STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Jänner 2013/Allein und nicht zu Haus/
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Die Gefahr ist gebannt!

Von: Gerlinde Pölsler

Immer mehr Flüchtlinge, die in Österreich ankommen, sind noch keine 18 Jahre alt und ganz allein unterwegs. Warum sie es sogar schwerer als erwachsene Asylwerber/innen haben – und zumindest leichte Besserung in Sicht ist.

Sie haben ihre Zimmer für sich allein oder teilen es mit höchstens einem Mitbewohner. Täglich besuchen sie den Deutschkurs, können sich in Workshops etwa beim Kochen versuchen und mit Psychotherapeut/innen über ihre Probleme sprechen: 42 Flüchtlinge, alle unter 18 Jahren, leben im Caritas-Projekt „Welcome” am Grazer Hilmteich. Verglichen mit ihren Schicksalsgenoss/innen haben sie es noch gut getroffen, leben sie doch immerhin in einem Haus eigens für Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF).

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die es auf der Flucht bis nach Österreich schaffen, nimmt laufend zu. Waren es 2010 noch 687, so waren es heuer bis Ende Oktober bereits mehr als 1.400. Etwa sechs von zehn stammen aus Afghanistan, der Großteil sind Burschen. Und die jugendlichen Flüchtlinge haben es besonders schwer: In der Erstaufnahmestelle Traiskirchen saßen bis vor wenigen Wochen rund 600 von ihnen fest, einige schon seit fast einem Jahr, darunter sogar 30 Kinder unter vierzehn – für die österreichischen Kinder- und Jugendanwält/innen „ein Skandal“. Mit Anfang Dezember waren viele immerhin in neue Quartiere übersiedelt.

Große Mängel gibt es allerdings auch bei den Asylverfahren. In Traiskirchen werde für Jugendliche kaum etwas geboten, weiß Heinz Fronek, UMF-Experte bei der Asylkoordination. Deutschkurse gibt es zwar, „in der Regel wissen sie aber gar nichts davon“.

Seit Neuestem findet ein Schulunterricht statt. Bis vor Kurzem lebten sogar unter 14-Jährige im Aufnahmezentrum, ohne dass sich jemand speziell um sie kümmerte oder mit ihnen zum Arzt ging – niemand hatte, wie vorgesehen, die Vormundschaft für sie übernommen.

Der Grund für die Misere liegt laut Fronek in den viel zu geringen Tagsätzen, die Betreuungseinrichtungen für UMF erhalten. Sie liegen nur bei etwa der Hälfte dessen, was für österreichische Jugendliche gezahlt wird. Obwohl viele junge Flüchtlinge traumatisiert sind und therapeutische Hilfe ebenso wie Unterricht bräuchten, obwohl ein Teil der Neulinge nicht lesen und schreiben kann. Noch dazu wurden die Tagsätze seit 2004 nicht angepasst, eine Erhöhung um zwei Euro wurde erst heuer beschlossen. Viel zu wenig, meint Fronek. Derzeit könnten viele NGOs nicht kostendeckend arbeiten und müssten eigenes (Spenden-)Geld dazulegen.

Der Geldmangel führt auch dazu, dass selbst Flüchtlinge, die einen Wohnplatz haben, nicht immer ausreichende Betreuung erhalten. Dies ist auch Ergebnis einer Studie über UMF, die die Internationale Organisation für Migration (IOM) in zehn Ländern durchgeführt hat – fehlende Therapien, zu wenig Unterricht, sogar zu wenig gesundes Essen listet sie als Folgen der Geldknappheit auf.

Die Caritas komme bei ihrem „Welcome“-Haus mit dem Tagsatz von 62 Euro zwar aus und könne dennoch hohe Qualität bieten, so Sprecher Harald Schmied. Er glaubt aber, dass die Qualität nicht bei allen Einrichtungen garantiert sei, weil die gesetzlichen Vorgaben schwammig seien. Fronek von der asylkoordination sieht diese Gefahr vor allem bei privaten Betreiber/innen, wie sie etwa in der Steiermark gut im Geschäft sind. „Auf diesem Gebiet soll man nicht gewinnbringend arbeiten. Wobei man dazusagen muss: Es ist auch nicht jeder NGO-Platz super.“

Als großes Problem ortet die IOM-Studie die Asylverfahren, und zwar sowohl hinsichtlich Dauer als auch Inhalt. Expert/innen weisen darauf hin, dass bei der ersten Befragung den Fluchtgründen nicht ausreichend Platz eingeräumt werde, später aber das erste Gespräch als entscheidend für die Glaubwürdigkeit gelte. Als unsinnig kritisiert werden auch die Altersfeststellungen durch Röntgen.

Fronek von der asylkoordination sieht „bei vielen Verfahren Riesenprobleme, oft wird schlampig recherchiert“. Die Qualität habe sich verschlechtert, seit Asylwerber/innen sich nicht mehr beim Verwaltungsgerichtshof beschweren können. Kritisch sieht er auch die Ergebnisse der Verfahren: „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bekommen nur sehr, sehr selten Asyl, eher subsidiären Schutz.“ Damit erhalten sie zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, ihre Familien können sie aber frühestens nach einem Jahr nachholen. Fronek: „Dabei müsste man als Kind ja leichter Asyl erhalten. Das zeigt, dass kindspezifische Fluchtgründe nicht ausreichend berücksichtigt werden.“

Immerhin wurden bis Anfang Dezember etwa hundert Jugendliche von Traiskirchen weg in neue Wohnungen gebracht, die Bundesländer mussten ja nach jahrelanger Säumigkeit endlich ihre Asylquoten erfüllen. Quer durch Österreich sind neue Plätze in Planung. „Seit 2004, seit es die Grundversorgung gibt“, fasst Fronek zusammen, „ist vieles besser geworden. Aber wir sind immer noch weit von dem entfernt, wo wir sein sollten.“

Allesamt neue Quartiere gefunden haben die Kinder unter 14. Damit hat auch die skurrile Posse ein Ende, die das Burgenland geliefert hatte: Das Land sollte fünf Kinderflüchtlinge aufnehmen, verweigerte jedoch mit der Begründung, es erfülle seine Quote bereits, sorge es doch bereits für drei (!) unmündige Asylwerber. Fronek: „Das müssen manche Leute sogar alleine schaffen, aber das Land Burgenland fühlt sich damit überfordert …“

Weiterführende Informationen unter:

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