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Wenn Künstler zu Nomaden werden

Von: Elisabeth Pötler

Der Kunstverein „Schaumbad“ gondelt seit zwei Jahren durch die Stadt, auf der Suche nach einem fixen Atelier. Vom Nomaden-Dasein und dem Künstlerleben aus Kisten und Koffern.

Sie müssen stets aufs Neue in See stechen, auf der Suche nach einem Ankerplatz. Ihr Revier: die Stadt mit ihren pulsierenden Menschenmassen und vielfältigen Orten. Hier ist das Grazer Künstler/ innen-Kollektiv Schaumbad unterwegs, um sich Inseln zu erobern, auf der sie ihre Projekte verwirklichen können. Sesshaft? Nein, der Verein führt ein Nomaden-Dasein. Gezwungenermaßen.

Zuletzt ließ die Gruppe mit dem Projekt „We have a situation“ von sich hören: Eines der Themen dabei war die Herstellung von Lebensmitteln. Ihre Ideen und Visionen zu Biobauernhof und Massentierhaltung haben die Künstler/innen mit internationalen Kolleginnen und Kollegen in einem virtuell aufbereiteten Theaterstück verarbeitet. Wo das Projekt stattfand: In den Räumen der Firma Ökoservice, in der Nähe des Sturzplatzes, wo sonst Reinigungs-service oder Geschirrverleih beherbergt sind – angemietet auf Zeit, versteht sich. Ständig auf Quartiersuche zu sein ist für den Verein rund um Eva Ursprung zur unliebsamen Gewohnheit geworden. „Seit zwei Jahren wandeln wir raumsuchend durch die Stadt“, sagt die Künstlerin. Denn ein Atelier, das 30 Mitgliedern als Arbeitsplatz dienen könnte und finanzierbar wäre, ist schwer zu finden. Damit ist die Gruppe kein Einzelfall: „Es gibt in der Stadt kaum leistbare Räume für Kreative. Viele Kolleginnen und Kollegen ziehen deshalb ins Grüne.“ Der Verein bekommt zwar Förderungen von Stadt und Land, doch das derzeitige Sparprogramm treffe besonders die kleinen Initiativen besonders hart, sagt Ursprung. Was sie ärgert: „Es gibt viele leer stehende Flächen, wie das alte Landesschülerheim, die wir nicht nutzen können. Durch viele Restriktionen ist es auch fast unmöglich, im öffentlichen Raum aktiv zu werden“, sagt die Künstlerin, die sich selbst als Nomadin bezeichnet.

Früher und jetzt
Das war nicht immer so. In der Zeitrechnung des Schaumbades gibt es die Ära „früher“ und die Ära „jetzt“. Jetzt ist der einzige Ort, an den die Künstler/innen regelmäßig zurückkehren, ihr Lager: eine verschlissene, ehemalige Lkw-Garage der Brauerei Puntigam. Hier türmen sich dicht gedrängt Kisten, Bilder, Skulpturen, Leinwände, Werkzeug, Holz, Möbel … Sogar ein Holz-Pavillon rastet eingezwängt zwischen all dem Gepäck.

Das kleine, runde Häuschen ist ein Relikt aus der Zeit „früher“. Das war im Sommer 2008: Der Pavillon stand inmitten des großen, bunten Künstler-Ateliers, das das „Schaumbad“ soeben bezogen hatte. In den weitläufigen Hallen hinter dem Grazer Bahnhof tummelten sich Maler/innen, Bildhauer/innen, Musiker/innen, Performance-Künstler/innen und Fotograf/innen. Sie hatten das 3000 Quadratmeter große Areal zu günstigen Konditionen gemietet und in eine kreative Oase verwandelt. „Hier hatten wir Freiraum. Wir konnten laut sein und Sägespäne am Boden verstreuen“, erzählt Ursprung. Das Besondere: „Wir haben uns gegenseitig inspiriert und geholfen, es kam zur Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern.“ Und: Für junge Künstler/innen gab es die nötige ideelle und pragmatische Starthilfe für ihre ersten Projekte. Doch die bunte Arbeits-WG musste weichen. Im Frühling 2011 wurden die Räumlichkeiten an eine Firma verkauft, die sie nun – ironischerweise – als Lagerräume vermietet.

Das Unterwegssein und die Herbergssuche macht die kreative Gruppe auch zum Thema in ihren Projekten. Im Zuge ihrer „Heim-suchung“ haben sie sich mit Ton- und Bild-Installationen im ehe-maligen Saunabereich des Margaretenbads eingenistet. Mit ihrem Pavillon haben sie eine Woche lang im Stadtpark Quartier bezogen. Auf die fehlenden Räume macht die kleine Künstlerinnen-Gruppe „die Töchter“ am Mariahilferplatz aufmerksam: Mit den Worten „We are here“ – in großen Klebeband-Lettern auf den Boden geklebt. Eva Ursprung verschaffte sich zudem mit ihrem Saxophon Gehör: „Ich habe unter der Hauptbrücke dauernd die Tonleiter rauf und runter gespielt.“ Als Protest, schließlich hatte sie ja keinen anderen Proberaum. Mittlerweile aber ist die Truppe müde vom Reisen. „Das ständige Planen und Siedeln nagt an den Nerven und kostet Zeit“, sagt auch Alexandra Gschiel vom Vereins-Vorstand. Die Folgen des künstlerischen Nomaden-Daseins werden auch in den eigenen vier Wänden deutlich, wie Ursprung erzählt: „Im Gang in meiner Wohnung stehen Lautsprecherboxen und Kisten. Unterm Küchentisch stapeln sich meine Bilder.“ Davon kann auch Gschiel ein Lied singen: „In meiner Garage stehen Skulpturen, dafür muss das Auto im Freien parken.“

Bald
Nun aber ist – am Ende des Horizonts – eine neue Epoche im Leben der Künstler/innen sichtbar geworden. Sie nennt sich: „bald“. Läuft alles glatt, wird das „Schaumbad“ im Herbst auf seiner eigenen Insel landen: in den Räumen der Tagger-Futter-Werke im Süden der Stadt. Noch herrscht hier ein großes Baustellen-Chaos, bald aber soll es einem Atelier weichen. „Wir wollen das Haus allen Künstlerinnnen und Künstlern aus verschiedensten Sparten öffnen“, sagt Ursprung. „Wir träumen von einer eigenen Dunkelkammer, einem Videostudio und einer Werkstatt für Holz- und Schweiß-arbeiten. Möglich wäre das nur durch Förderungen.“ Trotz allem Optimismus ist die kreative Gruppe auch für raues Wetter gewappnet. „Wir werden unsere zwei große Beduinen-Zelte immer im Gepäck haben“, sagt Ursprung mit einem Lächeln. Sicherheitshalber. Das Nomaden-Dasein hinterlässt eben seine Spuren.

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