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Zeit zum Gehen

Von: Nina Popp

Seelen wandern, heißt es. Wo aber finden die Seelen jener Menschen Ruhe, die zu Lebzeiten weiter unterwegs waren, als ihnen lieb war? Von afrikanischer Begräbniskultur mitten in Graz, fröhlichen Trauerfeiern und vom langen Abschied.

Einen Fixplatz im Himmel kann niemand versprechen. Aber Orte, wo die arme Seele Ruhe findet, die gibt es in Graz. Für alle. Auf den katholischen und evangelischen Friedhöfen der Stadt auch für Nicht-Christ/innen. In Wetzelsdorf hat der Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde die Zeiten überdauert.

Am muslimischen Gräberfeld wurden die Grabstätten nach Mekka ausgerichtet und Rahmenbedingungen für rituelle Waschungen geschaffen. Es gibt Platz in der Erde, Nischen für Urnen und wenn deren Verweildauer endet, bleibt der Name, in eine Glaswand geritzt. Es gibt Bäume und Rasenstücke, unter denen sich gut ruhen lässt. Die Asche darf mittlerweile übers Meer und die Alpen fliegen oder im Wohnzimmerschrank rasten.

Kaum ein Wunsch bleibt unerfüllt und der Tod ist ein Wirtschaftsfaktor geworden. Die schöne Leich kostet eben. Dafür sind Parte und Grabschmuck vom Feinsten. Was fehlt? „Die Zeit. Der Abschied wird immer schneller“, resümiert Johann Frühstück, als langjähriger Friedhofsombudsmann ein Kenner der Szene. Joseph Dim vom afrikanischen Kulturverein Baodo in der Lazarettgasse ist derselben Ansicht. „Hier geht alles so schnell. Oft bleibt nicht einmal Zeit für ein Totenmahl.“

Abschied im Eiltempo. Das passt gar nicht zur Vorstellungswelt der Afrikaner/innen. Und Joseph Dim listet noch einige Dinge auf, die die Autorin an die Kindheit am Land in den 60er Jahren erinnern. Der Abschied am offenen Sarg, das gemeinsame Trauern, das schon Tage vor dem Begräbnis beginnt. Das Kondolieren und Lamentieren. Aufmerksamkeit für die Hinterbliebenen, Gesten und Riten. Schwarze Kleider und Armbinden. Der Zug, der sich durch den Ort bis auf den Friedhof schlängelte und an dessen Länge sich Beliebtheit und Reputation der bzw. des Verstorbenen erkennen ließ. Wer konnte, kam zur Verabschiedung, und zum Totenmahl war selbstverständlich der halbe Ort geladen. „Ein Fest, wenn Gott uns heimführt“, wie Martin Gutl schrieb.

Wenn in Graz ein Mitglied der afrikanischen Community stirbt, beschäftigt die Trauer nicht nur die Familie. Nach dem engsten Kreis und den Freund/innen erfahren die Angehörigen der eigenen Nationalität vom Tod, dann werden Schritt für Schritt die übrigen Ländervereine benachrichtigt und in die Feierlichkeiten eingebunden.
Von 10 Afrikaner/innen, die in Graz sterben, werden im Durchschnitt sechs in Graz begraben. Die meisten von ihnen am Zentralfriedhof. Die verbleibenden 40 Prozent werden mit erheblich höherem Aufwand in ihre Heimatländer überführt. In jedem Fall nimmt ein aufwändiges Prozedere seinen Lauf. Die Organisation eines geeigneten Raums, die Einladungen an Zelebrant/innen und Trauergäste, die Anreise, das kann dauern. „In Österreich Tage, in Nigeria Wochen und Monate“, meint Josef Dim.

„Eine afrikanische Trauerfeier ist tatsächlich ein Fest“, beschreibt Veronika Dreier, Künstlerin und Kulturvermittlerin im NIL, den markanten Unterschied zu österreichischen Begräbnissen. Da hat Traurigkeit Platz und Fröhlichkeit, aber vor allem ist es ein Fest.
Gut sichtbar, wenn sich Frauen, Männer und Kinder in festlicher Garderobe oder der Tracht von ihrem Vereinsmitglied verabschieden. In den letzten Jahren wurde es Mode, dass die Verwandten ein Porträt der oder des Verstorbenen auf ein T-Shirt drucken lassen. „Auch bei technischen Details, Musik oder Beleuchtung, zeigen sie sich Modernismen gegenüber aufgeschlossen“, beobachtet Dreier. Geschenke sind wichtig. Jede/r gibt, was möglich ist. Oft bringen die Gäste den Hinterbliebenen Stoffe mit: bunt gemusterte Textilbahnen, die erst als Dekor Farbe in die Trauerfeier bringen und der Familie später als verwertbares Material bleiben.

Im Bild – am T-Shirt oder im gerahmten Bild, das mitgetragen wird, wenn gesungen, gesprochen, geweint, getanzt wird – sind die Toten präsent, wahrscheinlich stärker als bei uns. Und bevor der Körper der Erde übergeben wird, verbinden sich für die Trauergesellschaft christliche Elemente mit uralten, magischen Riten. Litanei und Beschwörung, Segen und rituelle Handlung. Etwa, wenn die Hinterbliebenen sichergehen wollen, dass die oder der Betrauerte nicht doch noch am Leben ist. Wie zuletzt in Graz, nach dem Tod des Biafra-Führers Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu, als ein ungewöhnlicher Trauerzug mit Bildern des Verstorbenen, mit einer Maskengestalt, tanzend und singend die Innenstadt durchquerte. „Wir suchen ihn und finden ihn nicht!“, hieß es im Refrain. Oder beim Tanz der Frauen, die mit den Füßen die Erde über dem Grab planieren.

Es geht fröhlich zu und es wird laut, weil die Trauer weh tut und hinausgeschrien, in den Boden gestampft werden darf. Wenig überraschend, dass die Verbrennung, die in Graz mit etwa 70 Prozent mittlerweile häufigste Art der Bestattung, für Afrikaner/innen keine Option ist. „Das Feuer“, meint Joseph Dim, „erinnert zu sehr an die Hölle und die kann warten. Deshalb begraben wir unsere Toten in der Erde, dann liegt es an Gott, zu entscheiden.“

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