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Heimkommen ist immer ein Hammer

Von: Annelies Pichler

Christian Hlade hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Das Reisen. Er ist Gründer und Geschäftsführer von „weltweitwander n“, einem Unternehmen, das auf der Erfolgswelle schwimmt. Als Reisender ist ihm das Thema Rückkehr vertraut.

Sie haben sich vor kurzem ein Jahr Auszeit gegönnt und Ihrem Team alles Geschäftliche anvertraut. Wie war es für Sie, danach wieder zurückzukommen?

Christian Hlade: Das Thema Rückkehr ist immer spannend. Denn jede Rückkehr ist eine Illusion. Das gilt für Flüchtlinge wie für Reisende. Wenn ich von einer Reise zurückkehre, finde ich nicht mehr dasselbe vor, das ich verlassen hatte. Der Ort hat sich geändert und auch ich bin anders geworden. Je länger ich weg war, umso deutlicher wird das für mich.

Wie empfinden Sie das?

Hlade: Das Heimkommen ist für mich beim Reisen der größte Hammer. Am schwierigsten für mich ist nicht das Reisen ins Neue, sondern ins Alte.

Wie war das nach Ihrem Jahr Auszeit?

Hlade: Ich war nicht ein Jahr lang weg. Ich hatte mich ein Jahr vom Beruf frei gemacht, war aber immer wieder da. Ich war einmal zwei Monate weg – und bin prompt zur falschen Zeit zurück. Ich hatte mir gedacht, ich fahre nach Nepal, dann komme ich über die Weihnachtszeit und fahre gleich ins ruhige Patagonien. Ich hatte mir gedacht, das passt auch bestens für die Familie. Doch das war keine gute Strategie: Aus dem Kloster in Nepal in den Grazer Adventtrubel – das war gar nicht leicht für mich. Und da habe ich mir wieder klargemacht: Nach jeder Reise muss ich mir Zeit einräumen, um wirklich anzukommen. Die Indianer sind da vorbildlich: Sie setzen sich hin und warten, manchmal wochenlang, bis die Seele nachkommt.

Und wenn sie dann wieder da ist?

Hlade: ... fühle ich mich aufgeladen, bekomme einen ganz frischen Blick. Im Alltag schaltet sich ja immer rasch ein gewisser Automatik-Modus ein. Du gehst durch die Stadt, denkst an Projekte, siehst nichts mehr. Das fällt mir besonders auf, wenn ich Besucher/ innen Graz zeige. Was mir da nicht alles auffällt! Diese Achtsamkeit ist ein Reise-Mitbringsel. Im Prinzip habe ich nach einer Reise zudem immer viel Energie, einen frischen Blick, bin kreativer und stärker. Allerdings aber erst nach der Phase, von der die Indianer sagen, dass die Seele noch nicht angekommen ist. Später stellen sich dann unweigerlich die alten Routinen wieder ein. Bis sie beengend werden. Mich zieht es schon wieder fort!

Bei einem Reisenden wie Ihnen ist dieses Gefühl wahrscheinlich stärker.

Hlade: Ja, das wird ein Lebensrhythmus, denke ich mir. Wenn das Leben mehr und mehr mit Routinen verbunden ist, muss ich fort. Wobei ewig reisen ja auch nicht das Thema ist. Aber es tut gut, Europa ab und zu von außen zu sehen. Etwa im Spiegel von indischen Medien. Wenn ich zwei Wochen in Indien bin und lese, was in den Zeitungen über Europa steht, rückt das einiges zurecht: So wichtig sind wir Österreicher/innen gar nicht. Die Inder/innen sind viel mehr mit ihrer Tagespolitik beschäftigt.

Die wissen vielleicht nicht einmal von Kärnten?

Hlade: Glaube ich auch nicht, und die total wichtigen Nachrichten im Neuen Grazer, die ich hier aus Routine lese, sind dann schon ziemlich Wurscht.

Nicht jeder kann sich so weite Reisen leisten.

Hlade: Wenn es bei mir eng wird, geh ich oft einfach auf den Grazer Plabutsch. Durch den Perspektivenwechsel
werden die Probleme weniger drückend. Weggehen, weit schauen und davon beeindruckt zurückkommen, das kann sich jeder leisten. Aber es gibt auch Reisende, die ohne viel Geld weit kommen, reisen ist nicht nur eine Frage des Geldes.

Sie haben auch spirituelle Reisen im Angebot?

Hlade: Dabei geht es darum, die gewohnte Art zu denken zu unterbrechen. Ich werde jetzt zu einem Retreat, einer Zeit des Rückzugs, ins steirische Schwanberg reisen. Da bin ich echt weit weg. Da hast du einen komplett anderen Tagesrhythmus, stehst sehr früh auf, machst Yoga, schweigst und nach ein paar Tagen bekommst du eine andere Realität mit.

Kann das weite Reisen ersetzen?

Hlade: Wenn du im Wellnesshotel und womöglich von osteuropäischem Personal umsorgt bist, kann es leicht sein, dass die gefühlte Entfernung nicht sehr groß ist. Da führt mitunter eine spirituelle Reise nach Schwanberg weiter. Rückkehr kann man sich ja auch als Reise zu sich vorstellen. Bei so einem „Retreat“ gibst du das Handy ab, redest nicht, hörst keine Musik und liest nicht. Die Sinnesreize werden minimiert, du bist auf dein Inneres angewiesen. Auf dem letzten Retreat haben wir uns zum Beispiel damit beschäftigt, wo sich das Gefühl des Ich befindet. Ein Versuch der Rückkehr zum Ich, das es laut buddhistischem Bild vielleicht nicht gibt. Denn, wie gesagt: Alle Rückkehr ist Illusion. Und doch gibt es etwas dahinter, etwas, das beständig ist. Viele fühlen es in der Musik, im Gebet, der Meditation, der Poesie, manche in der Mathematik. Durch das Reisen, spirituell oder herkömmlich, tun sich Wege auf, damit in Kontakt zu kommen. Das fühlt sich dann wie eine Rückkehr an.

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