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Die dunkle Seite des Lichts

Von: Elisabeth Pötler

Ein neuer Gesetzesentwurf soll die Lichtverschmutzung in Österreich eindämmen. Von einem Himmel ohne Sterne, Gesundheitsgefahren und dem Kampf gegen die Dauer-Beleuchtung.

Wir stecken mitten drinnen und merken es nicht: Jede Nacht. In einem riesigen Kessel aus Licht, der wie ein leuchtender Nebel um sich strahlt. Städte wie Graz oder Wien mit ihren tausenden Lampen sind mehr als 100 Kilometer weit sichtbar. Von ihrem Inneren aus jedoch sieht man den Himmel kaum: Vielleicht 40 Sterne kann man in Städten mit freiem Auge zählen. Dabei gäbe es dort oben gut 3000 der funkelnden Punkte zu erblicken. Heute müsste man in die Wüste reisen, um das zu erleben. Oder ins Jahr 1800, als die Menschen die Finsternis nur mit Kerzen oder schwachen Öllampen erhellten.

Nun aber ist die Dunkelheit vielerorts nahezu abgeschafft: Plätze und Straßen werden immer stärker beleuchtet. Durch neue Entwicklungen, wie LEDs, kann man mit weniger Strom mehr Licht erzeugen. Lichtverschmutzung nennt sich das daraus resultieren-de Phänomen: Das Freisetzen von Licht ohne sinnvollen Zweck. Praktisch alle Städte und somit rund die Hälfte der Menschen sind davon betroffen. „Die Lichtverschmutzung nimmt jedes Jahr um fünf Prozent zu“, sagt Thomas Posch, Astronom an der Uni Wien. „In Österreich haben wir uns, wie in den meisten Ländern, an die hohen Werte gewöhnt.“

Der helle Wahnsinn
Lange Zeit wurde Finsternis kulturgeschichtlich als Gefahr gedeutet, Licht hingegen symbolisierte das Gute, Schöne, den Fortschritt und die Entwicklung. Nun wäre es an der Zeit umzudenken – das legen Mediziner/innen nahe: Denn nächtliches Licht schadet der Gesundheit. Nur wenn es nachts dunkel ist, schüttet der Körper das Hormon Melatonin aus. Es macht müde und lässt den Organismus sich regenerieren. Doch schon etwas Licht hemmt die Produktion. Ein Mangel führt zu schlechtem Schlaf und Stress. Und: Er steht im Verdacht, auch Krebserkrankungen zu begünstigen. Auch Tieren macht das künstliche Licht zu schaffen: „Jede Nacht sterben Milliarden von Insekten an Lichtern“, sagt Posch. Und: Pflanzen werden dadurch in ihrem Wachstum beeinflusst. Eine Gruppe von Expert/innen will nun die Lichtverschmutzung in Österreich stoppen: Mit einem Gesetzesentwurf, der Beleuchtung auf ein vernünftiges Maß reduziert. Umweltrechtsexpert/innen der Uni Linz erarbeiten – mit Physiker/innen, Mediziner/innen und Techniker/innen – ein mögliches „Immissionsschutzgesetz Licht“ auf Landes- und Bundesebene. So etwas gibt es nicht. Die beiden Entwürfe sollen im Herbst dem Nationalrat und Landtag vorgelegt werden. „Ob sie gesetzlich verankert werden, ist Sache der Politik“, sagt die Umweltrechtsprofessorin Erika Wagner, die das Projekt mit ihrem Kollegen Ferdinand Kerschner realisiert. Der Auftrag dazu kommt vom oberösterreichischen Umweltanwalt Martin Donat, denn: „Beim Thema Lichtverschmutzung hören alle begeistert zu, aber nichts geschieht.“

Wildwuchs im Lichterdschungel
In Österreich gibt es derzeit nur einzelne Regelungen, die in Summe keinen effektiven Schutz bieten: Man kann etwa eine Klage einbringen, wenn ein Lichtstrahl direkt ins eigene Schlafzimmer leuchtet. Das funktioniert aber nur, wenn die Störung „wesentlich und ortsunüblich“ ist, sagt Wagner. Letzteres gilt etwa für Laternen oder Werbeplakate, die neu aufgestellt werden. „Handelt es sich aber um gewerbliche Betriebe und ihre genehmigte Reklame, hat man kaum eine Chance“, sagt Wagner. Auch im Naturschutz fehlen gesetzliche Regelungen gegen die Lichtverschmutzung. Einige Länder haben dem Problem bereits einen Riegel vorgeschoben, etwa Slowenien und Südtirol. Auch in Frankreich gilt seit 1. Juli ein Gesetz, das Beleuchtung zu Werbe- und Industrie-zwecken eindämmt.

Eine zentrale Frage lautet: Welche Objekte müssen die ganze Nacht leuchten? „Die kommerzielle und industrielle Beleuchtung ist auch das Hauptproblem in Österreich“, sagt der Astronom Posch. Sie macht 30 Prozent des nächtlichen Lichts aus. So bestrahlen viele Betriebe ihre Firmen und Werbetafeln rund um die Uhr. Der Gesetzesvorschlag wird voraussichtlich vorsehen, dass diese Lichter zwischen null und fünf Uhr abgeschaltet werden. Auch Straßenlaternen sollten demnach in dieser Zeit gedimmt werden – sie machen 40 Prozent des nächtlichen Lichts aus (die restlichen 30 Prozent stammen von privaten Gebäuden). „Es reicht, wenn jede zweite Lampe aktiv ist“, so Posch. Das ermöglicht große Einsparungen beim Stromverbrauch. Einige Städte seien hierbei schon sehr engagiert. Sinnvoll seien mitunter auch Bewegungsmelder, die Licht nur bei Bedarf aktivieren. Diskutiert wird auch das Thema Sicherheit: So hilft Licht, Unfälle zu vermeiden. Was den Schutz vor Kriminalität betrifft, gibt es jedoch Zweifel: „Laut Studien halten beleuchtete Fassaden keine Einbrecher ab. Sie tragen nur zu einem Gefühl von Sicherheit bei“, sagt Umweltanwalt Donat. Besser seien wechselnde Lichter im Hausinneren.

Festlegen will der Gesetzesentwurf zudem, welche Art von Lampen genutzt werden: „Laternen sollten nur nach unten strahlen und nicht – wie Kugelleuchten – nach oben oder in die Waagrechte“, sagt die Rechtsexpertin. Licht mit hohen Blauanteilen sollte vermieden werden, weil es die Tierwelt stark irritiert. Wagner hofft: „Wenn Licht gesetzlich geregelt ist, wird auch ein Bewusstsein dafür entstehen – ähnlich wie beim Lärmschutz.“ Wie der Astronom Posch schildert: Früher hat man rauchende Fabrikschlote als Symbol des Fortschritts gefeiert – heute sehen wir Lichtkegel oft als Zeichen von Luxus. Auch das könnte sich ändern

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