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Trilogie der Süchte

Von: Annelies Pichler

Anja Salomonowitz ist eine junge Wiener Regisseurin. Mit Dokumentarfilmen wie „Kurz davor ist es passiert“ und „Das wirst du nie verstehen“ machte sie international auf sich aufmerksam. Ihr erster Spielfilm „Spanien“ handelt von einem moldawischen Migranten auf der Durchreise, einer Wiener Restauratorin, einem Fremdenpolizisten und einem Kranfahrer. Und er ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale.

Ist „Spanien“ für Sie ein Film über Flucht?
ANJA SALOMONOWITZ: Das wäre zu kurz gegriffen, ich würde sagen, es ist ein Film über Leidenschaften und Süchte, über die Suche nach Halt in einer gottlosen Welt. Es ist ein Märchen mit
Anker in der Realität, wie alle Märchen. Wir haben dazu die trilogie „Sehnsucht, Eifersucht, Spielsucht“ erfunden, ich denke, die passt sehr gut.

Wie ist es zur Grundidee gekommen? Warum dieses Thema?

SALOMONOWITZ: Meinen Co-Autor, den bulgarischen Schriftsteller Dimitré Dinev, habe ich über seine Bücher („Engelszungen“ etc.) gekannt, also habe ich ihn aufgestöbert und wir haben uns im Kaffeehaus getroffen. Jeder von uns hat andere Voraussetzungen mitgebracht. Ich habe zu der Zeit für einen Dokumentarfilm bei der Fremdenpolizei recherchiert. Und dort bin ich auf die Macht gestoßen, Liebe durch Gesetze zu zerstören. Das schien mir als thema sehr interessant. Es gab daher die Grundkonstellation, der Fremdenpolizist, der die neue Liebe seiner ehemaligen Frau zerstören kann. Mit Dimitré hat sich das Drehbuch dann natürlich stark verändert und es ist auch viel Autobiographisches von ihm dazugekommen. Wir sprachen gleich über die Figuren _ überhaupt haben wir das Drehbuch aus den Figuren heraus entworfen. Einige Zeit später haben wir dann richtig zu arbeiten begonnen.

„Spanien“ greift eine ganze Reihe großer gesellschaftlicher Proble- me auf und erzählt trotzdem ein Märchen. Warum haben Sie sich für diese ästhetische, manchmal fast surreale Erzählform entschieden?
SALOMONOWITZ: Die Farblichkeit ist mir sehr wichtig, denn sie soll die charaktere untermalen. Die Farbwelt dient der Dramaturgie. Der Film ist ja auch oft sehr dunkel. Im Drehbuch war unsere Vorgabe an uns selbst, wenig über Worte und viel über Handlung und taten zu
erzählen. Über die Bildsprache. Dazu braucht es intensive Bilder.

Sie haben bislang vor allem Dokumentationen gedreht. Sind Dokus und Spielfilm für Sie zwei grundsätzlich unterschiedliche Dinge?
SALOMONOWITZ: Für mich ist jeder Film ein ganz eigener Kosmos. Was meine Filme betrifft, mache ich keinen Unterschied zwischen
Spielfilm und Dokumentarfilm. Außer vielleicht im Budget (lacht). Meine Dokumentarfilme werden gedreht wie Spielfilme, ich versuche, das Leben der Menschen zu verstehen, und lasse sie Szenen aus ihrem Alltag nachspielen. Ich suche nach filmischen Entsprechungen
für das, was ich gesehen habe. Umgekehrt war es mir wichtig, dass die Schauspieler im Spielfilm die Lebenswelten kennen, die sie dar- stellen sollen, in denen sich die Figur bewegt, die sie spielen.

„Spanien“ läuft bei der Berlinale und ist dann Eröffnungsfilm der Dia- gonale. Sehen Sie sich als Vertreterin des österreichischen Films, oder spielt Nationalität hier keine Rolle?
SALOMONOWItZ: Filme brauchen keinen Reisepass. Aber natürlich entsteht mein Film in einem Umfeld, das mich geprägt hat, und ich freue mich über die Erfolge der Kolleginnen und Kollegen. trotzdem hat Bar- bara Pichler, die Intendantin der Diagonale, „Spanien“ als „sehr unöster- reichisch“ bezeichnet. Das verstehe ich durchaus als Kompliment und natürlich freut es mich auch, dass mein Film die Diagonale eröffnen wird.

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