereins „DruckZeug!“ die Neo-Druckerinnen und -Drucker. Josef Fürpaß, gelernter Setzer, Künstler und Lehrer an der Grazer Ortweinschule, beäugt jeden Arbeitsschritt und motiviert, gelungen Geglaubtes zu perfektionieren. Ein fehlerfreies Endprodukt sollen jeder und jede mit nach Hause nehmen dürfen – Buchstabensuppe gab es schließlich nur im Rahmen der Eröffnung Ende Mai.

Neben Bedachtsamkeit und Genauigkeit ist Sauberkeit das dritte Gebot beim Bleilettern-Druck. Nicht umsonst mahnt Druckerei-Vorbesitzerin Edith Bauer zu absoluter Reinlichkeit und überwacht am liebsten jeden Händewaschgang Druck-Unkundiger. Wer ihrer Hilfe nicht bedarf, hat Zeit, die imposanten Druckmaschinen zu bewundern. Früher hätten sich kreative Prozesse noch im Arbeitsprozess selbst abgespielt, schwelgt ein gelernter Graphiker in Erinnerungen. Die Arbeit an der Zylinderpresse habe zum Weiterdenken animiert.

Heute sei dem künstlerischen Schaffen bereits vor dem Andruck ein Ende gesetzt. „In dem Moment, wo du das File in die Druckerei schickst, ist’s vorbei.“ Zeit zum Hinterher-Trauern nimmt sich im DruckZeug! dennoch niemand – auch, wenn klar ist, dass mit der Internet-Entwicklung dem klassischen Buchdruck ein zweifacher Todesstoß versetzt worden war. Aktuell gehen immer mehr Druckaufträge an Online-Druckereien. Hinzu kam als praktisches Problem, dass der so genannte „Klammeraffe“ @ dem Bleiletternsatz nicht hinzugefügt werden kann und das Buchstaben-Repertoire eines Druckhauses damit unvollständig bleibt.

Warum die DruckZeug!-Philosophie dennoch Anklang findet? „Das, was über die Prothese Computer funktioniert, kann bei uns mit den eigenen Händen gemacht werden“, verkündet Josef Fürpaß freudig. Darüber hinaus seien es wohl die einfachen Ordnungen, die Menschen gerade im Layout-am-Macbook-Zeitalter ins ehemalige Grazer Bürgerspital locken würden.

„Der Buchdruck war eine begrenzte Technologie. Vieles, was heute am Computer möglich ist, war im
klassischen Buchdruck nicht umzusetzen. Trotzdem haben die einfachen Ordnungen eine große Qualität gehabt“, meint er überzeugt. Und klassischer Buchdruck würde noch einmal auf ganz andere Weise der eigenen Kreativität Ausdruck verleihen. Bereits in den 1960ern kam der experimentelle Buchdruck auf mit dem Anspruch, Typographie, Inhalt und Reflexion über die Schrifttype in Publikationen zueinander in Verbindung zu setzen. Einer Aufgabe, der Josef Fürpaß übrigens auch im „blindtext“ nachkommen will – einem von ihm initiierten Projekt, in dem die Vielfalt der Schrifttypen mit den Textinhalten verknüpft werden soll.
„Ich wollte verbinden: Menschen, die Inhalte anbieten und diese veröffentlichen wollen, in einer Publikation, die den DruckZeug!-Bestand dokumentiert. Das soll die Symbiose sein.“ Damit ist also auch, wer das Zeug zum Schreiben hat, beim DruckZeug! gut aufgehoben. Und wer das Zeug zum Drucken hat, sowieso.


    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)