STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Dezember 2013/Insel aus Loam/
drucken drucken 

Insel aus Loam

Von: Anita Raidl

Künstlerin und Keramikerin Selma Etareri kann ihre Arbeit gut riechen und liebt es, Kinder und Jugendliche in ihrer Kreativität zu fördern. Ein Portrait.

Leere Weinflaschen und benutzte Gläser. „Ich bin übernachtig“, sagt Selma Etareri und hat dabei einen Ausdruck im Gesicht, der verspielt und erfrischend ist. Sie serviert Kaffee in einer Porzellanschale, die sich wohlig an die Hände schmiegt. Die Finger ziehen die feinen Rillen der Tasse nach, der Kaffeeduft zieht durch die Werkstatt hin zur Töpferscheibe und dann hinein in den Verkaufsraum, der hell und freundlich ist. Selma lässt nicht nur die gestrige Vernissage hier, im „Da Loam“, Revue passieren. Sie erzählt lustige und traurige, schöne und hässliche Geschichten aus ihrem Leben und berichtet vor allem von den Kinderkursen, die ihren Arbeitsalltag bereits seit dreißig Jahren mitprägen.

Intuition ist ihre ständige Begleiterin, Freiheiten sind ihr wichtig, auch im Kurs. „Ich setze mich neben jemanden hin und zeige etwas, ohne zu lenken.“ Sie gibt kleine Inputs, flüstert „wenn du da jetzt so drüberfährst, dann schaut das aus, als ob …“, und schon sind die Kinder gefangen von der feuchten Erde und versuchen, ihre eigenen Ideen in Form zu bringen. „Sie finden oft Wege, die würden dir als Erwachsener im Traum nicht einfallen“, schwärmt Selma. Und wenn es einmal wie in einer Schulklasse drunter und drüber geht? „Du gibst ihnen Material; wenn sie brav sind, arbeiten sie sowieso. Wenn sie schlimm sind, gibst du ihnen einfach mehr Material.“ Und so entsteht aus dem Ton, Schicht für Schicht, eine Insel, auf der sich die Kinder zurückziehen, sich kreativ entfalten und entwickeln können. Zwar haben solche Inselaufenthalte im „Da Loam“ einen Preis, doch stellt die 45-jährige Künstlerin seit Jahren auch geförderte Kursplätze zur Verfügung. Adressat/innen sind Kinder und Jugendliche aus krisengebeutelten Familien, für Selma eine wertvolle Auseinandersetzung. „Wenn Kinder aus Flüchtlingsfamilien mit Ton arbeiten, packen sie oft mehr aus als beim Psychologen.“ Mit ihren Kursen möchte Selma das Selbstvertrauen der Kinder und ein respektvolles Miteinander stärken. Gleichzeitig erhält sie selbst Einblicke in viele Verhaltensmuster, in das Entstehen von Ausgrenzung und die Entwicklung von Kreativität. „Es ist ergreifend, mit Kindern zu arbeiten. Darin gehe ich auf.“
Ihre eigene Kindheit verbrachte Selma in Bad Hofgastein in Salzburg, umgeben von Kunst und Künstler/innen, allen voran ihr Vater, der Bildhauer und Drechsler ist. Ein Tonvorrat war immer zu Hause, ihre Hände ständig in Bewegung und ihre Nase entzückt. „Ich war und bin total vernarrt in den Geruch von Ton. Am besten riecht er in einem halbfertigen Gefäß. Wie ein alter Tümpel“, erklärt sie. Material und künstlerische Tipps ihres Vaters und dessen Kolleginnen und Kollegen haben sie beim Großwerden begleitet. Mit 14 Jahren wanderte sie schließlich vom Hochgebirge ins Burgenland, um in Stoob die Keramikfachschule zu besuchen. Nach Abschluss der Ausbildung und bereits schwanger mit ihrem ersten Kind, übersiedelte sie nach Graz. „Das Leben ist einfach so auf mich losgedonnert“, erinnert sie sich. Kinder, Beziehung, Beziehungskrisen, Trennungen. „Mit Ton kann ich gut, aber mit Männern …“, sie beendet den Satz mit einem Lachen, das ansteckt. Sie ist stolz auf ihre vier Töchter, die sie alleine großgezogen hat. Zwei sind schon außer Haus, die beiden jüngeren Mädchen, Melia und Ifeoma, sind häufig im Geschäft anzutreffen. „Sie wachsen hier auf“, so Selma.

Immer wieder betreten Menschen das „Da Loam“ in der Mariahilferstraße, betrachten Geschirr, Vasen, Schmuck und figurale Objekte, liefern etwas ab oder wollen mit der Inhaberin plaudern, ihr beim Töpfern zusehen, Kaffee trinken. Ganz gemütlich. So wie „dahoam“. Selma liebt ihr Geschäft, das sie seit 2005 im Lendviertel betreibt: „Hier kann ich mich verwirklichen“. Die andere Seite der Medaille sind wilde Überlebenskämpfe. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben, wie man sich selbst rettet“, sagt sie. Aber das ist eine andere Geschichte – eine von vielen spannenden, die Selma leidenschaftlich erzählen kann. Was sie in nächster Zeit vorhat? Sie plant, ihre Ausbildung universitär abzuschließen. Sie möchte wieder Tanzstücke aufführen und weiterhin an ihrer Stimme arbeiten. Und gleich? Die leeren Flaschen von gestern entsorgen und den Tag beginnen.

Kommentar erstellen

Zu diesem artikel sind noch keine Kommentare vorhanden

MEGAPHON behält sich das Recht vor, veraltete Beiträge ebenso zu entfernen, wie Beiträge, die rechtlich bedenklich oder politisch unkorrekt sind, und kontrolliert in unregelmäßigen Abständen den Inhalt. Dennoch übernimmt die Redaktion für den Inhalt der einzelnen Kommentare keinerlei Verantwortung!

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2013/Dezember_2013/394/