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Der Schmerz fährt Achterbahn

Von: Christian Ankowitsch

Der elfjährige Martin leidet seit zwei Jahren unter peinigenden, chronischen Schmerzen. Die Therapie seinens Psychotherapeuten empfinden viele zunächst als Zumutung.

Die Geschichte von Martin beginnt hoffnungslos – und endet auf eine so optimistische Weise, dass ich sie mir immer wieder in Erinnerung rufen werde, für den Fall, dass ich wieder einmal nicht weiter weiß. Als Martin in die Klinik kam, wollte er nicht mehr. Der Elfjährige lag da und ertrug unbeteiligt, was man sich für ihn ausgedacht hatte. Martin hatte eine schwerkranke Mutter. Und er selbst litt unter chronischen Schmerzen. Es war nicht mehr zu rekonstruieren, woher sie kamen.

Mittlerweile war das egal: Jetzt waren sie da und gingen nicht mehr weg, obwohl es keine körperlichen Ursachen für sie gab. Seit zwei Jahren hatte es kaum eine Stunde im Leben des Jungen gegeben, in dem sich nicht alles um sie gedreht hätte. Manchmal wurden sie schwächer, doch anstatt sich darüber zu freuen, war es die Angst vor den Schmerzen, die nun an Martin nagte. Irgendwann würden sie zurückkehren.

Schmerzen sind eine eigenartige Sache. Sie sind ebenso real wie eingebildet, also das Produkt unseres Körpers ebenso wie unserer Wahrnehmung. So müssen wir einerseits akzeptieren, dass Martins Schmerzen echt sind, auch wenn sie keine körperliche Ursache (mehr) haben. Immer wieder feuert das Schmerzzentrum in seinem Gehirn und überschwemmt den Körper mit jenen Gefühlen, die wir empfinden, wenn wir die Hand auf eine heiße Herdplatte legen. Andererseits jedoch entscheidet Martins Wahrnehmung darüber, wie stark er diese Schmerzen empfindet bzw. ob er sie überhaupt spürt.

Jetzt saß Martin also in der Klinik und wollte nicht mehr. Ein Arzt hatte seinen Eltern empfohlen, mit ihm nach Datteln zu kommen, wo sich die einzige deutsche Einrichtung ihrer Art befindet. Sie ist auf Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen spezialisiert. Als Erstes ließen die Ärzte alle Medikamente verschwinden, weil damit bei chronischen Bauchschmerzen nachweislich nichts zu erreichen ist.

Fragt man den Psychotherapeuten Michael Dobe heute, wann und wie er auf die Idee gekommen ist, Kindern wie Martin völlig neue Perspektiven zu eröffnen, dann weiß er das nicht mehr so genau. Die Idee habe sich während vieler Monate geformt.

Losgegangen sei es 2003. Damals kam eine Reihe von Kindern mit chronischen Schmerzen in die Klinik. Während sich Michael Dobe und die vielen anderen Spezialisten auf der Schmerzstation um ihre Patienten kümmerten, stellte sich heraus, dass die meisten dieser Kinder unter Traumata litten: Manche hatten den Krieg im Kosovo miterlebt, andere schwere Verkehrsunfälle und wieder andere familiäre Gewalt–Erlebnisse, die ein verhängnisvolles Wechselspiel in Gang gesetzt hatten. Die Erinnerungen lösten chronische Schmerzen aus, diese Schmerzen wiederum riefen Erinnerungen an den Krieg oder den Verkehrsunfall wach, die Erinnerungen wiederum Schmerzen.

Eine klassische Strategie der Traumatherapie besteht darin, die Opfer im Laufe ihrer Behandlung mit ihren Erinnerungen zu konfrontieren, damit sie diese in den Griff bekommen. Eine Methode, so fiel Michael Dobe auf, die in der Schmerztherapie nicht verfolgt wurde. „Warum nicht?“, fragte er sich. „Ist das nicht eine Vermeidungsstrategie, wie man sie in der Taumatherapie nicht akzeptieren würde?“ Er kam zu dem Ergebnis, dass es genau so sein musste: „Wer Kindern zeigt, wie sie besser mit ihren Schmerzen umgehen können, dabei aber die Angst vor den Schmerzen unangetastet lässt, der hilft ihnen – aber nur halb.“

Dobe litt in der Vergangenheit manchmal unter Migräneanfällen. Daher weiß er auch, was seine Patienten brauchen und was nicht. „Verständnisvolle Gespräche helfen weder traumatisierten noch Schmerzpatienten“, sagt er. Man müsse den Kindern Fertigkeiten an die Hand geben, mit denen sie sich selber helfen können.

Michael Dobe begann zu experimentieren. Immer wieder fragte er sei- ne Patienten, die er „meine kleinen Mitwissenschaftler“ nennt, ob ihnen seine Angebote etwas gebracht hätten. Bis er schließlich im Austausch mit Kollegen entwickelt hatte, was seit kurzem unter Kinderschmerzspezialist/innen für Aufmerksamkeit sorgt: die „Schmerzprovokationstechnik“ bzw. „Pain Provocation technique“ (PPt).
Diese Methode ist eine Zumutung
Michael Dobe tut nämlich erst einmal das Falsche. Im Wissen darum, dass es sich bald als das Richtige her-
ausstellen wird, also das Hilfreiche. So mutet er Patienten wie Martin zu, sich ganz auf ihre Schmerzen zu konzentrieren. Ihnen nicht mehr auszuweichen. Das ist nicht nur deshalb eine Zumutung, weil diese Anweisung der Schmerztherapie widerspricht, die Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken. Sich auf einen Schmerz zu konzentrieren ist gleich- bedeutend mit dem Befehl: „Werde größer, Schmerz! Quäl mich!“
Kein Wunder also, dass die Kinder Angst bekommen, wenn Dobe ih- nen von seiner Idee erzählt. Dennoch lassen sich die Kinder auf Dobes Zumutung ein. Schleichen wir uns also für einen Moment in eine dieser Sitzungen, wie sie Michael Dobe veranstaltet.
Als er ihn bittet, sich ganz auf seinen Schmerz zu konzentrieren, zögert Martin erst, schießt die Augen und beginnt mit der peinigenden Übung. Weil Michael Dobe nicht weiß, wann Martin es geschafft hat, seine Schmerzen hervorzulocken, haben die beiden eine Verabredung getroffen. Sobald Martin es geschafft hat, muss er „stopp“ sagen. Nach etwa ein bis zwei Minuten ist es so weit. Martin sagt: „Stopp!“ Das ist Michael Dobes Stichwort, um mit jener „Ablenkungstechnik“ zu beginnen, die die beiden ausführlich besprochen haben und die Martin zusammen mit dem Team und alleine mehrmals pro tag geübt hatte. „Jetzt geh’ mit dem Schmerz einen Punkt nach unten, Martin“, sagt Dobe. Martin schießt die Augen, kurze Zeit später lächelt er ein wenig. „jetzt geh mit dem Schmerz zwei Punkte nach oben“, sagt Michael Dobe. Martins Lächeln verschwindet. Eine halbe Minute später nickt er. So lässt Martin seine Schmerzen Achterbahn fahren.
Aus der Perspektive des Beobachters wirkt diese Übung nicht weiter aufregend. Für Kinder wie Martin hingegen ist sie der Schritt in eine neue Welt. In dieser neuen Welt ist der chronische Schmerz keine dunkle, unbeherrschte Macht mehr. Sie lässt sich Befehle erteilen. Und wie das so ist mit Monstern, die unseren Befehlen gehorchen, sie hören auf, welche zu sein. Dazu sagen Kinder wie Martin: „Ich bin jetzt der Chef.“

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