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Friedlich, aber faustdick

Von: Herwig Höller

Gewaltfreier Widerstand gegen autoritäre Regimen. In der georgischen Rosenrevolution und im arabischen Frühling. Überall verändern die Ideen des Srđa Popović die Politik. Der Mitbegründer der serbischen Widerstandsbewegung kommt zum steirischen herbst.

Mit seiner nationalistischen Agenda hatte er Kriege im zerfallenden Jugoslawien mitverantwortet, ein autoritäres Regime errichtet und sein Land auch wirtschaftlich an den Rande des Abgrunds geführt. Präsident Slobodan Milošević saß nichtsdestotrotz fest im Amt – selbst jahrelange Proteste konnten nicht einmal ansatzweise an seiner Macht rütteln. Doch dann gründeten Studenten eine Bewegung namens Otpor (Widerstand), setzten auf kreative Aktionen im öffentlichen Raum und ließen konventionelle Oppositionsparteien schnell alt aussehen.

Innerhalb kurzer Zeit war Otpors Logo, eine weiße Faust auf schwarzem Hintergrund, allgegenwärtig. Das Regime antwortete mit Verhaftungswellen und dem Vorwurf, dass Otpor Drogensüchtige politisch missbrauchen würde. Vergeblich: Nicht einmal zwei Jahre nach Gründung der Studentenbewegung wich
Milošević im Oktober 2000 dem Druck der Straße: Angesichts von Hunderttausenden Demonstrant/innen hätte nur ein Massaker ungeheuren Ausmaßes geholfen – doch das wäre selbst dem autoritären Präsidenten zu steil gewesen.

In Serbien selbst versank Otpor alsbald in die politische Bedeutungslosigkeit. Doch auch Jahre später treibt der bloße Name einer ehemaligen Studentenbewegung Angstperlen auf die Stirn autoritärer Herrscher in aller Welt. Deren Furcht ist wohlbegründet und trägt unter anderem den Namen Srđa Popović. Der Mitbegründer von Otpor tourt mit seinem Zentrum für angewandte gewaltfreie Aktion und Strategie (CANVAS) durch autoritäre Regime, berät oppositionelle Aktivisten und propagiert die Vorzüge von gewaltlosem Widerstand und dem bisweilen resultierenden Regimewandel.

Mit großem Erfolg: Friedliche Machtwechsel, wie die „Rosenrevolution” in Georgien (2003) oder die „Orange Revolution” in der Ukraine (2004), waren sichtlich von serbischen Erfahrungen mitinspiriert, die ägyptische „Jugendbewegung des 6. Mai”, die zu den Mitinitiatoren der ägyptischen Revolution des Jahres 2011 gezählt wird, übernahm sogar das originale Otpor-Logo aus Serbien.

Aber auch auf Machterhalt fixierte Potentaten und deren Anhänger reagierten auf das Know-how aus Serbien – etwa mit der Behauptung, dass Otpor Teil einer von den USA finanzierten und letztendlich vom CIA betriebenen globalen Verschwörung seien. Der Belgrader, dessen Aktivitäten auch von amerikanischen Stiftungen unterstützt wurden, hat den Vorwurf wiederholt zurückgewiesen. Außer Zweifel steht, dass Popović in Washington D.C. hoch im Kurs steht: Für seine Rolle im arabischen Frühling erklärte ihn das einflussreiche Magazin Foreign Policy Ende 2011 zu einem der 100 wichtigsten globalen Denker.

Russland, zollt man Popović' Aktivitäten Respekt – freilich auf andere Weise. Nach dem politischen Umbruch in der Ukraine gründete der Kreml im Jahr 2005 prophylaktisch gleich seine eigenen Jugendbewegungen – inspiriert von Otpor. Und auch zwischenzeitlich haben die Erfahrungen der historischen serbischen Proteste in Putins Reich nichts an Aktualität eingebüßt – Russlands Regierende setzten auf Repression und versuchen insbesondere durch polizeistaatliche Reglementierungen des öffentlichen Raums gerade Szenarien à la
Belgrad 2000 zu verhindern. Die Opposition hingegen setzt auf politischen Minimalismus und kreative Protestformen – jene politischen Technologien, die Ende der Neunzigerjahre von serbischen Studenten erfolgreich erprobt wurden, haben weltweit Schule gemacht.

Aber auch in der vermeintlich wohlbehüteten Europäischen Union gewinnen Formen des gewaltlosen Widerstands an Aktualität. Kunstinstitutionen nehmen in der Vermittlung dabei eine Vorreiterrolle ein: Auf der Berliner Biennale für zeitgenössische Kunst 2012 hielt Srđa Popović gemeinsam mit der Wiener Künstlerin Anna Jermolaewa einen Workshop zum Thema „Keine Revolution ohne Innovation”, beim diesjährigen steirischen Herbst wird Popović über die Bedeutung des Verlachens (Laughtivism) für den gewaltfreien politischen Aktionismus sprechen. Bedarf ist vorhanden: Autoritäre Regime drohen, sich selbst in der EU zu etablieren – der Blick in die östliche Nachbarschaft gibt Anlass zur Sorge. Aber selbst im korruptionserschütterten Kärnten könnte sich die Frage stellen, ob die Durchführung freier und fairer Wahlen nicht durch Massenproteste und gewaltfreie Widerstandsformen beschleunigt werden könnte. Was tun? In Popović' eindrucksvollem Lehrbuch „Nonviolent Struggle. 50 Crucial Points” („Gewaltfreier Kampf. 50 zentrale Punkte”), das auf http://www.canvasopedia.org zu finden ist, wird alles detailliert beschrieben. Allerdings – was Kärnten betrifft – liegen bisweilen weder slowenische noch deutsche Übersetzungen vor: Der karantanische Politaktivist müsste sich also einstweilen etwa mit den äußerst erfolgreichen arabischen, persischen oder englischen Fassungen begnügen.

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