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Beklemmend radikal

Von: Gerlinde Pölsler

Wie gefährlich sind Rechtsrock und rassistischer Hip Hop? Dürfen legale Bands mit rechten Texten auf öffentlichen Bühnen spielen? Und was kann man gegen eine Radikalisierung Jugendlicher tun? Beklemmend aktuelle Fragen zu Beginn des NSU-Prozesses in Deutschland.

Schon Tage vor dem Konzert hat Thomas Kuban Albträume. Beim Reingehen kann er seine Panik kaum im Zaum halten. Saalschützer schotten die geheimen Nazikonzerte nach außen ab, oft wird, wenn die Besucher/innen in der Halle sind, die Tür versperrt. Ein ums andere Mal nestelt der mit Glatze und Springerstiefeln getarnte Undercover-Journalist an seiner Minikamera, die aus dem Polohemd linst, und dem Aufnahmegerät, das die Bomberjacke verdeckt. Was passierte, würden seine Spionage-Utensilien bei der Körpervisite entdeckt, daran lassen die Neonazis im Internet keinen Zweifel: „Den stellen wir auf die Bühne, der Rest ergibt sich von selbst.“ Neun Jahre lang filmte der deutsche Journalist mit dem Decknamen Thomas Kuban heimlich Neonazikonzerte in neun Ländern, darunter auch Österreich. Da-raus entstand sein Buch „Blut muss fließen“, benannt nach dem SA-Lied, dessen Rockversion Neonazis als Hymne gilt: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig. Lasst die Messer flutschen in den Judenleib. Blut muss fließen, knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“ Der gleichnamige Dokumentarfilm lief im Vorjahr auf der Berlinale.

Wie gefährlich ist rechte Musik? Soll eine – legale – Band wie die Südtiroler Frei.Wild in einer öffentlichen Halle spielen dürfen? Besteht gar irgendein Zusammenhang zwischen Rechtsrock und dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der in Deutschland mindestens zehn Morde vorwiegend an türkischstämmigen Kleinhändlern verübt haben soll, die aktuell in einem Monsterprozess verhandelt werden? Solche Fragen werden derzeit intensiv diskutiert. Das Neue: Die Einordnung wird immer schwieriger, die Graubereiche nehmen zu.

„Rechtsextremismus ist aktuell die wichtigste Jugendprotestkultur“, sagt der Grazer Jugendarbeiter Alex Mikusch. „Vieles wird über-, aber auch unterbewertet. Es ist kontraproduktiv, jemanden als rechtsextrem zu bezeichnen, weil er ein Rammstein-T-Shirt anhat.“ Andererseits bleiben extreme Inhalte oft unerkannt: Toll-schock, eine der führenden österreichischen Rechtsrockbands, hatte fünf Jahre lang ungestört in einem Dornbirner Jugendzentrum geprobt. Peter Ohlendorf, der die von ihm produzierte Doku zu Kubans Recherchen kürzlich im Grazer Jugendzentrum Explosiv präsentierte, berichtet, in deutschen Umkleidekabinen von Sportklubs werde die Band Landser rauf und runter gespielt, sogar in Anwesenheit von Trainer/innen. Am Beispiel Landser widerlegt Mikusch die Aussage, es gehe ja „nur um Musik“: „Landser wurde 2001 als terroristische Vereinigung verurteilt. Ihr Sänger Michael Regener verbüßte eine jahrelange Haftstrafe.“ Bands wie Frei.Wild, deren Auftritt in der Grazer Stadthalle heftig debattiert wurde, sind dagegen Paradebeispiele für die neue Taktik: Sie verstoßen gegen kein Gesetz und betonen, sie hätten mit Nazitümelei nichts am Hut. Tatsächlich besingt Frei.Wild nicht nur die Liebe zu ihrer Südtiroler Heimat, sondern jongliert mit Uneindeutigkeiten: „Gutmenschen“ wollten nur „Geschichte,
die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen lassen“, heißt es. Oder: „Heut´ gibt es den Stempel, keinen Stern mehr“ – so stilisieren sich die Bandmitglieder als die neuen Verfolgten.

Bei der Diskussion im Jugendzentrum Explosiv anlässlich des Besuchs von Produzent Ohlendorf waren sich sowohl er als auch Jugendarbeiter Mikusch und sein Kollege René Molnar, Leiter des Explosiv, einig: Die Diskussion gehört viel breiter geführt. Man müsse auch über die Texte von Hip Hoppern oder Rappern wie Bushido reden, die vor Frauenverachtung, Homophobie und Gewaltverherrlichung nur so strotzen. Dafür fehle komplett das Bewusstsein. Stattdessen bekam Bushido den Integrationspreis Bambi verliehen – „abartig“, findet Ohlendorf.Was aber bewirkt rechte Musik? Kann sie wirklich aus
harmlosen Jugendlichen Rechtsradikale machen? So simpel ist es natürlich nicht, aber, so Mikusch: „Musik fungiert wie eine Einstiegsdroge als Türöffner in die Neonaziszene.“ Thomas Kuban schildert, wie das konspirative Drumherum bei verbotenen Bands insbesondere junge Männer fasziniert: die geheimen Treffpunkte, die Autokonvois, die hinter Schleusern herrasen. Umgekehrt nutzt die NPD ihren Parteistatus, um Feste für die ganze Familie zu organisieren, mit rechtsextremen Liedermachern für die älteren Semester und politischen Kampfreden in den Umbaupausen. Laut Kuban hat erst die große Szene an Sympathisant/innen die Terrorzelle NSU ermöglicht: Nur so hätten sich ausreichend Radikalisierte gefunden. Was aber tun? Zuhören, Informieren und Diskutieren hilft laut Mikusch sehr wohl. Zwar nicht bei den Eingefleischten, die schon ein rechtsextremes Weltbild haben. Sehr wohl aber bei den Mitläufer/innen und Sympathisant/innen, die in ihren Meinungen noch nicht gefestigt sind.

Mikusch ortet aber viel Ahnungs- und Hilflosigkeit bei Jugendarbeiter/innen, und die Polizei kenne sich mit rechter Musik ebenso wenig aus. Auch Kuban warf der Politik, den Behörden und den Medien Ignoranz vor. Die Musik allein sei also nicht das Problem: Der Rechtsradikalismus reiche ja längst bis in die Mitte der Gesellschaft, die Musik sei nur ein Spiegel. „Wir müssen die Diskussion knallhart führen, auf allen gesellschaftlichen Ebenen“, sagt René Molnar. Und glaubt: „Hätten alle Jugendlichen Arbeitsplätze, würden sie sich so einen Scheiß nicht mehr anhören.“ Wie ambivalent mit dem Thema umgegangen wird, zeigt sich an Kubans Geschichte. In all den Jahren seiner Undercover-Recherchen kaufte ihm kaum ein öffentlich-rechtlicher Sender sein Material ab. Inzwischen hat er diese Arbeit beendet, er konnte finanziell und psychisch nicht mehr. Den Film gibt es nur, weil Ohlendorf ihn privat finanziert hat: „Wir haben immer noch tiefe Schulden.“ Selbst jetzt, wo Ohlendorf „von der Antifa bis zu den Rotariern, von der Polizei bis zu Landtagen“ zu Filmvorführungen eingeladen wird, ist man auf Spenden angewiesen. „Kuban ist der Experte, den jeder hören will, er sitzt in allen Sendern, die seinen Film nicht zeigen“, so Ohlendorf. Aktuell stellen die beiden Material für Schulen zusammen. Öffentliche Mitzahler/innen? Haben sich noch keine gefunden.

Thomas Kuban:
Der Journalist filmte neun Jahre lang undercover Neonazikonzerte. Hitler-grüße und Hakenkreuztä-towierungen waren gang und gäbe. Straftaten seien auch begangen worden, während Polizei und Staatsschützer im Saal waren.

Info: Broschüren über rechte Symbole und Musik finden sich zum Downloaden unter:

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