Zur Startseite MEGAPHON

Unter anderen Umständen

Von: Nina Popp

ANONYME GEBURT. 87 Frauen haben im vergangenen Jahr ihre Kinder anonym geboren. Die Kinder leben bei Adoptiveltern.

Sie ist 28 Jahre und Mutter zweier Kinder, sagt die Statistik. Die dritte Schwangerschaft spürt sie nicht. Will sie nicht spüren. Nicht im Bauch und nicht im Kopf. Monatelang verdrängt sie das kleine Wesen so gut, dass auch der Rest der Familie, die Freundinnen und Freunde nichts ahnen und nicht fragen.

Unter anderen Umständen würde sie sich freuen, wie schon zuvor. Aber diesmal passt es so gar nicht und statt Freude macht sich schließlich Verzweiflung breit.  Bis sie die Nummer der Anonymen Geburt wählt, dauert es dennoch lange. „Die Frauen, die bei uns anrufen, haben alle viel überlegt“, weiß Christa Pletz. Seit es die  Kontaktstelle „Anonyme Geburt –Babyklappe“ in der Caritas Graz gibt, ist sie es, die den Anruf entgegennimmt und die Schwangeren berät. „Es sind ältere Frauen und jüngere, nur wenige unter 20“, erzählt die Juristin. Alleinstehende, Mädchen ohne Ausbildung am Rand der Gesellschaft, Frauen mit Migrationshintergrund, die die Schwangerschaft zunächst verdrängen. Genauso Akademikerinnen wie Frauen, die nach mehreren Geburten die Symptome einer Schwangerschaft bereits kennen sollten.

„Ich wollte nicht hineinspüren“, erinnert sich eine Frau später, „ich habe die Bewegungen im Bauch ignoriert, sonst hätte ich es später nicht geschafft.“ Der Kopf deutet eindeutige Hinweise um und der Körper macht mit. Die Häufigkeit jener Fälle, die nach der 20. Schwangerschaftswoche entdeckt werden, liegt bei 1:500 und somit höher als die Wahrscheinlichkeit von Drillingsgeburten.  
So unterschiedlich die Ursachen dafür auch sind, das subjektive Empfinden ist in allen Fällen ziemlich ähnlich und macht ein Leben mit einem Kind bzw. noch einem Kind undenkbar. Geld, Wohnung, Zeit, eine funktionierende Beziehung, die eigene Kraft oder die der Familie. Es fehlt einfach an jenen wesentlichen Ressourcen, die einen guten Start ins Leben ermöglichen. „Oft befinden die Frauen sich an einem schwierigen Punkt, der durch die Schwangerschaft noch komplizierter zu werden droht“, sagt Pletz. Und. „Sie stehen ganz allein da.“  Was ihnen bleibt? Scham, Schuld und Schande. Auch im 21. Jahrhundert können Frauen, die trotz aller Verhütungsmöglichkeiten ein Kind kriegen, das sie nicht wollen, nicht mit Verständnis rechnen. ExpertInnen bestätigen den Frauen hingegen großes Verantwortungsgefühl, weil diese Schwangeren ihre eigene Lage sehen und Entscheidungen für die Zukunft ihres Kindes treffen, in der sie selbst nicht dabei sind.
In dieser subjektiv unlösbaren Situation wenden sich die Frauen an die Kontaktstelle in der Grazer Leonhardstraße. Erst telefonisch und später persönlich. Anonym und kostenlos. Dabei geht es den wenigsten ums Reden. Sie nutzen das vertrauliche Gespräch mit der Expertin, um die brennenden Fragen zu stellen: „Was passiert mit dem Kind? Kommt es wirklich in eine Familie? Wie wird man im Krankenhaus mit mir umgehen?“ Und: „Erfährt auch wirklich niemand davon?“

Die Juristin gibt ihnen Auskunft über die rechtlichen Folgen der anonymen Geburt, auf die mittlerweile alle Geburtenabteilungen des Landes vorbereitet sind. Über Straffreiheit, die ein Erlass garantiert. Über Pflegeeltern, die das Kind nach der Geburt aufnehmen und das Jugendamt, das vorerst die rechtliche Vertretung übernimmt. Über die Möglichkeit, den Entschluss noch zu überdenken und binnen sechs Monaten rückgängig zu machen. Danach kommt das Kind in die Obhut von Adoptiveltern.
87 Kinder sind im vergangenen Jahrzehnt „anonym“ zur Welt gekommen und leben heute bei Adoptiveltern. In die Babyklappe, die nun ebenso lange am LKH Graz eingerichtet ist, wurden nur zwei Kinder gelegt und die Zahl der Kindestötungen hat sich laut einer Studie zwischen 2002 und 2005 halbiert. Vertrauen, das hilft.

Christa Pletz hilft auch beim Brief, der den Kleinen einmal davon erzählt, wie alles angefangen hat. Denn früher oder später beschäftigt sich jedes Adoptivkind mit den eigenen Wurzeln und stellt Fragen. „Wie hat sie ausgesehen? Wie war sie so? Und warum konnte ich nicht bei ihr bleiben?“
Bereits bei der Fahrt ins Krankenhaus gilt absolute Verschwiegenheit . Der Wunsch nach Anonymität wird geachtet. Dabei zählen Kleinigkeiten. Etwa ein Deckname, den sich die Schwangere für die Zeit ihres Aufenthalts in der Geburtenabteilung wählt. Auch bei der Unterbringung berücksichtigen Pflegepersonal und Stationsleitung die besonderen Umstände.

„Die meisten Frauen, die sich zu einer anonymen Geburt entschließen, bleiben nur kurz im Krankenhaus“, erzählt Christa Pletz. Einige verlassen das Krankenhaus bereits am Tag nach der Geburt. Sie sind unglaublich stark.“ Ihre Anstrengungen lassen sie sich kaum anmerken und das private Umfeld ahnt nichts von einer Situation, die so gesehen der Zeit vor der Geburt gleicht. Damit sie mit ihrem Geheimnis nicht ganz allein bleiben, lädt die Leiterin der Kontaktstelle nach der Geburt und dem Gefühlschaos zu Gespräch und Beratung. Vertraulich und kostenlos.

Informationen erhalten Sie bei der Hotline Anonyme Geburt - Babyklappe unter der Nummer 0800 83 83 83  oder beim zuständigen Jugendamt.

Zu diesem artikel sind noch keine Kommentare vorhanden

MEGAPHON behält sich das Recht vor, veraltete Beiträge ebenso zu entfernen, wie Beiträge, die rechtlich bedenklich oder politisch unkorrekt sind, und kontrolliert in unregelmäßigen Abständen den Inhalt. Dennoch übernimmt die Redaktion für den Inhalt der einzelnen Kommentare keinerlei Verantwortung!

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)