STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/August 2013/Eine, die auszog/
drucken drucken 

Eine, die auszog

Von: Daniela Krenn

Mercy Dorcas Otieno startete in Graz als Megaphon-Verkäufer/in, entwickelte sich zur Stu-dentin und Schauspielerin. Jetzt wurde die Kenianerin als erste Afrikanerin an der renommiertesten Schauspielschule Österreichs aufgenommen: dem Max-Reinhardt-Seminar in Wien.

Strahlend radelt Mercy Dorcas Otieno ins Kaffeehaus. Sie begrüßt mich herzlich, umarmt mich gleich. Ich muss ihr sofort gratulieren. Gerade ist sie am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen worden. Ein Traum vieler junger Schauspieler/innen hat sich für sie verwirklicht. „Ich kann es selbst noch nicht ganz fassen. Gestern bin ich auf meiner Couch gesessen und habe geheult, weil mich alles noch immer so berührt“, sagt sie. In einem Monat schon geht es los, ab nach Wien. Ob sie schon eine Wohnung hat, frage ich sie. „Nein, aber das wird sich schon ergeben“, meint sie locker. So wie sich alles in ihrem Leben ergeben hat. Nur die Schauspielerei, die ist ihre Berufung, erzählt sie mir. „Es ist nicht einfach etwas, das ich tue. Ich tue es, weil ich es kann. Und ich hatte viel Glück im Leben.“ Nein, Mercy, nicht nur Glück, denke ich, während sie mir von ihren letzten Monaten berichtet.

20 Stunden Sprachtraining macht sie in der Woche, lernt, Laute in allen möglichen Formen auszusprechen, probt die Stücke, die sie zum Vorstellungsgespräch braucht. Sie möchte sich eigentlich an der Universität für Darstellende Kunst in Graz bewerben. Sie kommt durch die ersten zwei Runden, als ein Schauspielkollege ihr rät, es am Reinhardt-Seminar zu probieren. „Manche Menschen treten genau zum richtigen Zeit-punkt in mein Leben. Was hast du zu verlieren, hat er gesagt. Geh doch nach Wien!“

Das hat sie schließlich getan. Auch wenn „Die Amme“ von Shakespeare nicht hundertprozentig gesessen ist kurz vor dem Aufnahmetest. „Da war ich schon knapp vorm Aufgeben. Chancen habe ich mir keine ausgerechnet. Aber immer wenn ich verzweifelt bin, kommt danach etwas Gutes heraus.“ Als erste Afrikanerin wurde sie am Reinhardt-Seminar aufgenommen, 510 Bewerber/innen waren es, 13 wurden ausgewählt und Mercy ist eine von ihnen.

Angefangen hat alles mit einem Plakat vor ein paar Jahren. Darauf stand, dass das Schauspielhaus Graz Migrant/innen suche, die gern einmal auf der Bühne stehen würden. Jene, die auch den Mut dazu hätten, auf der Bühne zu stehen. Mercy Dorcas Otieno sieht es und denkt: „Da rufe ich an.“ Bezahlt ist der Job nicht. Und den Anruf nimmt auch nicht gleich jemand ent-gegen. Mercy spricht auf das Band und erwartet sich erst einmal nicht viel. Drei Wochen später kommt der Rückruf, sie hat die Statistenrolle. Das Stück, in dem sie mitspielt, heißt „Einer, der auszog“. Es ist ein Märchen von den Gebrüdern Grimm. Und der Titel passt wie kein zweiter – eine, die auszog ...

Im Vorjahr glänzte sie in der Co-Produktion von La Strada und dramagraz „Gott ist ein Deutscher“, einem Stück von Fiston Mujila Mwanza. Der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Schriftsteller war 2010 Stadtschreiber in Graz. Das Stück handelte vom Zerplatzen großer Träume. Jetzt aber tritt Mercy den Beweis an, dass Träume auch wahr werden können.

Vor sechs Jahren kam Mercy aus Kenia nach Deutschland, sie hat einen Platz als Au-Pair-Mädchen in Göttingen. Mit der Familie hat sie weniger Glück, schon nach einem Monat wird sie hinausgeworfen. Sie bekommt einen Brief von der deutschen Behörde. Innerhalb von zwei Wochen eine neue Familie finden, steht da, oder abgeschoben werden. Mercy findet eine Familie, in Kapfenberg. „Diese Familie ist mein zweites Zuhause geworden”, sagt Mercy heute. Trotzdem zieht es die damals 20-Jäh-rige zu Größerem, zunächst einmal in eine größere Stadt: Graz. Kellnern und sonstige Jobs halten sie über Wasser. In ihrer kirchlichen Gemeinde hört sie von der Straßenzeitung Megaphon. Sie zögert nicht, schon steht sie in Eggenberg und verkauft Megaphon-Magazine. „Manchmal, wenn mich Leute komisch angeschaut haben, dann habe ich ihnen gesagt: Du wirst noch von mir lesen!“ Mercy inskribiert dann an der Karl-Franzens-Universität. Sie studiert drei Jahre lang Soziologie und Pädagogik. Megaphon verkauft sie nicht mehr, arbeitet stattdessen nebenbei am Afro-Asiatischen Institut als Referentin und gibt Tanzworkshops, spielt in mehreren Theater-Produktionen mit.

Ziemlich viel um die Ohren hat die junge Frau. So viel, dass sie vor wenigen Wochen das Seminar „Selbstmanagement“ am Afro-Asiatischen Institut belegt hat, um alles unter einen Hut zu kriegen. Die erste Aufgabe in dem Seminar: einen Brief an sich selbst zu schreiben. Einen Brief mit allen Wünschen, die sich noch erfüllen sollen. Mercy schreibt diesen Brief. Er liegt gerade auf der Post und wartet auf seine Versendung, erst im Dezember soll er, so der Plan, bei der Absenderin, die zugleich Empfängerin ist, ankommen. Was drin steht? „Ich habe geschrieben, dass ich Schauspielerin sein möchte. Da hatte ich aber gerade einmal die Bewerbungsunterlagen für die Grazer Uni weggeschickt. Von Wien war noch gar nicht die Rede!“ Dass es jetzt so gekommen ist, kann sie selbst kaum glauben.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2013/August_2013/374/