STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Februar 2013/Die Kritik und das Beste/
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Die Kritik und das Beste

Von: Peter Waterhouse

Wonach suchen die Kritik und das Kritisieren? Nach dem Besten.

Allerdings ist das Beste keine Sache, die feststeht und auffindbar ist, von 1 - 10 auf Listen anzugeben. Die Bestenliste kann das Beste nicht bezeichnen. Das Beste ist unmessbar, irgendwie verborgen, noch nicht geboren – muss erst gemacht und in Bewegung gesetzt werden. Niemand findet es mit dem fertigen Urteil. Das Beste ist etwas, das immerzu anfängt. Das Beste in einem Musikstück zeigt sich, sobald es ergänzt, verjüngt, neu gestaltet und übersetzt wird. Sobald es entwickelt und entworfen wird. Die Kritik ist ein Herstellungsverfahren, eine Fabrikation.

Die Kritik hat keinen Maßstab. Sie beurteilt nicht das, was ist und wir kennen – das tut das Vorurteil. Die Kritik befasst sich mit dem, „was wir noch nie gesehen haben und wofür uns keinerlei Maßstäbe zur Verfügung stehen“. Zum Besten gehört, dass wir es noch nie gesehen haben.

Das Beste in einem Gedicht und Roman verlangt, dass wir mit Vermutungen und Behauptungen, mit unserem Können, Vergnügen, Nachdenken und Spielen über seine Grenzen hinausgehen. Über unsere Kräfte hinausgehen. In der Kritik von Wilhelm Meisters Lehrjahre sagt Friedrich Schlegel, dass „jedes vortreffliche Werk, von welcher Art es auch sei, mehr weiß, als es sagt, und mehr will, als es weiß“.

Die Kritikfabrik hat 2012 versucht, den Roman Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger und das politisch-philosophische Werk von Hannah Arendt zu kritisieren. Die Kritikfabrik am 4. Februar 2013 ist dem kompositorischen und literarischen Werk von John Cage gewidmet. Die Störung und Unterbrechung des Konsequenten und die Eröffnung des Unkonsequenten, das an keinem Maßstab zu messen ist, steht wahrscheinlich im Mittelpunkt der Werke von John Cage – und im Mittelpunkt der Werke von Aichinger und Arendt.

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