STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Juli 2013/Hohes Risiko für Informationen/
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Hohes Risiko für Informationen

Von: Evelyn Schalk

Wenn man weiß, wer sie sind, ist das Spiel für sie vorbei. Ein Spiel, das keines ist, sondern bitterer Ernst. Wenn sie erwischt werden, bleibt ihnen nichts mehr. Cyberaktivisten von Anonymous, WikiLeaks und nun die türkischen RedHacks riskieren viel, um zu publizieren, worüber die meisten Medien schweigen.

Es ist ein Kampf um Wissen und Öffentlichkeit, und letztlich einer um Macht. Ein virtueller Kampf mit äußerst realen Folgen. Doch immer mehr Menschen sind bereit, den hohen Einsatz zu riskieren, um Informationen öffentlich zu machen, die andernfalls kaum bekannt würden, sondern penibel unter Verschluss gehalten werden. Die Rede ist keineswegs von privaten Daten, mit denen Staaten und Firmen bekanntlich weniger sorgsam umgehen, sondern von brisanten Informationen über politische Entscheidungen, wirtschaftliche Verflechtungen, Korruption und anderes mehr. Dafür sorgen Hackergruppen, Enthüllungsplattformen und Cyberprofis wie Anonymous, WikiLeaks oder Edward Snowden – und seit kurzem die türkischen RedHacks, die die Proteste am Taksim-Platz engagiert unterstützen.

Gegen Zensur, für investigativen Journalismus
Sie alle haben die Überzeugung gemeinsam, dass in den Mainstream-Medien mehr verschwiegen als informiert wird. Während Anonymous als lose, internationale Gruppierung agiert und im Netz oder bei Demonstrationen gegen Zensur und für Redefreiheit auftritt, betrachtet sich WikiLeaks dezidiert als „Zulieferer für investigativen Journalismus“ und wurde dafür vom norwegischen Parlamentsabgeordneten Snorre Valen für den Friedensnobelpreis 2011 vorgeschlagen. Doch (Mit-)Gründer Julian Assange hat für die Öffentlichmachung von geheimen Dokumenten, u.a. über das Vor-gehen der USA im Irak und Afghanistan, teuer bezahlt. Er lebt seit August 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London, die ihm politisches Asyl gewährt. Noch schlimmer traf es den 25-jährigen WikiLeaks-Informanten und US-Soldaten Bradley Manning, dem wegen „Unterstützung des Feindes“ der Prozess gemacht wird. Ihm droht lebenslänglich. Aktuell ist es Edward Snowden, der auf der Fahndungsliste der US-Behörden ganz oben steht. Der Whistleblower hatte mit Informationen über das Geheimdienstprogramm Prism einen
beispiellosen Abhörskandal aufgedeckt und ist nun untergetaucht. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht und hat weitere Enthüllungen angekündigt.
Für die türkischen RedHacks wiederum lautet das Motto: „Hacking for the people.“ Bereits seit 1997 ist die marxistische Hackergruppe aktiv. Als Reaktion auf die Verhaftung von Oppositionellen haben sie sowohl Websites von Regierungsbehörden gehackt, als auch die Namen von V-Leuten der Polizei veröffentlicht sowie Korruption an Universitäten aufgedeckt. Als es heuer am 1. Mai zu Polizeiangriffen auf Kundgebungen kam, hackten sie die Website des Gouverneurs von Istanbul.

„Hacking for the people“
Außerhalb der Türkei erlangten die Cyberaktivisten, die sich selbst als „Stimme der Unterdrückten“ bezeichnen, vor allem während der letzten Wochen mit ihrem Einsatz für die Proteste am Taksim Platz Bekanntheit. Während bis auf wenige Ausnahmen die großen türkischen Medien zu den Vorfällen schwiegen, streamte Red-Hacks rund um die Uhr vom Taksim Platz. Im Interview mit dem regierungskritischen Sender Halk TV erklärten sie: „Wenn wir ‚Gezi Park‘ hören, spiegelt dies für uns sehr klar die Zensur der Medien wider und zeigt, wie weit auch die Selbstzensur schon fortgeschritten ist.“ Nun haben sie angekündigt, die Verantwortung für sämtliche im Rahmen der Protestbewegung geposteten Tweets zu übernehmen, nachdem die türkische Regierung verlautbart hatte, dieses Thema verstärkt untersuchen zu wollen. Schon zuvor hatten sie immer wieder darauf hingewiesen, dass Gesetz nicht auch Gerechtigkeit bedeute. „Während wir das sagen, halten sie sich nicht einmal an die existierenden Gesetze. Sie verwenden einfach alles, um daraus Profit zu schlagen.“

Widerstandskraft mit Humor
Doch die RedHacks agieren auf sämtlichen Ebenen des Systems. Daher haben sie eine weitere wichtige Kraft für den Erfolg der Proteste erkannt: jene des Humors, mithilfe dessen sie Strukturen und Absurditäten enttarnen. „Ja, wir verwenden Humor, denn dieser Widerstand wird nicht nur durch seine schmerzhaften Ereignisse und die Gewalt der Regierung in Erinnerung bleiben, sondern auch durch seine humorvolle Seite.“ Als international über die Proteste berichtet wurde, zeigte das türkische CNN eine Pinguin-Doku. Also organisierten sie Pinguinkostüme für den Taksim Platz. Auch für sprachliche Offenbarungen haben sie ein feines Sensorium. „Es ist doch kurios, wenn Leute fragen: ‚Ist diese Straße sicher?‘ und die Antwort ist ‚Nein, geh da nicht hin, da ist viel Polizei.‘“ Wenn sich Aufgabe und Handeln von Institutionen ins Gegenteil verkehren, dokumentieren sie dies, etwa wenn Rettungsfahrzeuge statt Verletzte Gasbomben transportieren und gegen Menschen zum Einsatz bringen.
Sie sind überzeugt: Was für Gezi Park gilt, „gilt für jeden Ort der Welt, an dem Freiheit eingeschränkt wird“. In Griechenland wurde der öffentliche Rundfunk als Sparmaßnahme geschlossen – statt Demokratie Gelder für Banken. In Österreich kündigt der ORF massive Einschnitte im Programm an – ebenfalls Sparmaßnahmen. Gezi Park ist überall.

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