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Die Gefahr ist gebannt!

Von: Wolf Steinhuber

Eine Fiktion. Geschrieben unter dem Eindruck einer realen Abschiebung im Dezember 2012.

Ein PR-Mann am Beginn seiner Karriere. Probezeit in der Pressestelle des Innenministeriums. Der junge Mann arbeitet noch nicht lange hier und der Aussendungsentwurf ging ihm gar nicht leicht von der Hand. Weil, naja, wichtige Sache.

In Graz war wegen einer Abschiebung wieder einmal ein bisschen ein Wirbel, Geschichten in der Kleinen. Böses Blut. Aber endlich ist er getippt. Sein erster Entwurf: „Die Gefahr ist gebannt! Nach nur neunjähriger Vorlaufzeit gelang Organen des öffentlichen Sicherheitsdienstes die Festnahme und Abschiebung des A. nach Nigeria. Als 14-Jähriger hatte sich A. erfrecht erlaubt, in Österreich um Asyl anzusuchen. Schon nach sieben Jahren war klar, dass er keine Gnade vor seinen Asylrichtern finden würde. Danach wollte er unverschämterweise nicht mehr nach Nigeria zurück. Er hatte doch glatt eine Freundin gefunden, obwohl er sich des unsicheren Aufenthaltes bewusst sein musste! Die beiden waren insgesamt noch nicht einmal sechs Jahre zusammen (davon fast die Hälfte illegal!) und behaupteten völlig unglaubwürdig, ein Privat- und Familienleben zu führen. Letztlich hatte das Paar sogar Dutzende von Unbeteiligten zu Zeugenaussagen angestiftet, ja sogar das Ökumenische Forum der christlichen Kirchen in der Steiermark wurde zu einer Stellungnahme gegen A.s Abschiebung genötigt. ...“

Der smarte Leiter der Öffentlichkeitsarbeit schüttelt den Kopf. „So können S’ des nicht schreiben, bei uns weht ein neuer Wind. Wir haben jetzt ein entkrampftes Verhältnis zu diesen Geschichten, also bitte nicht so ein Gekeife, mehr Coolness, versteh’n S’!? Und was soll denn das für eine Schlagzeile sein: ‚Die Gefahr ist gebannt!’“

„Na die Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung! Das steht sogar in dieser Europäischen Menschenrechtsdings. Wenn Ruhe und Ordnung in Gefahr sind, dann ist das Privatleben wurscht.“
Der Leiter hüstelt vornehm. „Vergessen Sie’s. Ich weiß auch nicht, warum den Richtern da nix Neues einfällt. Aber dass einer, der seit neun Jahren unbescholten in Österreich lebt, eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sein soll, das glaubt uns kein Mensch! Da fragt man sich doch sofort: Hat die Polizei nichts Besseres zu tun, als einer jungen Frau, die knapp vor dem Studienabschluss ist, ihren Freund wegzunehmen, Lebensglück und Zukunft sinnlos zu zerstören, verstehen S’? Aber jetzt sagen Sie mir einmal, wo haben S’ denn überhaupt diese komischen Formulierungen her?“

Den jungen Werkvertragsnehmer erwischt die Kritik an seinem Text auf dem linken Fuß. „Steht so in den Bescheiden!“ – Der Leiter räuspert sich abermals. Sein Handy läutet. „Oh, das Büro von der Frau Ministerin!“ Am anderen Ende schreit jemand so laut ins Telefon, dass es auch der PR-Assi locker versteht. „Du! Bei mir rufen Journalisten an, verstehst, die wollen wissen, was da schon wieder los war! Ich kann denen doch nicht den Schmarren servieren, der in den Bescheiden drinsteht.
Also: Was war da? Was hat der Bursche angestellt? Wie viel hat uns der gekostet? Sag’ schon!“

Peinliche Sekunden. Der Leiter räuspert sich erneut. „Angestellt? Äh ... nichts. Keine Verurteilung, gar nichts. Nie straffällig geworden, obwohl er so wenig verdient hat.“ „Gearbeitet hat der?“, krächzt es aus dem Handy. „Äh ja, ein wenig schon, verbotenerweise, aber eigentlich immer, weißt eh, sonst wäre er dem Staat auf der Tasche gelegen, ... äh, Deutsch konnte er übrigens nicht besonders.“

Abermals Räuspern. „Einfach aufgelegt!“ Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit nimmt den jungen Mann zur Seite. „Wissen S’ was, mach’ma zu dem Grazer Fall lieber keine Aussendung. Das könnt’ ins Aug’ geh’n. Nicht noch mehr Staub aufwirbeln, die Leut’ vergessen sowas eh schnell. Schreiben S’ lieber noch schnell was Positives ... dass die Chefin die Abschiebung einer sympathischen jungen Frau, die die Klassenbeste in Deutsch ist, gestoppt hat. Ah ja, und rufen S’ das Fernsehen an. Die sollen eine nette Feiertagsgeschichte draus machen.“

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