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Das Glück ist überall

Von: Anita Raidl

Du musst immer kämpfen, sagt Fiston Mwanza Mujila. In seinem neuen Stück erzählt der mehrfach ausgezeichnete Autor aus dem Kongo von Menschen, die auf der Suche nach dem besseren Leben Stärke beweisen. „Gott ist ein Deutscher” wird im Juli in der Inszenierung von Ernst M. Binder bei La Strada auf Deutsch uraufgeführt.


Der junge Mann nippt bedächtig am Kaffee, sein Blick wandert aufmerksam durch den Raum. Wenn Fiston Mwanza Mujila über sein jüngstes Theaterstück spricht, klingt das ruhig, konzentriert, und wie beim Schreiben,
wählt er seine Worte mit Sorgfalt. Einmal nachsichtig und dann offensiv und unnachgiebig.

Herr Mwanza Mujila, Sie wurden 1981 im Kongo geboren und sind dort aufgewachsen, leben aber seit 2007 fast durchgehend in Europa. Welche Beziehung haben Sie als Schriftsteller zu Ihrer Heimat?

Fiston Mwanza Mujila: Alle Schriftsteller/innen aus dem Kongo schreiben, wo immer sie auch leben, über die kongolesische Erde. Es gibt immer eine Verbindung zu dem Land, wo du geboren bist. Auch ich will solche Verbindungen schaffen.

Haben Sie zu Graz so eine Verbindung schaffen können? Sie waren ja Stadtschreiber und Megaphon-Kolumnist und schreiben nun an der Uni Graz eine Dissertation in Romanistik.

Mwanza: Nein, nicht so wie zu meinem Heimatland. Ich muss noch eine Verbindung zwischen Mensch und Stadt finden, ein „Feeling“ bekommen. Aber ich bin zuversichtlich. Das Glück ist überall.

Ihr Stück „Gott ist ein Deutscher“ handelt von einem Flüchtenden, der auf der Suche nach einem besseren Leben illegal von Afrika nach Europa geht und seine Ziele dort selbstbewusst umsetzen will. Gibt es Parallelen zu Ihrem Leben?

Mwanza: Nein, ich bin legal nach Europa gekommen. Ich habe 2007 nach meinem Studium der Literatur und Humanwissenschaften im Kongo ein Literaturstipendium in Belgien bekommen. Danach habe ich auch in Deutschland und Paris Stipendien erhalten und dort gelebt. Nach Graz bin ich als Stadtschreiber gekommen. Doch durch dieses Stück kann ich über die Realitäten der Zuwanderung und über mein Land sprechen. Über die Mauern, die zwischen Menschen stehen.
Flucht kann auch unwirklich sein. Vielleicht ist der Protagonist gar nicht geflohen, sondern hat nur geträumt. Alles kann auch nur im Kopf passieren.

Sie erzählen oft in Metaphern.

Mwanza: Mit diesem Stilmittel will ich zum einen Probleme im Kongo vermeiden, immerhin möchte ich dort später Literatur unterrichten. Zum anderen wird der Text durch die Sprachbilder universell, bunter, farbiger. Die Figuren im Stück könnten Menschen aus dem Kongo, aus Belgien, Österreich oder China sein und jede und jeder im Publikum wird das Stück auf eigene Weise verstehen. Außerdem spiele ich gerne mit Worten.

Warum sollte Gott ausgerechnet ein Deutscher sein?

Mwanza: Gott sollte keine Nationalität haben. Deutschland steht in meinem Stück für die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Im Stück droht eine „Stimme aus der Wand“ dem Flüchtenden, dass Monster ihn auffressen werden, sie beschimpft ihn als „Warzenschwein“ und „Idiot“. Wer ist diese Stimme?

Mwanza: Diese Stimme aus der Wand ist tatsächlich aggressiv. Sie ist die Stimme Afrikas. Viele Menschen verlassen den Kontinent und gehen nach Europa. Mutter Afrika will aber nicht akzeptieren, dass ihre Kinder gehen. „Bleib da!“, fordert sie enttäuscht und böse. Sie, die für ihre Kinder so wenig übrig hat.
Meine Heimat erinnert an eine schöne Frau, die jeden Morgen schöne Kinder zur Welt bringt, am Abend tötet sie sie im Meer. Ich wünschte mir eine Revolution wie in Ägypten, aber das ist sehr schwierig im Kongo, wo die wenigsten Menschen gut ausgebildet sind und ihre Rechte nicht kennen. Dennoch bleibe ich optimistisch, weil viele Junge in den Kongo wollen, um dort zu arbeiten. Und sie wollen eine Veränderung.

So wie die Heldin Ihres Stücks, wenn sie sagt: „Ich werde kämpfen bis zum letzten Blutstropfen, um erhobenen Hauptes zu gehen! Ich werden nicht sterben wie ein Hund!“

Mwanza: Du musst immer kämpfen, bis zum Ende. Und ich denke, es ist wichtig, für deine Träume zu kämpfen. In vielen Theaterstücken wirken die Migrant/ innen kraftlos. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.

In der Inszenierung von Ernst M.Binder spielt Mercy Dorcas Otien aus Kenia die Hauptrolle.

Mwanza: Ich dachte ursprünglich an einen Mann, nun ist es eine Frau. Und es funktioniert! Als hätte ich das Stück von Anfang an für eine weibliche Rolle geschrieben. Mercy Dorcas Otien spielt wunderbar, ihre Persönlichkeit und ihr Talent kommen voll zur Entfaltung.

Auch der Tod spielt mit.

Mwanza: Ja. Aber der Tod ist nicht immer negativ. Bei uns ist Sterben nicht der richtige Tod, denn danach beginnt ein anderes Leben. Sterben ist wie eine Befreiung von Problemen, die sich mit einem Mal lösen.



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