STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/März 2013/Aufgegessen ausgespien/
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Aufgegessen ausgespien

Drei Tage vor dem Antritt einer stationären Therapie gegen Magersucht macht sich eine junge Frau Luft, wagt einen offentlichen Aufruf.

Ich sollte stolz auf mich sein. Ich sollte mein Leben genießen, Freunde treffen, unbeschwert sein. Eigentlich habe ich alles und doch habe ich nichts. Ich bin 24 Jahre alt (1,71 m groß; 47 kg schwer), ich habe zwei Diplomstudien in Mindestzeit und mit Leistungsstipendium abgeschlossen, ich stehe erfolgreich im Berufsleben, ich bin gesegnet mit einer mich liebenden Familie. Ich habe Freunde, die immer zu mir halten. Trotzdem hasse ich mich und mein Leben. Ich fühle mich als Gefangene in meinem Körper, gesteuert von Zwängen, die jeden noch so schönen Tag in einem Tränenmeer (und über der Kloschüssel) ausklingen lassen. Ich leide seit fast drei Jahren an Bulimie. Dazu kommen Tage, an denen ich absolut keine Nahrung zu mir nehme, und der Zwang, meinen Körper sportlichen Höchstleistungen auszusetzen. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht zumindest eineinhalb Stunden körperlich aktiv war. Mein Leben dreht sich 24 Stunden, also 1440 Minuten um das eine: Essen. Was, wann, wie viel?

In der Früh beginnt die Tortur. Trotz knurrenden Ma-gens zwinge ich mich, keinen Bissen zu essen und schnell zur Arbeit zu gehen. Nur dort habe ich das Gefühl, vor meinen Fressattacken sicher zu sein. Neben anderen Personen zu essen, das kann ich schon lange nicht mehr. Ich fühle mich beobachtet, muss kontrollieren, dass ich am wenigsten von allen esse, und ich werde beim Anblick von „Genussessern“ zur eifersüchtigen Bestie. Der Arbeitstag endet immer viel zu schnell und ich werde in die gefahrenreiche Welt des Alltags entlassen. Meine Beine schmerzen, meine Muskeln flehen nach Nahrung. Ich bin stolz, meine Bedürfnisse bereits den halben Tag unterdrückt zu haben.

Zu Hause muss ich essen, essen, essen. Nahrungs-mittel habe ich keine zu Hause. Ein schneller, meist gestresster und triebgesteuerter Einkauf im Super-markt löst meine Probleme (für kurze Zeit). Zu Hause angekommen, beginne ich meine Fressorgie. Es gibt Tage, an denen ich einen ganzen Gugelhupf, Muffins, eine Packung Chips, einen Liter Milch, eine Pizza, Kekse, mehrere Tafeln Schokolade und noch anderes Zeug einfach so in mich reinfresse. Kurzzeitig beruhigt mich das. Doch dann: Ich sehe aus, als wäre ich im neunten Monat schwanger, mein Bauch krampft und mein Kopf sagt: „Tu es.“ Noch schnell Wasser trinken und ab ins Klo …

Erschöpft von der Anstrengung am „Stillen Örtchen“, zwinge ich mich, meine Laufsachen anzuziehen. Ich laufe. Wohin, das weiß ich nicht. Ich laufe vor mir davon. Eine Stunde, eine weitere. Ich will nicht nach Hause. Entlang der Mur trifft man sie, die Nordic Walker, die Spaziergänger, die Läufer. Man kennt sich mittlerweile. Doch auch während des Laufens beschäftigt mich nur das eine: Essen.

Stunden sind vergangen, der Tag ist fast zu Ende. Meine Freunde habe ich versetzt. „Keine Zeit.“ „Zu viel Stress in der Arbeit.“ „Ich bin verabredet.“ Meist wehre ich mich mit Floskeln davor, mit ihnen eine schöne Zeit zu verbringen. Es tut mir weh, ihnen nicht eine Freundin wie früher sein zu können. Manchmal erzähle ich ihnen von meinem Leid, aber ich will kein Mitleid. So bin ich nicht.

Die Krankheit beschwert auch das Leben meiner Familie. Es tut mir leid, mit anzusehen, wie meine Mama hilflos meinen Schilderungen lauscht und wie die Angst in ihr immer größer wird. Ich will und kann nicht mehr so weiterleben.

Ich habe mich entschlossen, eine stationäre Therapie zu beginnen. Vier Monate musste ich vom Tag der Entscheidung bis zum Therapieantritt warten. Vier Monate, in denen ich am Gesundheitssystem gezweifelt habe. Ich kann nicht verstehen, warum eine Patientin, die dringend Hilfe benötigt und annehmen will, nicht sofort aufgenommen wird. An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Hausärztin bedanken. Ohne ihren Einsatz würde ich noch immer auf meine Therapie warten. In weniger als einer Woche ist es so weit. Die letzten Tage waren ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits freue ich mich auf die Aussicht, von meinen Zwängen befreit zu werden. Andererseits habe ich Angst davor, gerade diese Zwänge, die mir auf eine absurde Art und Weise Sicherheit geben, loszulassen. Sie sind ein Teil
von mir, sie geben mir Halt, sie gehören zu mir!

Ich hoffe, dass ich die Krankheit besiegen, als Vorbild für tausende andere Menschen in die Welt treten und wieder mit Genuss am Leben teilhaben kann.

Etwas möchte ich Ihnen ans Herz legen: Sollten Sie, Freunde oder Familienmitglieder sich ähnlich verhalten, so bitte ich Sie, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Einmal in diesem Kreislauf gefangen, ist es nur schwer, wieder rauszukommen!

Anmerkung: Während dieses Artikels hatte ich vier Ess-Brech-Laufattacken. *leider*

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