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Die neuen Dienstboten

Von: Annelies Pichler

Sie arbeiten als Babysitter, schrubben, kochen, füttern und wischen. Die neuen Dienstboten sind allgegenwärtig. Und bleiben dennoch seltsam unsichtbar. Ein Interview mit Autorin Sibylle Hamann.

Für ihr Buch „Saubere Dienste“ gab sich Autorin Sibylle Hamann als Putzfrau aus und schrubbte für sieben Euro die Stunde in fremden Haushalten. Dann setzte sie sich an den computer und verfasste ein Buch, in dem sie das Phänomen der neuen Dienstboten eindringlich beschreibt. Nicht zuletzt möchte sie damit erreichen, dass über all jene, die allgegenwärtig und trotzdem unsichtbar sind, endlich geredet wird.

Sie sind für Ihr Buch selbst in die Rolle einer Putzfrau geschlüpft. Was haben Sie an Erfahrung mitgenommen?

SIBYLLE HAMANN: Zuerst hatte ich mir gedacht, ich müsse jetzt eine fremde Biographie erfinden. Dann bin ich draufgekommen: Wenn ich in Moldawien geboren wäre, könnte mein Leben geradeso verlaufen sein, wie mein eigenes. Ich könnte eine gute Ausbildung haben, ein abge- schlossenes Studium, 2 Kinder, langjährige Berufserfahrung. Aber dann hätte es zu einem Bruch kommen können und ich hätte trotz meiner Ausbildung, meiner Laufbahn und meines Wissens in einem anderen Land, in einer fremden Wohnung landen können. Mit dem Putzlappen in der Hand. In den zermürbenden und teils sogar nervenzerfetzenden Situationen war ich mir auch bewusst, was für ein Privileg es war, dass ich die Freiheit hatte, jederzeit auszusteigen.

Haben Sie auch Schönes erlebt?

HAMANN: Als ich für einen taxifahrer aus Bagdad gearbeitet habe. Das war eine Begegnung auf Gegenseitigkeit, er wollte mir helfen, ich ihm. Es war schwer, da nicht mit offenen Karten zu spielen (speziell, als dieser Mann, der selbst nicht reich war, mir sogar ein trinkgeld gegeben hat). Immer noch habe ich das Gefühl, ich sollte ihm etwas zurückgeben.

Sie beschreiben, wie das Thema Dienstleistungen im Haushalt hierzu- lande gerade tabuisiert wird. Wie kommt es dazu?
HAMANN: Wir schleppen immer noch das alte Bild mit uns: Ist die Mama da, dann läuft schon alles richtig. Dann brauchen wir keine Kin- derkrippen, keine Pflegeheime und für die Kinder steht nach der Schule das Mittagessen auf dem tisch. teil dieser Lebenslüge sind die vielen Helferinnen, auf die man zurückgreifen muss, um das Bild aufrechtzuer- halten, und über die man nicht spricht. Sie springen als Babysitter ein, putzen das Klo, füttern die Oma und mähen den Rasen. Was aber wäre, wenn wir niemanden für diese Dienste engagieren könnten? Etwa, weil wir sie uns nicht leisten können? Wir sind gefordert, dieses Idealbild auf die Probe stellen. Solange es einen nicht selber trifft, ist sich jede/jeder sicher: „Es wird sich schon wer kümmern.“ So ist es aber nicht. Es sind die Frauen in den Mittsechzigern, die sich um ihre Eltern kümmern müssen, und auch um die Enkelkinder. Gleiches Pensionsalter? Wer kümmert sich dann?

In Schweden ist man da schon weiter. Wie ist es dazu gekommen?

HAMANN: Seit Jahrzehnten ist dort betont worden, alles, was Kinder, Familie und Haushalt betrifft, geht beide Geschlechter gleich viel an. Familie und Beruf müssen für Männer genauso wie für Frauen gut vereinbar sein. Wer nicht in Väterkarenz geht oder am frühen Abend noch einen geschäftlichen termin ausmacht, kommt nicht gut an. Dort werden vom Staat auch viel mehr Einrichtungen dafür geschaffen. Dort gibt es auch viel mehr kommunale Einrichtungen für Kleinkinder und pflegebedürftige alte Menschen. Bei uns würde das als zu starke Einmi- schung ins Privatleben empfunden.

In Österreich werden die eben genannten Leistungen vor allem „schwarz“ erbracht. Wie sehen Sie dieses Problem?
HAMANN: Es gibt in Österreich zwei Arten der Schwarzarbeit. Jene, die als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird. Nämlich dann,
wenn sie auf Baustellen oder in der Gastronomie praktiziert wird. In Be- reichen also, in denen es ganz klar ist, dass dem Staat dadurch Steuern entgehen. Aber es gibt auch jene andere Art von Schwarzarbeit, die schweigend hingenommen wird. Etwa Babysitter, Pflegerinnen, Putzfrauen. Da gibt es keine Behörden, die danach fahnden. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Sie wissen genau, dass sie das nicht abstellen können. Dafür
hat der Staat keine Lösung parat. Um das Dilemma zu lösen, müssten mehr Kinderkrippen und -gärten geschaffen werden, mehr Betreuungs- und Pflegeplätze. Da schauen auch die Staatsvertreter lieber weg und halten sich an eine Art Schweigeabkommen.

Ein Schweigeabkommen, hinter dem ja auch der Großteil der Bevölkerung steht. Was würden Sie daran ändern wollen? HAMANN: Ich will das nicht werten, nicht „furchtbar!“ schreien. Wir alle wissen, dass es schnell vorkommt, dass man einmal informell einen Babysitter braucht.
Keiner möchte, dass da dann gleich die Polizei da ist. Aber ich plädiere dafür, dass man mit diesem Problem ehrlicher umgeht und klare Regeln schafft. Dass man darüber redet. Natürlich soll es nicht schöngeredet werden.

Wie könnten solche Regeln ausschauen?
HAMANN: Es fehlt eine Definition der Grundstandards. Ich glaube keineswegs, dass man alle Arbeitsverhältnisse gleich in Angestellten- verhältnisse überführen muss. Es gibt Bereiche, die frei von Reglemen- tierungen bleiben sollen. Aber man könnte Richtlinien für einen Vertrag zwischen zwei Individuen schaffen. Ohne Bürokratie und Kammern. Gute Vereinbarungen helfen allen.

„Es wird geputzt, gewischt, gekocht, es werden Windeln für Kleinkin- der gewechselt und Windeln für inkontinente Erwachsene. Aber keiner verliert viele Worte darüber?“ beschreiben Sie in Ihrem Buch. Auch mit jenen, die all diese Arbeiten für uns erledigen, wird die Konversation meist auf ein Minimum beschränkt. Wie erklären Sie sich das? HAMANN: Die Leute sind verunsichert. Früher, in einer feudalen Gesell- schaft, gab es Regeln für den Umgang mit der Dienerschaft. Der Bauer hat gewusst, wie er mit dem Knecht redet, die feine Dame, wie sie sich an das Dienstmädchen wendet. Ganz so, wie es heute noch in Indien ist oder in den arabischen Ländern. Wir haben das verlernt.
Die Menschen, die für uns putzen, uns waschen, pflegen und versor- gen, lernen uns von unserer intimsten Seite kennen. Wir sehen, wie existenziell abhängig wir von ihnen sind. Etwa davon, ob ein Babysitter kommt oder nicht. trotz dieser gegenseitigen Abhängigkeit wissen Be- treuende und Betreute so wenig voneinander. Wir genieren uns. Wissen nicht, wie wir sie nennen sollen. Das führt zu dieser Abwehrreaktion, dass wir sie an- und verschweigen. Sie werden verdeckt, als würden sie gar nicht existieren.

Wie könnte man das ändern?
HAMANN: Wir leben schon recht lang, recht gut damit. Dieses hartnä- ckige Wegschauen kann fatal sein. Das hat sich im Umgang mit dem todesfall Denisa S. deutlich gezeigt. Es war, als wolle man die Existenz der Pflegerin auch nach ihrem tod im Jahr 2008 ignorieren. Selbst die Ermittler schauten weg. Bis sich Autor Martin Leidenfrost dazu ent- schloss, dem Fall nachzugehen, und sein Buch „Die tote im Fluss“ erschien. Ich wünsche mir aber, dass man darüber redet. Man kann natürlich vieles einfach ausblenden und mögliche unerfreuliche Folgen davon einfach in Kauf nehmen. Nur: Wie lange will man das?

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