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Ein moralischer Skandal

Von: Wolfgang Kühnelt

Vergangenes Jahr setzte sich Breisach mit Gleichgesinnten auf die Straße, um gegen das „Bettelverbot“ zu demonstrieren. Als Treffpunkt für das Interview schlägt er das Café eines Grazer Hotels vor: „Dort kann man ungestört reden – und rauchen!“

Der Doyen der Grazer Kultur Emil Breisach über das Bettelverbot und die Freiheit im öffentlichen Raum.

Herr Breisach, wie sind Sie zum „Protestbetteln“ gekommen?

EMIL BREISACH: Ich habe die Ereignisse schon länger verfolgt, ich bewundere Pfarrer Pucher für seine Aktivitäten. Und ich glaube, dass der Beschluss unseres Landtags ein demokratischer und moralischer Skandal ist.

War Ihr Protest von langer Hand geplant?

BREISACH: Nein, das war spontan. Wir wollten wissen, wie die Öffentlichkeit und die Politik reagieren würden. Und letztere hat reagiert, es ist diese Anzeige gegen uns gekommen, die mittlerweile im Sande verlaufen ist.

Wenn die persönliche Frage erlaubt ist: Wie viele Euros verteilen Sie an Bettler?

BREISACH: Ich gebe jedem, dem ich über den Weg laufe, einen Euro, manchmal zwei. Ich freue mich innerlich, dass ich etwas Vernünftiges getan habe.

Apropos öffentlicher Raum: Sie waren Erfinder des Festivals La Strada in Graz. Wann wird die Straßenkunst, speziell Straßenmusik, in dieser Stadt verboten?

BREISACH: Es bilden sich kleine Musikgruppen, das ist international üblich, bei uns aber relativ geringfügig. In England begegnen einem Musiker in jeder Untergrund-Station, an jedem öffentlichen Platz. Ich finde das sehr belebend.

Sie haben einst das Forum Stadtpark als Ort des offenen Dialogs etabliert. Der nahe gelegene Pavillon hingegen wurde vor kurzem umzäunt, damit er nicht sozialen Randgruppen dient. Erleben wir gerade ein neues Biedermeier?

BREISACH: Ich fände es schön, das Stadtbild insgesamt zu beleben. Statt- dessen sind die meisten Spektakel vor dem Rathaus, so dass man oft nicht weiß, ob das offizielle Veranstaltungen sind.

Wie geht es mit dem Bettelverbot weiter?

BREISACH: Wir hören, dass der Verfassungsgerichtshof sich intensiv damit beschäftigt und dass vor dem Sommer eine Entscheidung fallen könnte.

Und was glauben Sie, wie wird diese Entscheidung aussehen?

BREISACH: Ich nehme an, dass das Gericht das Bettelverbot rückgängig machen wird, ja machen muss. Übrigens möchte ich den Abgeordneten im Landtag empfehlen, den Koran durchzublättern. Eines der Hauptgebote für den gläubigen Muslim ist es, an die Hilfsbedürftigen zu spenden. Und wenn man sich die Bergpredigt durchliest, gibt es dort deutliche Hinweise, dass das christliche Gedankengut davon ausgeht, den Armen, die es überall gibt, zu helfen.

Emil Breisach, geboren 1923, war nach dem 2. Weltkrieg überall dort dabei, wo in Graz Kulturgeschichte geschrieben wurde. Er war Intendant des ORF Steiermark, Regisseur, Autor, Miterfinder des steirischen herbsts, Präsident des Forum Stadtpark, Gründer der Akademie Graz und des Festivals La Strada. Seit seinem 80. Geburtstag veröffentlicht er Lyrik.

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