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Wenn das Spiel zur Sucht wird

Von: Elisabeth Pötler

Glücksspielsucht ist ein Tabu – in manchen Kulturen sogar: eine Sünde. Dabei sind Migranten häufig davon  betroffen. Der Verein Jukus will aufklären. Von großer Scham, falschen Hoffnungen und durchgezockten Nächten.

Dein Herz schlägt bis zum Hals, der Kopf ist zugedröhnt. Feuerrote Kirschen, knallgelbe Zitronen und goldene Sterne flitzen über den Bildschirm. Alles schillert und pulst im Sekundentakt zum Piepsen und Wummern der monotonen Spiel-Melodie. Die Hände, kalt, am Drücker. Die Geldbörse in der Hosentasche. Das Glück scheint eine Sekunde entfernt. Zum Greifen nahe.

Xaver*, 56, kennt das Gefühl. Es gab Zeiten, da liebte er es, hasste es. Es zerstörte ihn. Der Mann war spielsüchtig, 25 Jahre lang. Und: Xaver heißt im Wirklichkeit nicht Xaver, denn er fürchtet, öffentlich stigmatisiert zu werden. Zu groß ist das Tabu. „Du bist in Trance. Es gibt nur dich und den Automaten“, sagt er. Nach der Arbeit hetzte er in Spielcafés. Oft verbrachte er hier ganze Nächte, um dann ferngesteuert ins Tageslicht zu wanken – teilweise mit 3000 Euro weniger in der Tasche. „Wenn du vor dem Bildschirm sitzt, zählt das aber nicht. Dann ist das Geld nur ein Fetzen Papier.“

In der Steiermark gibt es laut Untersuchungen 4000 bis 30.000 Menschen mit problematischem Spielverhalten. Diese Differenz zeigt, wie schwer das Thema zu fassen ist. Weitere 4000 Menschen sind pathologisch glücksspielsüchtig. Das heißt: Sie sind gefährdet, weil sie ihren Drang zum Spielen nicht mehr kontrollieren können, es ist ihr zentraler Lebensinhalt. Aufzuhören scheint unmöglich. Die Folgen sind drastisch für ihre Gesundheit, Psyche, Beziehungen, Beruf und Finanzen. Xavers Familie hat lange nichts bemerkt. Viele Süchtige entwickeln geschickte Lügen, um unbemerkt zu spielen. Irgendwann wurden die Spielschulden erdrückend. „Ich musste einen Kredit über 40.000 Euro aufnehmen.“ Wie oft er tatsächlich gewonnen hat, kann er an einer Hand abzählen. „In 99 Prozent der Fälle habe ich verloren.“

Dass Glücksspiel-Automaten besonders häufig süchtig machen, liegt am kurzen Zeitraum zwischen Einsatz und Ergebnis, erklärt Monika Lierzer von der Fachstelle für Glücksspielsucht Steiermark. Ein Verlust wird dabei kaum bewusst erlebt, der Kick legt keine Pause ein. „Pro Sekunde kann man zehn Euro verlieren.“ Mehr als 80 Prozent der problematischen Spieler sind steiermarkweit auf Automaten fixiert. Die Zahl der Maschinen ist hier seit 2002 konstant angestiegen, derzeit gibt es offiziell 3226 Stück. Weniger problematisch ist das Online-Glücksspiel. „Es betrifft andere Spiel-Typen, die zu Hause am PC sitzen“, sagt die Expertin. Wer anfällig für die Sucht ist? Laut Statistik ist der klassische Spieler ein Mann, jünger als 35 Jahre, mit schlechtem sozialem Status. Gefeit davor ist aber keine Gesellschaftsschicht: Im Grazer Selbsthilfeverein „Heute nicht“ sitzt etwa ein Universitätsprofessor neben einer Arbeitslosen. Ein weiterer Risikofaktor für die Sucht ist: Migrationshintergrund.

Das große Tabu
Menschen aus anderen Kulturkreisen spielen laut Studien fast doppelt so oft an Automaten wie Personen mit österreichischen Wurzeln. Das bemerkte auch der Grazer Verein Jukus, der mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeitet: „Viele unserer Burschen gehen in Spielsalons“, sagt Markus Mogg von Jukus. Einer der jungen Männer meinte sogar: „Wenn ihr im Jugendzentrum Automaten aufstellt, ist das Haus immer voll. Dann kommen alle meine Freunde.“

Dass Menschen am Rand der Gesellschaft gefährdet sind, ist bekannt, doch: „Migration und Glücksspiel ist in Österreich kaum ein Thema“, sagt Edith Zitz vom Verein. Aus diesem Grund hat Jukus vor einem Jahr das Projekt „Spielsucht – die stille Sucht“ gestartet. Dabei bietet das Team kostenlose Workshops, gefördert von Stadt, Land und Bund: Sie sollen Menschen aus dem Jugend-, Migrations-, Sucht- oder Sozialbereich über kulturell verschiedene Sichtweisen zum Thema informieren. „Wir wollen diversitätssensible Zugänge zur Glücksspielsucht schaffen, damit es bessere Hilfsangebote für Betroffene gibt“, sagt Zitz. Dies wäre ein wichtiger Schritt, findet man in der Selbsthilfegruppe: „An den Automaten sitzen oft Migranten, zu uns kommen sie aber nicht“, sagt ein Teilnehmer, der anonym bleiben will. „Nur einmal waren zwei Männer da. Weil sie nicht gut Deutsch konnten, sie sind aber bald gegangen.“

Eine Herausforderung: Gilt die Spielsucht hierzulande als „stille Sucht“, weil sie kaum wahrgenommen wird, so wird sie in anderen Kulturen: totgeschwiegen. „Im Islam ist das Glücksspiel wortwörtlich tabu“, sagt Mogg. Denn es gilt als sehr schwere Sünde: Im Koran werden Wein und Glücksspiel als Werk des Teufels erwähnt. Im Zuge des Projektes hat Jukus unter anderem mit Moscheen Kontakt aufgenommen. Dabei zeigte sich: Auch wenn es nicht immer leicht ist, die Sucht zu thematisieren, so gibt es doch Interesse. „Wir haben gesehen: Die Glaubensgemeinden kennen das Problem“, sagt Zitz. Ein erster Schritt.

Falsche Hoffnungen
„Viele Menschen kommen nach Österreich, um den sozialen Aufstieg zu schaffen“, meint die Psychologin Lierzer. Setzt dann die Enttäuschung ein, etwa weil sie keine gute Arbeit finden, treffen sie sich im Lokal ums Eck. Und das ist oft ein Spielcafé: Gerade in den Grazer Stadtteilen Lend und Gries, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, gibt es viele davon. Sie locken mit niedrigen Preisen und Sport-Übertragungen – die ganze Nacht hindurch.

Für Xaver kam die große Leere dann am nächsten Morgen. „Ich habe mich beschimpft und geschrien: Du bist das Allerletzte!“ Aufzuhören nahm er sich fix vor. Viele Male. Geschafft hat er den Entzug, nachdem er zwei Monate stationär auf einer Klinik verbrachte. „Jetzt bin ich seit sechs Jahren clean“, sagt er und seine Stimme wird weicher. Bald kommt noch ein wichtiger Moment: „Heuer zahle ich meinen Kredit zurück.“ Damit gehört ein weiteres Teil seines Spielerlebens der Vergangenheit an.

*Name von der Redaktion geändert

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