STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/April 2013/Sprudelnde Profite/
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Sprudelnde Profite

Von: Leslie Franke im Interview mit Evelyn Schalk

Nicht Kommunen und Verbraucher/innen profitieren von der aktuell heiß diskutierten Wasserprivatisierung, das lebensnotwendige Gemeingut wird stattdessen zur Geldquelle für private Konzerne. Im Interview spricht Leslie Franke über ihren Film „Water Makes Money“, in dem sie und Herdolor Lorenz die Praktiken der Wasserkonzerne aufdecken.

Ihr Film entstand vor der EU-Richtlinie zur Wasserprivatisierung, nun ist er aktueller denn je. Wie kam es dazu?
Leslie Franke: Das Thema beschäftigt uns schon seit mehr als zehn Jahren. Macht über Wasser, über die Quelle, heißt Macht über die Entwicklung eines Landes. Wasser ist ein politisches Druckmittel. Als man 2004 in Hamburg das Wasser privatisieren wollte, waren wir persönlich betroffen und haben begonnen, die Hintergründe zu recherchieren. In England hat man das 1989 unter Margaret Thatcher radikal durchgezogen und sämtliche Anlagen wurden mit allem Drum und Dran privatisiert – mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Das haben wir im Film „Wasser unterm Hammer“ aufgezeigt. Innerhalb kurzer Zeit stiegen die Preise rasant, während die Investitionen halbiert wurden. Über 60 Prozent des Wassers ging über schadhafte Rohre verloren, die Wasserqualität verschlechterte sich massiv. Klar, private Konzerne sind nicht am Wasserschutz interessiert, stattdessen kommt es zu Wasserverschmutzung – und der Konzern profitiert durch den Verkauf von Filteranlagen doppelt.

„Water Makes Money“ enttarnt die Praktiken der welt-größten Wasserkonzerne Veolia und Suez …
Franke: … ja, ihnen gelingt es, mit einer speziellen Art der Privatisierung Fuß zu fassen. PPP steht für Public Private Partnership (öffentlich-private Partnerschaften), wird derzeit auf allen internationalen Ebenen, von EU bis UNO, propagiert und speziell von Veolia und Suez forciert. Dabei ist dieses Modell weder öffentlich noch partnerschaftlich. Es ist schlichtweg ein Betreibermodell: Geschäftsführung und Verwaltung werden an Private übergeben, nur Grundstücke und Anlagen verbleiben bei der Kommune. Geht es nach den neu-en EU-Richtlinien, müssen alle Kommunen ihre Wasserkonzessionen nun europaweit ausschreiben, damit sich private Konzerne bewerben können. Das Prinzip der PPP steht wörtlich im Text“! Darauf haben Private mit ihrem Lobbying seit Jahrzenten hingearbeitet. In den EU-Projektgruppen, die das Papier erarbeitet haben, sitzen ausschließlich Vertreter der wasserrelevanten Privatkonzerne!
Die Finanzkrise hat ihnen zusätzlich große Spielräume eröffnet. Um die Schulden zu begleichen, werden – siehe Spanien, Griechenland etc. – sämtliche Güter, die in öffentliche Hand gehören, wie z.B. Elektrizitäts-werke oder eben Wasseranlagen, privatisiert.

In Frankreich sind 80 Prozent der Wasserversorgung privatisiert, mit allen negativen Folgen …
Franke: Dagegen regt sich mittlerweile Widerstand. In Frankreich laufen gerade die Verträge aus und eine Welle der Rekommunalisierung setzt ein. Bürger/innenbewegungen machen mobil, mittlerweile haben das Bewusstsein und das Wissen massiv zuge-nommen und das Engagement wurde verstärkt.
Um unabhängig produzieren zu können, wurde der Film durch ein besonderes Finanzierungsmodell ermöglicht – wie hat das funktioniert?
Franke:Es ist ein Subskriptionsmodell, Crowdfunding. Jede/r konnte mit 20 Euro den Film fördern. Alle, die diesen Betrag eingezahlt haben, erhielten nach Fertigstellung eine DVD zugesandt. Auch viele Organisationen, NGOs etc. haben uns so unterstützt, damit ist gleichzeitig eine riesige interessierte Öffentlichkeit entstanden.

Veolia hat gegen den Film geklagt, Sie sind den Konzernen also offenbar ordentlich auf die Zehen getreten. Wurden Sie auch bedroht?
Franke: Was da abläuft, das ist strukturelle Korruption. Wir haben zwei Jahre lang versucht, mit einem Veolia-Vertreter ein Interview zu bekommen – vergeblich. Stattdessen haben sie zu jeder öffentlichen Diskussion ihren Pressevertreter geschickt, der jedoch nie die Fakten widerlegen konnte. Frankreich hat ja ein spezielles Pressegesetz, mit jeder Menge Diffamieungsparagraphen. Sie haben Jean-Luc Touly, der 30 Jahre lang in der Leitung von Veolia tätig war und nun die Machenschaften des Unternehmens aufdeckt, und die französischen Verleihfirma geklagt, sind aber irrsinnig abgeblitzt. Ein solcher Erfolg war nur aufgrund der großen Öffentlichkeit möglich, die wir schon durch die Finanzierungsart des Films, unser Subskriptionsmodell erreicht haben. Hunderte von Unterstützer/innen haben Veranstaltungen gemacht, es gibt kaum einen noch so kleinen Ort in Deutschland, in dem der Film nicht gelaufen ist. Aber auch der Sender ARTE hat sich wirklich hinter uns gestellt. Eine Bedrohung ist das auf jeden Fall, so ein Konzern kann einen ja in die Pleite prozessieren. Wir konnten unsere Leute in Frankreich nicht im Stich lassen, haben eine große Sammlung für die Prozesskosten gestartet, das okkupiert Geld, Zeit und Nerven!

Gerade wurde die Homepage des Films gehackt und damit der Zugriff auf das umfangreiche Infomaterial unmöglich gemacht – eigenartig, so kurz nach Prozessende?
Franke: Schon. Beweisen lässt sich natürlich nichts. Aber das war auf jeden Fall höchst professionell durchgeführt.

An welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?
Franke: Der neue Film wird „Wer rettet wen?“ heißen und zeigen, wer die Profiteure der Finanzkrise sind. Und bei der Recherche merken wir bereits: Wir treffen schon wieder dieselben Protagonisten …


Leslie Franke
Autorin, Regisseurin, betreibt zusammen mit Herdolor Lorenz die „Kern-Filmproduktion“, eine Plattform für dokumentarisch arbeitende Filmschaffende mit gesellschaftspolitischem Engagement. Davor mehr-jährige Tanzausbildung, Pantomimin und Puppenspielerin. Abgeschlossenes Studium in Russisch und osteuropäischer Geschichte.
Filme (Auswahl): Das blaue Gold im Garten Eden, Wasser unterm Hammer, Water Makes Money

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