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Europas Schmach

Von: Annelies Pichler

Der Fotograf Alain Keler legt mit „Reisen zu den Roma“ einen Reportageband vor, der Comic, Sachbuch und Dokumentation in einem ist.

Am 11. November 2008 werden der Fotograf Alain Keler und einer seiner Kollegen am Eingang des Belgrader Lagers Gazelle abgesetzt. „Gehen Sie alleine weiter, wenn Sie wollen. Ich drehe hier um“, sichert sich der Fahrer ab.

Die Szene ist der Einstieg ins zweite Kapitel des Graphic-Novel „Reisen zu den Roma“ (Edition Moderne), in denen Alain Keler jenen Teil seines Lebens beschreibt, in dem die Roma sein großes Thema geworden sind. Gezeichnet von Emmanuel Guibert sieht man ihn bei dieser Ankunft. Spannung liegt im Bild, die Farben, die Gestalter Frédéric Lemercier dafür gewählt hat, sind gedeckt.

Dreißig Jahre lang war Keler für die großen Presseagenturen unterwegs, für seine Dokumentation der ethnischen Minderheiten der ehemaligen Sowjetunion war er 1997 mit dem Eugene-Smith-Preis für humanistische Fotografie ausgezeichnet worden. Als er im Juli 1999 in den Kosovo reiste, um die Zerstörungen des davor beendeten bewaffneten Konflikts zu dokumentieren, traf er auf die Roma. Ihre Ausgrenzung und Perspektivenlosigkeit ließen ihn nicht mehr los.

Seither reist er quer durch Europa, um Roma zu treffen, mit ihnen zu reden, sie zu fotografieren. Und brachte, wie er es selbst nennt, „eine Sammlung von Momentaufnahmen“ mit.

Diese Momentaufnahmen werden von Zeichner Emmanuel Guibert aufgegriffen, dessen Bilder die Geschichte dieser Reisen und damit auch der Roma mit den Mitteln der Grafik erzählen und mit Bildern, die sich aus den Fotografien herleiten und den Leser, die Leserin, besser: die Schauenden fast magisch in die Welt der Roma ziehen.

Zu einer Einheit gebracht werden Fotos und Bilder vom Gestalter Frédéric Lemercier, der gemeinsam mit Emmanuel Guibert bereits mit dem Bestseller „Der Fotograf“ Erfolg hatte. Wieder ist das Ergebnis ein Comic-Reportageband mit Sachbuch-Qualitäten. Fotografien wie Bilder zeigen Elend, strukturelle Gewalt und Diskriminierung. Dennoch finden sich auf der anderen Seite immer noch Kraft, Mut und Leben. Damit auch Bilder, die man lange anschaut. Gerne. Doch das ist allein das Verdienst der Roma.

„Je weiter Kelers Reisen durch Europa fortschreiten, desto deutlicher entsteht ein für diesen Kontinent schmachvolles Bild“, fasste es der deutsche Rezensent Steffen Vogel in Worte.
Die Verknüpfung von Kelers Leben mit jenen der Roma hält bis heute an. Im letzten Kapitel zeigt er die Roma vom Montreuil in seiner Heimat Frankreich. Er erzählt von Écodrom, jener Organisation, die er tatkräftig unterstützt, wenn er nicht gerade für seine Reportagen unterwegs ist. „Die Roma sind
der erste Riegel der Demokratie, der gesprengt wird“, zitiert er in seinem Epilog eine Historikerin, deren Namen ihm nicht mehr einfallen will, und warnt: „Wenn wir die Schwächsten im Stich lassen, ist es schlimm um uns bestellt, denn das ist immer ein gesellschaftlicher Rückschritt. Es ist eine Entmenschlichung.“

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