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Zu Fuß durch Marokko

Von: Reinhold Richtsfeld

WANDERTAGE. Nur vierzehn Kilometer trennen Marokko von Europa, und doch gibt es dort eine faszinierend andere Welt zu entdecken. Reinhold Richtsfeld lernte im Atlasgebirge über die einfache und harte Lebensweise der Menschen, ihre alte Tradition der Gastfreundschaft und was es heißt, Europas Nachbar zu sein.

Allah ist groß, der Sturm ist vorbei! In der Nacht hat mich der kalte Wind fast vom Berg geweht, doch mein Zelt hat gehalten. Beim frühmorgendlichen Abstieg von den Djebel Sarho Bergen taue ich langsam auf, als ich in einem kleinen Dorf auf Yussef treffe. „Salam Alaykum“, ruft er mir freundlich entgegen. Eine Einladung zum Tee? Genau was ich jetzt brauche!

Die Kinder schlafen noch, als ich das Haus betrete, während die Mutter daneben ihr Morgengebet verrichtet. Der längliche Wohn- und Schlafraum ist komplett mit Teppichen ausgelegt. Das einzige Möbelstück ist ein Regal am Kopfende, auf dem der Fernseher steht. Es läuft Al-Dschasira. Yussef, die Kinder und ich sitzen da und überwinden Sprachbarrieren. Es dauert lange, bis seine Frau mit dem Tee kommt, aber bald weiß ich wieso. Sie hat frisches Brot gebacken! Es ist eine dünne Flade, dezent gefüllt mit Ziegenfett und im Holzofen gebacken, einfach wunderbar. Dankbaren Herzens verabschiede ich mich und schnappe meinen Rucksack. Ein neuer Wandertag beginnt.

Zu Fuß durch Marokko.
Gehen ist die beste Reisegeschwindigkeit, um die Welt und ihre Bewohner richtig kennen zu lernen. Schon mehr als zwei Wochen bin ich unterwegs in Marokko. Ich will das Land zu Fuß von Süd nach Nord durchqueren, mehr als 1200 Kilometer werden es vom Rand der Sahara bis Tanger sein. Eine große Herausforderung, doch die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Menschen machen die Wanderung zu einer tiefgreifenden Lektion über die Freude am Geben. Fast jeden Tag werde ich zum Tee eingeladen, oft auch auf Brot und Oliven, manchmal auf ein ganzes Menü aus Couscous und Salat. Nicht selten bin ich tief bewegt, denn gerade die Menschen in den ärmsten Dörfern geben am meisten.

Das einfache Leben. Während ich in den nächsten Wochen vom Hohen über den Mittleren Atlas nach Fès ziehe, lerne ich die einfache Lebensweise der Bauern in den Bergen kennen. Die Menschen arbeiten mit den bloßen Händen auf ihren Feldern, Traktoren gibt es nirgendwo. Gepflügt wird mit Eseln und Holzpflug, geerntet mit der Sichel. Unzählige Schaf- und Ziegenherden weiden auf den Hängen, immer in Begleitung von Hirten. Oft erledigen Kinder diese Arbeit, manche lernen weder lesen noch schreiben. Es gibt so gut wie keine medizinische Versorgung, immer wieder werde ich nach Medikamenten gefragt. Hier ist es also, das einfache Leben. Die gute alte Zeit?

„Reinhold, du suchst das einfache Leben?“, hat mein Vater beim Aufbruch gefragt, „wir haben es gehabt!“. Aufgewachsen im Mühlviertel der Nachkriegszeit kennt er den Mangel, als es hauptsächlich Kraut und Erdäpfel zu essen gab. Für seine Generation ist es schwer nachzuvollziehen, dass auch Überfluss zum Problem werden kann. Doch woran liegt es, dass sich in den letzten Jahrzehnten in Europa zwar der materielle Wohlstand verdoppelt hat, aber das subjektive Glücksempfinden nicht mehr gestiegen ist, ja sogar leicht sinkt?

Der europäische Traum. Materieller Wohlstand ist für die meisten MarokkanerInnen ein ferner Traum aus dem europäischen Fernsehen. Für viele Familien geht es ums Überleben, wenn sie einen Sohn ins reiche Europa schicken. Sie sind auf die monatlichen Überweisungen angewiesen, davon zeugen die langen Schlangen vor den Geldtransfer-Schaltern. An die zwei Milliarden Euro fließen so jedes Jahr ins Land.

Einen dieser Auswanderer treffe ich in Khénifra. Mohammed war 21, als er mit dem Schlepperboot nach Spanien übersetzte. 2000 Euro, fast ein Jahreseinkommen, musste seine Familie dafür aufbringen. Vier Jahre schlug er sich in Spanien durch, arbeitete bei der Orangenernte und am Bau in Valencia. Letztes Jahr kam Mohammed desillusioniert zurück, denn so traumhaft war das Leben nicht ohne Versicherung, Pass und Familie. „Zurück nach Europa? Nein danke! Nicht mit und nicht ohne Papiere“, lacht er heute. Seinen Humor hat er nicht verloren, auch wenn er jetzt täglich 15 Stunden in seinem kleinen Geschäft stehen muss, um über die Runden zu kommen. „Hier bin ich wenigstens mein eigener Chef und wohne gemeinsam mit meiner Familie.“ Wer also das nächste Mal die billigsten Orangen aus Valencia kauft, weiß jetzt, welche Schicksale dahinter stehen.

Übrigens: Es wird geschätzt, dass an die 10% der EU-Wirtschaftsleistung mit Hilfe von Schwarzarbeit von Einwanderern erwirtschaftet werden. Der Dank dafür ist eine heuchlerische Kriminalisierung der „Illegalen“ von Seiten der Politik, eine allgemeine öffentliche Feindseligkeit sowie Zäune und Kanonenboote am Mittelmeer. Mindestens 1200 afrikanische Bootsflüchtlinge sind laut UNHCR im Jahr 2011 auf dem Weg übers Meer ertrunken, darunter Kinder und schwangere Frauen. Europas Anwort auf die Flüchtlingssituation kann man bestenfalls als hilflos, schlechtestenfalls als kriminell bezeichnen. Einer guten Nachbarschaft in einer kleiner werdenden Welt ist sie jedenfalls unwürdig.

Nichts zu verlieren. Nach elf intensiven Wochen treffe ich in Tanger ein. Kaum zu glauben, dass alles so gut gegangen ist. Dankbar blicke ich auf die lehrreiche Zeit zurück. Der schwierige Alltag mit den bescheidenen materiellen Mitteln lässt die Menschen Marokkos zusammenrücken. Davon können wir in Europa lernen. Ihre Großzügigkeit und zwischenmenschliche Wärme hinterlassen tiefe Spuren in meinem Herz. Wie lächerlich klingen die Kommentare bei uns in Österreich, wo es heißt, dass wir uns kein Sozialsystem mehr leisten können. Dass wir kein Geld haben für die Krankenhäuser, für die Bildung oder für die Umwelt. Und das in einem der reichsten Länder der Welt.

Unser Reichtum und unsere Freiheiten verbinden uns mit großer Verantwortung, das habe ich in Marokko tief zu spüren bekommen. Es geht uns gut in diesem Land. Wann erkennen wir, dass uns zusätzlicher materieller Wohlstand weder mehr Glück noch mehr Lebensqualität bringt? Erst recht nicht, wenn er auf Kosten der Umwelt und der Länder des Südens geht. Warum schöpfen wir nicht aus unserer Fülle der Möglichkeiten und fangen an, uns mit dem Überschuss für die Lebensqualität aller Menschen einzusetzen? Wir werden nichts verlieren, wenn wir merken, welche Freude das Geben macht.

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