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Der Fluch, eine Wassergöttin zu sein

Von: Annelies Pichler

Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Joana Adesuwa Reiterer wurde von ihrem Vater verstoßen, weil er sie für eine Ogbanje hielt, eine Wassergöttin.

Mit Ihren Büchern „Die Wassergöttin – wie ich den Bann des Voodoo brach“ und „Hexenkind“ verarbeiten Sie auch Ihre eigenen Erfahrungen. Sie erzählen von Ihrer behüteten Jugend, die damit endete, dass Ihr eigener Vater Sie für eine Ogbanji hielt, eine Wassergöttin, und dass er Sie deswegen verstoßen hatte. Eigentlich könnte man denken, Göttinnen flößen Ehrfurcht ein. Wie ist es wirklich?

Joana Adesuwa Reiterer: Ja, eigentlich sollte es etwas Schönes sein, wenn man als Göttin bezeichnet wird. Aber im Wort Ehrfurcht steckt auch schon die Furcht. Göttinnen werden als beängstigende Wesen gesehen.

Was ist eine Ogbanje?

Reiterer:
Viele Menschen in Westafrika glauben, Ogbanjes, Wassergöttinnen, seien Menschen mit übernatürlichen Kräften, die Reichtum, Fruchtbarkeit und Ruhm bringen können. Da beginnt auch schon das Problem. An allem, das schlecht läuft, ist dann auch gleich die Wassergöttin schuld. Wenn aber etwas Negatives passiert oder die Sachen schief laufen, heißt es gleich, dass sie ihre Kräfte für das Böse einsetzt. Dann kommen Pfingstprediger und Juju-Priester und zwingen sie, zu bekennen.

Sagst du aber, du seiest wirklich eine Ogbanje, musst du auch zeigen, wie gut du bist. Dann bleibt dir nur noch die Flucht. Niemand kann dir helfen.

Kulte um Hexen und Göttinnen wie die Ogbanje können auch als Teil einer alten erhaltenswerten Kultur gesehen werden. Wo liegt die Grenze?

Reiterer: Viel zu oft kommt es vor, dass Kriminelle unsere Überlieferungen für ihre Zwecke missbrauchen. Wenn eine Kultur verlangt, Menschen zu verstören, abhängig zu halten, sie in Angst zu versetzen, dann muss sie verboten werden. Die Täter berufen sich auf „Kultur“ und schon wagt es niemand mehr, Kritik zu üben. Nicht einmal internationale Organisationen wie z. B. das UNHCR setzt diesen Schritt und auch keine Regierung. Das ist aber kein Problem, das die Betroffenen allein regeln können – leider.

Gibt es diese Kulte auch in anderen Ländern?

Reiterer: Diese Art, Überlieferungen vorzuschieben, um missbräuchlich Macht auszuüben, wird in vielen Ländern der Welt angewandt. Nicht nur in Nigeria, es ist ein globales Phänomen, das mit der Migration noch wächst; und es liefert potentielle Opfer für viele andere Verbrechen. Dabei kann man diese Form der Gewalt bekämpfen, ohne die Glaubensvorstellungen der Bevölkerungen zu verletzen. Wenn wir dieses Problem aus der Menschenrechts-Perspektive betrachten, werden wir auch diese Grenze definieren können. Genau wie bei der Genitalverstümmelung von Frauen.

Wie viele Frauen sind durch obskure Sekten und Kulte bedroht, misshandelt und in die Flucht getrieben worden? Gibt es Schätzungen?

Reiterer: Seit 1960 sind in Afrika mindestens 100.000 Frauen und Kinder wegen Hexerei ermordet worden.
Für ihr Buch „Hexenkind“ haben Sie wieder in Afrika recherchiert.
Reiterer: Ja, mit „Hexenkind“ nehme ich meine Leser/innen gewissermaßen mit auf eine Reise in meine Vergangenheit im ländlichen Nigeria und in einige „Hexendörfer“ Westafrikas. In dieser Region gibt es zudem eine erschreckend hohe Zahl an Straßenkindern, die von ihren Familien für die ungeheuerlichsten persönlichen oder finanziellen Entwicklungen verantwortlich gemacht und aus dem Haus gejagt werden. Ausbleibende Schwangerschaften, geringe Ernteerträge oder der Tod eines nahen Verwandten gelten als Beispiele für das offensichtliche Wirken von Hexen.

Nachdem Sie von Ihrem Vater verstoßen worden sind, weil er Sie für eine Ogbanje hielt, waren Sie obdachlos. Trotzdem haben Sie später ein Universitätsstudium in Polymertechnologie abgeschlossen. Wie haben Sie das geschafft?

Reiterer: Es gab Zeiten, in denen auch ich nicht mehr die Kraft hatte, weiterzumachen. Es gab auch viel Gewalt auf die Straße. Ich hatte aber von meinen Eltern auch eine gute Grundlage für mein Leben bekommen. Bis zum zehnten Lebensjahr lebte ich ja in stabilen Verhältnissen. Das stärkt für die schlechten Zeiten. Leider hat die Mehrheit der betroffenen Kinder keine solche Stütze. Es war sehr schwer, bei meinem Vater zu wohnen, als er mich schon als Ogbanje sah. Wenn ich mit meinem Wissen von heute noch einmal vor die Entscheidung zur Flucht gestellt würde, ich würde mich gleich entscheiden. Nur so konnte ich dem Tod entkommen.

2006 haben Sie den Verein „Exit“ gegründet. Wofür steht er?

Reiterer: Die wichtigsten Anliegen des Vereins Exit sind die Aufklärung der afrikanischen und europäischen Öffentlichkeit über Menschenhandel und Zwangsprostitution. Wir klären aber auch Afrikaner/innen in ihren Heimatländern über den brutalen Handel mit Frauen und Mädchen auf. In Österreich unterstützen wir Frauen beim Ausstieg aus der Zwangsprostitution.

Wie geht es Ihnen bei Ihrer Arbeit?

Reiterer: Unsere Hauptherausforderung ist die Finanzierung. Zu den großen Erfolgen zählen die Aufklärungsarbeit vor Ort wie auch die Kooperation mit Polizeistellen in Österreich. Erst vor kurzem haben wir ein neues Projekt initiiert: Jel, einen Schmuck- und Accessoire-Laden im 8. Wiener Bezirk, im Internet ist er unter www.joandre.com zu finden. Über ihn wird vom Menschenhandel betroffenen Frauen die Möglichkeit geboten, nach einer Kunsthandwerkausbildung als selbständige Lieferantinnen aktiv zu werden.

***
Joana Adesuwa Reiterer arbeitete in der nigerianischen Film- & Entertainment-Industrie als Schauspielerin, Ausstatterin und Eventmanagerin.
2003 übersiedelte sie nach Österreich. Im August 2006 gründete sie den Verein EXIT mit dem Ziel, Frauenhandel aus Afrika zu bekämpfen. Sie recherchierte mit Corinna Milborn und Mary Kreutzer für das Buch „Ware Frau“. Ihrer Autobiographie „Die Wassergöttin“ folgte 2011 der dokumentarische Roman „Hexenkind“.

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