Zur Startseite MEGAPHON

Graz, Gaza und zurück

Von: Anna Maria Steiner

Für Heimkehrende in den Gazastreifen gehören Menschenrechtsverletzungen längst zum Normalfall.

Wenn Said [Name der Redaktion bekannt] auf Reisen geht, geschieht das vorzugsweise nachts. Den Schutz der Dunkelheit sucht der in Graz lebende Medizinstudent nicht freiwillig – er hofft dadurch vielmehr, Zeit und Nerven zu sparen, und checkt, bevor sein Studentenzimmer für einige Wochen dichtgemacht wird, noch ein letztes Mal den bescheidenen Inhalt seiner Reisetasche.

Im Zug nach Wien versucht der 30-Jährige, sich darauf einzustellen, was die kommende Woche ihm abverlangen wird. So lange nämlich dauert im besten Fall die Reise in seine Heimat Gaza.

Essen im Müll. Nach zehn Jahren in Graz und etlichen Heimatbesuchen kennt der in Qatar geborene Palästinenser das Prozedere nur zu gut: Als Bewohner eines Landes, das keinen eigenen Flughafen besitzen darf, muss er das von Gaza 350 Kilometer entfernte Kairo ansteuern. Trotz der relativ geringen Distanz zwischen der ägyptischen 18-Millionen-Metropole und seinem Elternhaus wird sich die Reise dahin auch diesmal über Tage ziehen.

Die erste Hürde scheint noch überwindbar: In Kairo gelandet, wird Said von nichtpalästinensischen Passagieren separiert und mit anderen Landsleuten in ein entlegenes Flughafengebäude gebracht. Dort, fernab der hochglanzpolierten Schalterhallen, beginnt das große Warten: Auf den jungen Reinigungsmann, der Sandwiches in Müllsäcken schmuggelt und diese zu überhöhten Preisen verschachert. Auf einen Windhauch, der sich durch das vergitterte Loch in der Wand verirren und die Hitze im 25 Quadratmeter großen Raum erträglicher machen möge. Und auf die erlösende Geste des Wachmannes, der die 20 Männer nach einer schlaflosen Nacht endlich zum Aufbruch drängt.

Sondertransport. Um sieben Uhr Früh scheint Said, der die vergangenen Stunden am Betonboden zugebracht hat, dem Wiedersehen mit seiner Familie einen Schritt näher. Er zieht seine nachts zum Kopfpolster umfunktionierten Schuhe an und besteigt den ausrangierten Bus, der bestenfalls sieben Stunden bis nach Rafah benötigen wird. Umgerechnet siebzig Euro wird der Medizinstudent nochmals locker machen müssen für die Fahrt im stark verschmutzten Vehikel – vielleicht auch mehr, je nach Geschäftslaune jener, die am Transport mitschneiden.

Kontrolle.Angekommen im ägyptischen Teil der Grenzstadt Rafah kontrollieren ägyptische Behörden erst einmal die Papiere der Heimkehrenden. Eilig scheinen sie es dabei nicht zu haben. Der Dienst endet nachmittags um vier, die mit Palästinenserinnen und Palästinensern übervollen Busse leeren sich nur langsam.

Wochen und Monate seines Lebens hat Said schon an dieser Grenze zugebracht. Wer überirdisch nach Gaza gelangen will und nicht durch einen der zahlreichen Tunnel, hat früher oder später gelernt, sich in Geduld zu üben. Die Grenzabfertigung junger Männer in seinem Alter geht besonders schleppend voran – potentielle Attentäter, zu denen Palästinenser unter 40 Jahren mitunter gerechnet werden, müssen nach Ansicht der ägyptischen Beamten besonders genau unter die Lupe genommen werden.

Noch komplizierter als die Einreise in den Gazastreifen gestaltet sich die Ausreise nach Ägypten. Weil aufgrund der katastrophalen medizinischen und wirtschaftlichen Versorgung täglich tausende Gazaer in das benachbarte 80-Millionen-Land müssen, kommt es zu Staus an der ägyptischen Grenze. Wer die Ausreise nicht auf Anhieb schafft, hat zwei Möglichkeiten: Entweder wird vor Ort kampiert oder es wird wieder kehrtgemacht. Auch Said ist beim letzten Versuch, das Land zu verlassen, ganze sechs Mal in sein Elternhaus zurückgekommen, um sich jeden Morgen erneut von seiner Familie zu verabschieden und abends, nach erfolglosem Ausreise-Versuch wieder daheim aufzutauchen. Erst beim siebten Anlauf gab es ein Durchkommen: Nur wenige Menschen an der Grenze und das Ausbleiben der von Ägypten oft vorgenommenen Stromabschaltungen ermöglichten ihm die Fahrt nach Kairo, wo ihn am Flughafen wieder die bereits bekannte Sonderbehandlung erwartete.

Aller menschenverachtenden Behandlung zum Trotz wird Said auch in diesem Sommer wieder seine Familie besuchen – mehr noch: Am Strand von Gaza werden Said und Nadia Hochzeit feiern. Und so wird Saids Heimreise Mitte Juli des Jahres noch einmal mehr zur nervlichen Zerreißprobe werden als im Normalfall.
________

Gaza
Der 40 Kilometer lange und zwischen 6 und 14 Kilometer breite „Gazastreifen“ (oder Gaza) grenzt an Ägypten, Israel und an das Mittelmeer. Auf der Fläche von 360 Quadratkilometern leben 1,6 Millionen Menschen. Als Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete steht Gaza formal unter deren Verwaltung.
Laut Bericht der UNUntersuchungskommission über den Gaza-Konflikt aus dem Jahr 2010 besitzt Israel aber weiterhin den
Großteil der Kontrolle über den Landzugang sowie die umfassende Kontrolle über den Luft- und Seezugang.

In der Antike war das Gebiet zwischen Afrika, Asien und Europa ein bedeutendes Handelszentrum und bekannt für seine Goldschmiedekunst. Gemäß UN-Ernährungsorganisation FAO lebte im Jahr 2006 81 Prozent der Bevölkerung Gazas unter der Armutsgrenze; die im Jahr 2007 verhängte Einfuhrblockade trägt weiter massiv zur Verschlechterung der Lebensbedingungen bei.


    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)