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„Arme Roma, böse Zigeuner“

Von: Wolfgang Göderle

Norbert Mappes-Niediek, Südosteuropa-Korrespondent österreichischer und deutscher Medien, analysiert in seinem neuen Sachbuch die Lage der Roma und hinterfragt tradierte Bilder.


Eines sei vorweggenommen: Den Anspruch, den der polemisch formulierte Untertitel erhebt, löst Mappes-Niediek nicht ein. Vielmehr überzeugt seine brillante und hervorragend zu lesende Analyse zur Situation der Roma in Europa. Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, deren Überschriften mitunter ziemlich direkt formuliert sind (Etwa: „Auf dem Weg nach Westen oder: Warum kommen sie, und was suchen sie hier?“). Dabei werden die zentralen Stereotypen angesprochen: Rom oder Romni zu sein bedeutet im westlichen Mediendiskurs im Wesentlichen, einer Ethnie anzugehören, die durch Armut, Kriminalität und Migration charakterisiert ist.

Um die Sache herumzureden liegt Mappes-Niediek dabei nicht, er nennt die Dinge beim Namen und zeichnet sich durch eine Direktheit aus, die ihresgleichen sucht. Sind  Roma dümmer als Nicht-Roma? Mappes-Niedieks Recherchen lassen vielmehr an der Intelligenz mancher Intelligenzforscher zweifeln. Woher kommt die Armut und warum entkommen ihr die Roma nicht?
Mappes-Niediek erklärt die „Ökonomie der Armut“ und lässt damit häufig marginalisierte Verhaltensweisen mit einem Mal ziemlich klug erscheinen. Außerdem zeigt er auf, dass bei weitem nicht alle Roma arm sind, Medien aber wenig Interesse an jenen haben, die ein geordnetes, „normales“ Leben führen und so am Ende häufig nicht mehr als Roma wahrgenommen werden. Wie sieht es mit dem „Wanderdrang“ aus, können Roma nicht sesshaft
sein? Wie kriminell sind die Roma? Wie gestaltet sich ihr Familienleben? Was ist die „Gypsy-Industry“? Und wie könnte man ihre Situation verbessern?

Mappes-Niediek schreibt niemals über die Roma alleine. Er setzt sie immer in Beziehung zu den Ländern, in denen sie leben. Er zeigt auf, dass viele Roma-typische Lebensweisen und Verhaltensmuster vielmehr typisch für eine Region (beispielsweise den Balkan) sind. Er räumt mit der Vorstellung auf, dass Roma immer und überall Schwierigkeiten mit allen anderen haben. Und er beschreibt, was sich Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien einfallen lassen, um die Situation von Roma zu verschlechtern.

Jemand, der nicht die Souveränität, die Autorität und das Renommee eines Mappes-Niediek hat, könnte „Arme Roma, böse Zigeuner“ so nicht schreiben, ohne sich Anwürfen und Anfeindungen auszusetzen. Es ist ein Grenzgang, der ihm aber gelingt, weil er sich souverän in diesem Teil Europas auskennt und weil er ein sehr nüchterner, sachlicher und brillant argumentierender Autor ist. Trocken ist allenfalls sein Humor, aber niemals die Lektüre. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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