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Wenn wir Zäune bauen, wird es gefährlich

Von: Nina Popp

Am liebsten sind sie in der Innenstadt. Wie Tourist/innen. Ihr Pech: Sie sind jung und haben kein Geld. Und weil manche der jungen Grazer/innen auch optisch nicht ins Bild passen, werden sie von der Mitte an den Rand gedrängt. Über die Raumnot junger Leute und die Parteilichkeit von Jugendstreetwork.

Was sie sich von Graz wünscht? „Einen Platz, wo du ganz einfach mit deinen Freunden abhängen kannst und nichts konsumieren musst“, sagt Yvonne. „Denn das findest du kaum.“

Streetworker/innen bestätigen die Beobachtung der Grazer Schülerin: „Der Freiraum für Jugendliche in dieser Stadt schrumpft seit Jahren kontinuierlich“. Mit permanenter Kontrolle vertreibt man sie von ihren Treffpunkten und nimmt ihnen zugleich einen wichtiges Lernfeld. Denn die Frage, warum diese Orte für Jugendliche wichtig sind, lässt sich ganz einfach beantworten. Sie lernen.

„Das Erwachsenwerden basiert auf drei Säulen“, erklärt Helmut Steinkellner, Leiter der Caritas Jugendstreetwork. „Zunächst sind die Familie bzw. eine Wohngemeinschaft von Bedeutung. Zum zweiten Schule, Lehre oder Ausbildung. Drittens ist es der Raum dazwischen, der vollkommen unterschätzt wird.“ Im Gegensatz zu den ersten beiden, wo Regeln und Kontrolle dominieren, sei der letzte Bereich ein Ort für Experimente, wo die Jugendlichen wirklich erwachsen werden, weil sie dort ihre Regeln selbst suchen, die Grenzen erkunden und einschätzen müssen.

„Wenn sich Jugendliche in Parks, auf der Straße, auf Plätzen aufhalten, wenn sie entscheiden, was sie mit der Zeit zwischen Schule und Zuhause anfangen, dann lernen sie Eigenverantwortung“, so Steinkellner. Grenzerfahrungen und Risikomanagement gehören dazu. Weil ihnen dieser Freiraum abhanden kommt, ziehen sich Jugendliche in jüngster Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Wenn sie auf dem engeren Raum mit den destruktiven Seiten des Lebens konfrontiert werden, sind sie isolierter und damit gefährdeter als noch vor kurzem. Für Streetworker/ innen heißt das, dass es schwieriger wird, sie zu erreichen. Ein Grund, weshalb sich das Jugendstreetwork-Team mit Gesprächen, Beratung und Aktionen auf Straßen und in Parks Platz einfordert.

Noch vor fünf Jahren galt der Jakominiplatz für viele Jugendliche als Wohnzimmer, erzählen die Streetworker/innen. In kürzester Zeit konnten sie 30 bis 40 Kontakte auffrischen und damit das notwendige Vertrauen für eine Beziehung festigen, das beim Ausstieg aus einer destruktiven Situation helfen sollte. Auch der Pavillon im Stadtpark war für Jugendliche und junge Erwachsene ein wichtiger Ort, weil dort das Feiern möglich war und Anrainer/innen nicht gestört wurden. Aufgrund seiner Erfahrung und der Kooperation in einem internationalen Forschungsprojekt warnt Steinkellner unmissverständlich vor Ausgrenzung: „Wenn wir Zäune bauen, bewegen wir uns auf ganz gefährlichem Terrain.“

Zwar kein Gitter, aber unangenehme Kontrollen haben Yvonnes Freund/ innen vom Brunnen in Opernnähe oder vom Tummelplatz vertrieben. Sie selbst hat mit der „Anlaufstelle“ in der Schönaugasse eine Alternative gefunden. „Ein Rückzugsort“, meint sie. Mehr will sie nicht dazu sagen. Vor vier Jahren war sie zum ersten Mal da und es habe einfach gepasst. Damals und in anderen schwierigen Momenten. Gespräche mit den Streetworker/innen haben ihr geholfen, eigene Entscheidungen zu treffen und sie haben wertvolle Gedanken geliefert, auch wenn die Ideen der Älteren ihren eigenen Vorstellungen im ersten Moment manchmal widersprachen.

„Entspannt“, beschreibt ein anderer Besucher den Treffpunkt. Es sei wie eine „Family“ gewesen und mit Streetworker Alex hatte er jemanden gefunden, mit dem es sich einfach gut reden ließ. In der Schönaugasse ist der junge Mann schon länger nicht mehr anzutreffen. Keine Zeit. Jetzt beschäftigen ihn Abendschule und Job. Aber damals war es „voll entspannt“.

Das Team der Jugendstreetwork in Graz ist mit rund 300 Jugendlichen in Kontakt. Der gemeinsame Nenner: Sie sind unter 21 und in schwierigen Situationen. Mit einigen beginnt der Kontakt auf der Straße. Nach Reibereien mit den Eltern, wenn das Gefühl, einfach von niemandem verstanden zu werden, zu groß wird. Oder weil Gewalt, Sucht oder eine Straftat das Leben belasten. Manche lotst Mundpropaganda in die Anlaufstelle, weil sich die Prinzipien der Einrichtung inzwischen herumgesprochen haben: absolut verschwiegen, anonym und parteilich für die Jugendlichen.

Die Straße als Lernfeld ist ein wesentliches Spiegelbild für unsere Erwachsenenwelt, ergänzt Helmut Steinkellner und sieht darin gleichzeitig ein großes Problem der Erwachsenen, die jene Konflikte nicht sehen wollen, die die Jugendlichen ziemlich ungeniert austragen.

Die politische Bedeutung von offener Jugendarbeit ist belegt, ihre gesellschaftliche Bewertung in einer zahlenorientierten Gesellschaft offen. „Streetwork ist wie Hausarbeit“, meint Steinkellner. Nur wenn sie ausbleibt, fällt es auf und die Empörung über die Zustände wird laut.

Die Frage, die der Experte daher an Politik und Gesellschaft stellt: Wo wollen wir hin? Wie schaut die Utopie aus? „Dann wird ganz klar, ob wir für Jugendliche Platz haben.“

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