Zur Startseite MEGAPHON

Sport ist keine Sünde

Von: Eva Reithofer-Haidacher

ROLE MODELS. Jugendliche Musliminnen sind bei sportlichen
Aktivitäten unterrepräsentiert. Mit Vorbildern und eigenen Angeboten möchte das Projekt SIQ! sie gewinnen.

Wenn ich manchmal Probleme habe, wenn ich voll gestresst bin und ich betreibe Sport, dann vergess ich einfach alles, dann hab ich den Kopf frei.“ Die 16-jährige Amira Deyab liebt Bewegung. Sie ist Teil einer kleinen Gruppe muslimischer Mädchen in Graz, die auch andere dafür begeistern wollen. Bei Angeboten des Caritas-Projektes SIQ! (Sport Integration Qualifikation) sind sie als Assistentinnen dabei. Etwa beim wöchentlichen Eislaufen am Karmeliterplatz, zu dem auch ein Vater mit seinen zwei kleinen Kindern kommt. Er spricht nicht Deutsch, die siebenjährige Tochter musste übersetzen. „Ich hab ihr erklärt, was zum Schwimmen mitzunehmen ist, ihr den Weg erklärt, was wirklich eine große Verantwortung für ein kleines Mädchen ist“, erzählt Lisa Narnhofer von SIQ!. Mithilfe einer jungen Assistentin aus Tschetschenien konnte beim letzten Eislauftreff alles direkt mit dem Erwachsenen besprochen werden. „Und, schnips, war das Problem mit der Kommunikation weg“, ergänzt die Sportwissenschaftlerin lachend.

Wie ein Zuckerl. Der direkte Draht zu den Eltern ist für Lisa Narnhofer ein wesentlicher Punkt, um Mädchen aus traditionell muslimischen Familien für den Sport zu gewinnen. „Es ist ja eigentlich ganz logisch und nachvollziehbar: Die Eltern wollen wissen, wohin das 14-jährige Mädchen um sechs Uhr am Abend geht“, erklärt sie. Umso mehr, als die Angst vor Ehrverlust und Rufschädigung in den strengen Traditionen eine große Rolle spielt. Amiras Vater ist vor 20 Jahren aus Ägypten nach Österreich gezogen, sie ist hier geboren. Ihr Leben ist stark von der Kultur ihres Elternhauses geprägt, Mädchen aus christlichen Familien zählen nicht zu ihrem Freundinnenkreis, fast alle SchülerInnen ihrer Klasse sind muslimisch. Sie trägt das Kopftuch seit sie zwölf ist. „Meine Eltern haben mich nicht gezwungen“, sagt Amira, sie will es selbst. Ein bisschen unfair findet sie es aber schon, dass Mädchen anders behandelt werden als Buben. „Bei uns sagen die Leute so: Das Mädchen ist wie ein Zuckerl mit einem Papier umhüllt. Wenn sie zum Beispiel ohne Kopftuch herumläuft, geht das Papier langsam auf, bis gar kein Papier mehr da ist. Dann ist das Mädchen eine Schande. Bei Jungs ist das egal.“

Keine Frage der Religion. Im Gegensatz zu anderen traditionell muslimischen Familien ist es in der Familie Deyab kein Problem, dass die weiblichen Mitglieder Sport treiben. Amiras Mutter ist seit Kurzem bei einer arabischen Frauengruppe, die sich zum Turnen trifft. „Der Islam verbietet Sport nicht“, betont die junge Muslimin.
Das bekräftigt auch Lisa Narnhofer, die ihre Diplomarbeit zum Thema „Integration jugendlicher Musliminnen in und durch Sport in Österreich“ verfasst hat: „Es gibt keine religiösen Barrieren, es gibt kulturelle Barrieren.“ Studien in Deutschland und Erfahrungsberichte von LehrerInnen und SozialpädagogInnen in Österreich zeigen, dass jugendliche Musliminnen ein weit unterdurchschnittliches Sportengagement haben. Das Fehlen von Vorbildern ist einer der Gründe, deshalb setzt SIQ! stark auf die jungen Musliminnen in seinem Kreis. Eine davon ist die 17-jährige Zaira Tambieva, deren Familie aus der autonomen russischen Republik Inguschetien stammt. „Wenn Mädchen älter oder verheiratet sind, hören sie meistens auf mit Sport. Bei manchen ist es so, weil es die Männer nicht wollen, und bei manchen ist es so, weil sie keine Zeit mehr dafür haben“, erklärt die selbstbewusste Ortweinschülerin. Sie selbst kann sich ein Leben ohne Sport nicht vorstellen: „Ich kann nicht ruhig sitzen, ich muss mich immer bewegen.“ Zairas kleine Brüder sind bereits österreichische Judomeister, ihr Vater war Boxer. „Er wollte unbedingt, dass ich auch ein bisschen Sport mache“, erzählt sie. Freilich getrennt von Burschen, das sei in ihrer Kultur wichtig.

Vertrauen aufbauen. Die Berücksichtigung traditioneller Regeln ist für Lisa Narnhofer eine Voraussetzung, um junge Musliminnen zu erreichen. „Wenn man sie gleich mit den typisch österreichischen Vereinsstrukturen überrollt, verliert man den Kontakt ganz schnell wieder. Man muss erst Vertrauen aufbauen“, ist sie überzeugt. Deshalb sollten in einem ersten Schritt eigene Sportangebote für die Zielgruppe entwickelt werden, bevorzugt mit einem Trainerinnen-Duo. „Wenn eine muslimische Trainerin dabei ist, entwickeln Eltern zuerst mehr Vertrauen“, vermutet Lisa Narnhofer. „Aber dadurch, dass es ein Duo ist, ist es kein rein exklusives Angebot und es besteht auch schon Kontakt zu einer Österreicherin.“ Dem Ziel, dass Religion und Herkunft eines Tages egal sind, müsse man sich behutsam nähern. Amira und Zaira sind als Wegweiserinnen unverzichtbar.

Zu diesem artikel sind noch keine Kommentare vorhanden

MEGAPHON behält sich das Recht vor, veraltete Beiträge ebenso zu entfernen, wie Beiträge, die rechtlich bedenklich oder politisch unkorrekt sind, und kontrolliert in unregelmäßigen Abständen den Inhalt. Dennoch übernimmt die Redaktion für den Inhalt der einzelnen Kommentare keinerlei Verantwortung!

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)