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Café Begegnung

Von: Peter K. Wagner

Hier findet Zuspruch, wer sonst oft alleine ist. Willkommen im „Plauscherl“ in Trofaiach.

Es ist noch kein Jahr her, da war Trofaiach seit langer Zeit wieder einmal in aller Munde. Von einer „Modellregion“ sprach die steirische Landesregierung. Im Herbst 2012 entschieden sich nämlich Gai, Hafning und Trofaiach, zu Neu-Trofaiach zu werden. Nur die nördlichen Nachbarn aus Vordernberg sprachen sich gegen den Gemeindezusammenschluss aus. Doch etwas anderes war viel wichtiger, denn plötzlich blickte Trofaiach wieder etwas entgegen, das man in der Gemeinde seit den großen Zeiten der Metallverarbeitung nicht mehr kannte: Bevölkerungszuwachs. Natürlich nur auf dem Papier. Denn eigentlich heißt die Gegenwart wie in so vielen obersteirischen Regionen Abwanderung. Und wo viele Menschen weiterziehen, bleiben oft Einsamkeit und Tristesse zurück. Es mag ein Zufall sein, dass an diesem November-Nachmittag in Graz die Sonne scheint und direkt nach dem Gleinalmtunnel die Wolken Überhand gewinnen. Und es mag einfach am Freitag liegen, dass auf den Straßen Trofaiachs kaum jemand zu sehen ist. Aber es ist kein Zufall, dass in der Kehrgasse 12 gelacht wird. Acht Menschen haben am großen Tisch Platz genommen. Es gibt Kaffee und Rehrücken mit Schlagobers. Hier wird getratscht, hier erzählt man sich Witze. Denn hier findet Zuspruch, wer sonst oft alleine ist. Willkommen im „Plauscherl“, dem Trofaiacher Begegnungszentrum.

„Wir haben einfach gemerkt, dass es in unserer Umgebung viele Menschen gibt, die oft alleine sind“, erzählen Annemarie Kaiser und Hermine Schlager. „Und genau diesen Menschen wollten wir einen Ort bieten, an dem sie zusammenkommen können.“ Sie sind die Initiatorinnen der Einrichtung, die sich seit bald drei Jahren großer Beliebtheit in der Region erfreut. Bei der gemeinsamen Arbeit an einem Caritas-Projekt für langzeitarbeitslose Frauen hatten die beiden sich einst kennengelernt. Als sie dann ziemlich zeitgleich in Pension gingen, hoben sie das Projekt „Plauscherl“ aus der Taufe. Dachorganisation ist der Pfarrverband Vordernbergtal und auch das Sozialbegleitungsprogramm SOZIUS der Caritas ist einer der Träger/innen. „Die Räumlichkeiten bekommen wir besonders günstig und für die Einrichtung sorgten Sponsoren“, erklärt Schlager. „Auch die Besucher/innen selbst erhalten das ‚Plauscherl’. In der Kaffeekassa können sie den einen oder anderen Euro als Dankeschön deponieren.“ Das funktioniert so gut, dass das „Plauscherl“ von Tag eins bis heute ganz ohne finanzielle Unterstützung auskommt.
Ganz ohne Unterstützung schaffen es die beiden Frauen aber nicht. Mit fünf weiteren Damen betreuen sie ehrenamtlich die Einrichtung. Zwei Mal in der Woche, immer dienstags und freitags, stehen die Türen des „Plauscherl“ von 14 bis 17 Uhr für alle offen, die endlich wieder einmal gehört werden wollen. „Anfangs haben die Menschen geglaubt, dass die Einrichtung nur für sozial schlechter gestellte Menschen gedacht ist, aber das ist nicht der Fall. Bei uns sind alle willkommen.“
Auch Herr Kreiter. Seit Beginn kommt der 68-Jährige vorbei. Oft sogar zweimal die Woche. Elf Jahre ist der ehemalige Museumsmitarbeiter schon pensioniert. Als dann vor sechs Jahren seine Frau starb, war er oft alleine. „Meine Frau geht mir natürlich schon sehr ab, Kinder haben wir auch keine“, erzählt der Witwer ruhig und bedacht. Recht still hatte er bisher seinen Kuchen und Kaffee genossen, immer mit einem leichten Lächeln im Gesicht, das zeigt, wie wohl er sich hier fühlt. Doch nun taut er auf. Von seiner Arbeit erzählt er, von seinem Hund. Man hat das Gefühl, er genießt es, dass sich jemand für ihn interessiert, dass man ihm zuhört. Auch Frau Lehner schätzt die Aufmerksamkeit. „Ich hab euch die lustigste Frau Trofaiachs mitgebracht“, hatte Renate Schubert, eine der ehrenamtlichen „Plauscherl“- Mitarbeiterinnen, sie angekündigt. Frau Lehner ist 93, aber gleich nach ihrer Ankunft um keinen Spruch verlegen. Zum ersten Mal ist sie heute da. In der Zeitung hatte sie eine Anzeige aufgegeben – sie suche jemanden zum Kaffeetrinken, Spazierengehen, jemanden gegen die Einsamkeit eben. So fand sie über Umwege hierher. Ihren wachen Geist und ihre Verschmitztheit würde sich in so einem hohen Alter wohl jede/r wünschen. Als Frau Schubert über Arbeit spricht, kann sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. Mit Männern zu arbeiten, sei immer schwieriger gewesen, erzählt sie. Und dann blickt sie schnell zur Seite: „Sag, bist du eigentlich noch zu haben?“, fragt sie Frau Kaiser neben ihr, packt sie an den Armen und schaut ihr tief in die Augen. „Ja“, antwortet diese etwas verwundert und ergänzt in leichter Abwehrhaltung: „Aber wenn, dann will ich schon einen Mann.“ „Ja, natürlich. Deswegen frage ich ja, ich hätte da einen!“ Die Runde lacht.

Diese Region mag mit Problemen zu kämpfen haben, die Lebensfreude ist den Bewohner/innen aber noch nicht abhanden gekommen. Davon legt das „Plauscherl“ beredt Zeugnis ab. Und vielleicht wird ja aus dem Begegnungszentrum bald auch noch eine Anlaufstelle für Herzensangelegenheiten …

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