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Hungerbekämpfung, ganz konkret

Von: Alexandra Föderl-Schmid

Ach, schon wieder! Meine Gedanken lese ich in den Mienen der Kolleg/innen, wenn die Rede auf eine Hungerkatastrophe irgendwo auf der Welt kommt und wir bei der Redaktionskonferenz überlegen, wie wir damit umgehen.

Dieser Abwehrmechanismus ist ein Teil eines Abstumpfungsprozesses und damit auch Teil unseres Jobs, der sehr häufig mit Katastrophen, Krisen und Attentaten zu tun hat. Wir berichten darüber – und ab zum nächsten Schauplatz.

So einfach können es sich die Mitarbeiter/innen der Caritas nicht machen. Vor allem diejenigen, die „draußen“ sind, bei „echten“ Menschen, die ein Gesicht, eine Stimme, einen Namen haben. Die man nicht wegschieben kann, indem man weiterblättert oder -schaltet, die nicht einfach von der Bildfläche verschwinden, wenn man sie am Computerschirm wegklickt. Für die Nahrungsmittelpreise eine reale Größe sind, umrechenbar in Portionen und Menschenleben und nicht eine Kurve in einer Grafik oder ein Index mit vielen Zahlen.

Wir Journalist/innen können die Folgen des Hungers beschreiben, aber nicht wirklich nachvollziehen, weil wir uns dem entziehen können. Auch wenn wir einige Tage eine Katastrophe hautnah erleben, wir ziehen weiter. Wir können Erklärungen anbieten, aber es hat meist nur ein Aspekt Platz in einem Beitrag, vielleicht zwei oder drei. Alles andere ist zu komplex.

Dass aber Hunger ganz viele Facetten hat, das wurde auf dem von der Caritas am 1. und 2. Juni in Wien organisierten Kongress deutlich, auf dem die Frage „Zukunft ohne Hunger“ aus ganz vielen verschiedenen Blickwinkeln erörtert wurde. Die Caritas schaffte es, 35 Expert/innen aus 20 Staaten zu dem Kongress nach Wien zu holen. Sie brachten bei verschiedenen, oft bunt zusammengewürfelten Diskussionsrunden ihre ganz spezielle Sicht der Dinge ein. So schilderte Ruth Kelly die Bemühungen ihrer britischen Organisation Oxfam, ein System für Nahrungsmittelreserven in Westafrika aufzubauen. Abbe Ambroise Tine, Generalsekretär der Caritas im Senegal, schilderte ganz konkret, was es heißt, „mit knurrendem Magen ins Bett zu gehen“. Er hat selbst mit 16 Jahren eine Hungersnot miterlebt und warnte davor, dass die Sahelzone wieder vor einer solchen Katastrophe steht.

Wie bei anderen Gelegenheiten auch, war die Finanzkrise in Europa bei dieser zweitägigen Veranstaltung nicht auszublenden. Mohan Munasinghe, ehemaliger Vizepräsident des Weltklimarates und Friedensnobelpreisträger, beklagte, dass die „alten Probleme“ Armut und Hunger von Klimawandel und Finanzkrisen überlagert werden. Bundespräsident Heinz Fischer und Christoph Kardinal Schönborn fanden zu einer ungewöhnlichen Allianz und riefen die Politik – vertreten durch Außenamts-Staatssekretär Wolfgang Waldner – auf, die Kürzungen in der Entwicklungshilfe in Österreich zurückzunehmen.

Genauso einig war man sich in der Kritik am absehbaren Verfehlen des UN-Milleniumsziels, das die Halbierung des Hungers bis zum Jahr 2015 vorsieht. Immer wieder kam die Sprache auf die Agrarpolitik der Europäischen Union, die durch ihr System der hohen Subventionen und der Abschottung ganz massiv dazu beiträgt, dass andere Länder ihre Produkte nicht absetzen oder auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig anbieten können. Der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler reihte sich in die Riege der Kritiker/innen ein und übte scharfe Kritik an Spekulationen auf Nahrungsmittel.

In sehr dichter Form wurde deutlich, wie alles mit allem zusammenhängt. Die Globalisierung hat positive Seiten, aber es ist sehr schwer, als Einzelne/r gegen die negativen Auswirkungen zu kämpfen, ein Gefühl des Ausgeliefertseins macht sich breit. Was kann ein Bauer in Bolivien gegen die mächtige Agrarlobby ausrichten?
Wie kann eine kleine Hilfsorganisation gegen Korruption ankämpfen?

Aber es wurde nicht nur kritisiert, geklagt und gejammert. Es wurden auch viele positive Geschichten erzählt von Projekten aus allen Teilen der Welt, die wachsen, gedeihen und Hoffnung geben. Für die rund 700 Teilnehmer/innen gab es bei dieser Veranstaltung sicherlich Motivationsschübe, weiterzumachen und
weiterzukämpfen. Und für uns Journalist/innen war es ein Ansporn, dass wir uns mit dem Thema in all seinen Facetten auseinandersetzen: Die Berichterstattung über Fairtrade-Produktionen oder Landraub in Afrika hat genauso mit Hunger zu tun wie Projekte, die Arbeitsstellen für Frauen ermöglichen, oder Nachhaltigkeitsstrategien von Schwellenländern. Es muss nicht immer der übliche Bericht über die Hungerkatastrophe in diesem und jenem Land sein.

Die Caritas hat mit diesem perfekt organisierten und auf Englisch abgehaltenen Kongress auf jeden Fall erreicht, dass in fast allen Medien in Österreich das Thema behandelt wurde. Und ich habe mich über mich selbst geärgert, dass ich im Anschluss an meine Moderation der Diskussion über die Millenium-Entwicklungsziele die Gelegenheit nicht wahrgenommen habe, den vielen anwesenden Helfer/innen zu sagen, wie sehr ich ihre Arbeit bewundere. Denn sie handeln, während wir Journalist/innen nur reden oder schreiben.


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