STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Februar 2013/Rastplatz für Ruhelose/
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Rastplatz für Ruhelose

Von: Nina Popp

VinziLife gibt Frauen ein Zuhause, die durch ihre psychische Belastung sonst nirgendwo bleiben können. Mit viel Verständnis, aber ohne psychotherapeutische Betreuung.

Eine dicke Schneeschicht hat sich auf den Garten gelegt, auf Bäume und Obststräucher, auf den Weg und das Dach des alten Gemäuers. Fast eine Idylle, denkt sich die Besucherin, die weiß, dass sie am Ziel ist, als sie ein Schild entdeckt, das es nur einmal in Österreich gibt. „Weglaufhaus“. Der Name kommt aus Deutschland, die Idee dazu stammt aus den USA, erklärt Mathilde Unterrieder, die die Einrichtung der VinziWerke seit bald drei Jahren leitet.

Während die Villa Stöckle in Berlin sich als „antipsychiatrisch orientierte“ Kriseneinrichtung versteht, will VinziLife in Unterpremstätten psychisch belasteten Menschen in erster Linie Zuflucht bieten. „Nicht als Alternative zur Psychiatrie, sondern als Angebot für Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit anderswo keinen Platz finden“, beschreibt Unterrieder das Konzept.

Im Unterschied zu anderen Einrichtungen wird VinziLife zum Großteil durch ehrenamtliche Mitarbeit ermöglicht. „Es sind starke Persönlichkeiten, die keine fachliche Ausbildung mitbringen müssen, aber ein Gespür für andere Menschen“, beschreibt die Leiterin die wesentlichen Kriterien für die Mitarbeit in der Paulinenvilla.

„Die Bewohnerinnen erhalten keine fachliche Betreuung, keine psychotherapeutische Behandlung, aber sie haben die Möglichkeit, mit all ihren Eigenarten in einer Wohngemeinschaft zu leben.“ Weil sich diese Menschen nicht krank fühlen und es auch gar nicht sind, wie Pfarrer Pucher bei der Eröffnung des Weglaufhauses sagte. „Sie haben nur eine andere Sicht der Dinge.“ Eine These, die unter Fachleuten in der Psychiatrie nicht unwidersprochen ist.

Dr. Johann Sailer, Leiter der akutpsychiatrischen Station für Frauen in der Landesnervenklinik Sigmund Freud, sieht die Situation differenzierter. „Es gibt tat-sächlich eine Klientel, die einen Ort wie das Weglauf-haus sucht und braucht.“ Aus den unterschiedlichsten Gründen, die sich aus der jeweiligen Erkrankung erklären und Unruhe, Rastlosigkeit, Unverständnis und Überforderung der Familie zur Folge haben. Zwischen
therapeutischer Intervention und der Entscheidung, die Patientin zu lassen, wie sie ist, liegt oft ein schmaler Grat, sodass Verallgemeinerungen nicht zielführend und zulässig seien.
„Das Wichtigste ist allerdings, dass die Patientinnen therapeutische Hilfe erhalten können, wenn sie diese unbedingt brauchen.“

Alle der zwölf Frauen, die in den letzten Jahren für kurze oder längere Zeit in die Paulinenvilla gezogen sind, waren davor in psychiatrischer Behandlung. Auch jene, die sich selbst nicht als krank erleben, durch permanente Konflikte mit ihrer Umwelt aber auf ihr Anders-Sein hingewiesen werden. Viele kehren von VinziLife in stationäre Behandlung zurück. Frauen mit Essstörungen, Wahnvorstellungen, Menschen, die meist in ihrer eigenen Welt leben. „Wir nehmen sie, wie sie sind“, sagt Mathilde Unterrieder, „und so lange sie wollen.“ Sofern die Frauen ein Einkommen haben, zahlen sie monatlich 200 Euro, fehlt das Geld, übernimmt VinziHelp mithilfe eines Großsponsors die Kosten.

Platz ist für fünf Frauen. Zurzeit sind vier Zimmer im ersten Stock belegt. Das fünfte ist frei für eine Bewohnerin, die immer wieder kommt und verschwindet. Im Erdgeschoß liegen Küche, Wohn- und Arbeitszimmer, die gemeinsam genutzt werden. Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt, beteiligen sich die Bewohnerinnen an der Küchenarbeit. Wenn nicht, wird für sie gekocht. Mit Gemüse, das vor der Haustüre wächst.

Die Pflege des Gartens und des Hauses liegt in der Hand von zwei hauptamtlichen und rund 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen. Sie stehen den Bewohnerinnen bei alltäglichen Fragen zur Seite, sie sorgen mit Farben und anderem Künstlerbedarf für Abwechslung und begleiten sie – wenn nötig – auch bei Behördenwegen.

Vor allem aber sind sie da. Elisabeth Reiterer ist eine von ihnen. Zweimal im Monat fährt sie von St. Johann in der Südsteiermark nach Unterpremstätten. „Ich war arbeitslos, hatte viel Zeit und wollte etwas Sinnvolles für Frauen oder Kinder tun.“ Dass sie sich keine leichte Aufgabe gesucht hat, war ihr schon bei ihrem ersten Besuch in der Paulinenvilla klar. Dass sie bleiben würde ebenfalls. Inzwischen hat sie wieder Arbeit gefunden und will dennoch weitermachen. „Weil ich mehr bekomme, als ich geben kann.“ Beispielsweise die Erfahrung, dass sie einem anderen Menschen durch aufmerksames Zuhören helfen kann. Dass sich dadurch psychische Belastung lindern lässt und ein Mensch seinen Zugang zur Außenwelt ein klein wenig vergrößert.



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