STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Jänner 2013/Eine Klasse für sich/
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Eine Klasse für sich

Von: Nina Popp

25 Migrantinnen haben sich in einem Pilotprojekt qualifiziert. Nun sind sie gesuchte Expertinnen für Altenpflege.

Hatuna Ossiaschwili ist Volksschullehrerin. Oder genauer: Sie war Volksschullehrerin. In Georgien. Als sie mit ihrer Familie nach Österreich kam, war es mit dem Lehren vorbei. Stattdessen hieß es: Warten auf die Arbeitserlaubnis. „Fünf verlorene Jahre“, sagt sie. Als sie die Genehmigung endlich erhielt, erfuhr sie beim AMS von einem Projekt, das wie geschaffen schien für die fast 40-Jährige, nämlich für Frauen, deren Deutschkenntnisse für den Einstieg in die reguläre Ausbildung zur Fachsozialbetreuerin in der Altenarbeit nicht ausreichen.

„Ein Experiment“, sagt Birgit Poier, Direktorin des Ausbildungszentrums für Sozialberufe der Caritas ABZ, über das Programm, das sowohl fachliche Theorie und Praxis als auch Deutschunterricht inkludiert. Ein Wagnis, weil die Frage nach Deutschkompetenz immer mit Zugangsbeschränkung und Hindernissen verbunden ist. Und weil die Idee einer Klasse, in der ausschließlich Migrantinnen aufgenommen werden, keineswegs unumstritten ist.

Heute wissen sie, dass das Experiment geglückt ist. Sie – das sind außer dem Ausbildungszentrum auch seine Kooperationspartner/innen – ZAM Nova, dem Verein ISOP und AMS und 25 Frauen zwischen 19 und 49, die aus den unterschiedlichsten Gründen und Ländern nach Graz gekommen waren. Die Drop-out-Rate ist Null. Von den 25 legten 21 die Abschlussprüfung zur Pflegehelferin mit ausgezeichnetem Erfolg ab. „Ein glänzendes Ergebnis“, so Poier. Acht entschieden sich nach dieser zweijährigen Ausbildung für die Berufstätigkeit. Die verbleibenden 17 erhalten im Februar ihre Diplome als Fachsozialbetreuerin.

Grundkenntnisse in Deutsch waren zwar Voraussetzung, entscheidender war zunächst aber die fachliche Eignung, die in einem Auswahlverfahren und einer vierwöchigen Orientierungsphase getestet wurde. Schließlich ist Altenpflege keine einfache Arbeit. „Bei meinem ersten Praktikum wollte ich schon aufgeben“, erinnert sich die gebürtige Nigerianerin Joy Schwinger. Wie viele der Frauen aus Bosnien, Georgien, China, Rumänien, der Dominikanischen Republik und Burkina Faso, mit denen sie vor drei Jahren ihre Ausbildung begonnen hatte, fühlte sie sich den Anforderungen oft nicht gewachsen. Zu langsam, zu schwach, zu sensibel hätten sie sich gefühlt.

Weitergemacht haben sie dennoch, bestärkt vom Lob ihrer Lehrerinnen und von den alten Menschen, die immer wieder bestätigten, wie gut ihnen die Hilfe tue. Der Weg zurück in die Schule fiel den wenigsten leicht. Die Lebensumstellung für die Teilnehmerinnnen und ihre Familien und die anfänglichen Sprachschwierigkeiten verlangten allen starken Willen und Durchhaltevermögen ab, wie sie sich im Nachhinein erinnern.

Auch die Lehrenden mussten sich umstellen und komplexe Themen wie Dekubitus oder Validation verständlich vermitteln. „Wir haben gelernt, in Bildern zu sprechen.“ Und eine der Frauen erinnert schmunzelnd an die Geschichte vom undicht
gewordenen Tank beim Kapitel Inkontinenz.

Nicht nur für die methodische Unterstützung gibt es Höchstnoten. „Die meisten von uns haben aus ihren Kulturen eine respektvolle Beziehung, zu den alten Menschen mitbekommen, aber die Schule hat uns darüber hinaus den theoretischen Hintergrund für die Arbeit mit den alten Menschen vermittelt“, beschreibt Joy einen großen Gewinn ihrer Ausbildung. Der andere war der kulturelle Mix an Biografien und Erfahrungen in der Gruppe. Und schließlich zeigte sich noch ein Plus, an das die wenigsten zunächst gedacht hatten: die Vorbildfunktion für die Kinder, die an ihren Müttern den Gewinn lebenslangen Lernens mitverfolgten.

Übrigens: Alle Diplomandinnen finden eine Beschäftigung und im Februar startet der nächste Lehrgang.

Weiterführende Informationen unter:

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Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
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