STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Mai 2013/Gangnam Gaza Style/
drucken drucken 

Gangnam Gaza Style

Von: Eva Barlett, www.street-papers.org/IPS

Gangnam Style, der Erfolgssong des südkoreanischen Rappers Psy, hat junge Palästinenser im Gazastreifen zu einem eigenen Tanzvideo inspiriert. Gangnam Gaza Style parodiert das südkoreanische Original und nimmt auf das Elend der Palästinenser unter der israelischen Militärbesatzung Bezug.

„Wir wollten etwas tun, um auf die Notlage der Gefangenen aufmerksam zu machen. Etwa 5000 Palästinenser sitzen aus politischen Gründen in Israel in Haft. Unter ihnen sind Hungerstreikende, Kinder und Frauen", sagt Mohammad Barakat, einer der sieben Erfinder der palästinensischen Rapdance-Version. „Wir wollen der Außenwelt von den unmöglichen Bedingungen berichten, unter denen wir leben. Unser Flughafen ist zerstört, unsere Fischer dürfen nicht mehr auf das Meer hinausfahren, die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos. Wir nutzen Tunnel statt Grenzübergängen und reiten auf Eseln, weil Benzin zu teuer ist“, schildert der 30-Jährige die Folgen der jahrelangen Belagerung des Gazastreifens durch Israel.

Die Rapper weisen auf die größten Probleme im Gazastreifen hin. Dazu gehören tägliche Stromausfälle, Benzinknappheit, mangelnde Bewegungsfreiheit und Arbeitslosigkeit. Tanz ist für sie ein Ventil, um ihren Frust auf kreative Weise abzulassen. Fünf Männer und zwei Kinder, die schwarzgekleidet sind und die traditionellen schwarz-weißen Palästinensertücher (Kufiya) um den Kopf gewickelt tragen, tanzen eine Mischung aus Gangnam' und Dabke, einem energiegeladenen Tanz, der in vielen arabischen Ländern bekannt ist.

Das viereinhalb Minuten lange Video zeigt die Küste des Gaza-streifens, die täglich mit 90 Millionen Litern ungeklärter Abwässer verschmutzt wird, Tankstellen ohne Benzin und Tunnel, die als heimliche Grenzübergänge dienen und durch die Baumaterial in das durch israelische Bombenangriffe verwüstete Palästinenser-gebiet gebracht wird. Die theatralische Bombenexplosion in dem ursprünglichen Gangnam-Style-Video scheint besser zu der palästinensischen Version zu passen. In den vergangenen vier Jahren erlebten die Menschen dort zwei größere israelische Offensiven und dazwischen zahlreiche weitere Angriffe. Den Einwohnern des Gazastreifens sind Bombardements also nur allzu gut vertraut.

Der zehnjährige Wassim abu Schabaan ist eines der beiden Kinder, die in dem Videoclip auftreten. Er ist einer von vielen Tausend Palästinensern, dessen Zuhause durch Luftangriffe und Bulldozer dem Erdboden gleichgemacht wurde. „Alles wurde zerstört… unser Computer, mein Zimmer, unsere Kleidung, alles“, zählt der Junge auf, als er von dem Bombenangriff 2009 berichtet. „Palästinensische Kinder erkennen schon an den Geräuschen die Unterschiede zwischen F-15- und F-16-Kampfflugzeugen sowie zwischen Drohnen mit Raketen und Überwachungsdrohnen“, sagt Barakat. Bei den israelischen Angriffen im vergangenen November wurde auch das Stadion in Gaza-Stadt bombardiert, eine der wenigen Sporteinrichtungen, in der auch behinderte Athleten trainieren konnten. Das Gangnam-Video zeigt Bilder der Zerstörung, als die fünf Männer und zwei Kinder mit Fußbällen in der Hand das Stadion betreten und nur Ruinen vorfinden.

Das Programm für mentale Gesundheit in Gaza stellte 2009 fest, dass mehr als 91 Prozent der Kinder des Gazastreifens unter leichten bis schweren post-traumatischen Störungen leiden. Etwa die Hälfte der rund 1,7 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind Kinder. „Wir leiden alle unter der Belagerung und den israelischen Kriegshandlungen. Wir haben alle psychische Probleme, weil wir unter solchen Umständen leben. Von dem Krieg 2009 hatten wir uns noch nicht erholt, als es 2012 wieder Angriffe gab“, erklärt Barakat.

Auch die Infrastruktur im Gazastreifen liegt noch danieder. Die Krankenhäuser berichten, dass selbst die wichtigsten Medikamente ständig fehlen. Die Schulen sind völlig überfüllt und müssen meist in Doppel- und Dreifachschichten arbeiten, um allen Kindern Unterricht zu bieten. Seit dem israelischen Angriff auf das einzige Kraftwerk 2006 fällt im gesamten Gazastreifen täglich der Strom aus. Zurzeit gibt es acht Stunden am Tag keine Elektrizität, in den schlimmsten Jahren waren dagegen Ausfälle von 18 bis 20 Stunden die Regel. „Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, aber im Gazastreifen gibt es fast nie Strom“, kritisiert Barakat. „Die Verwendung von Kerzen und Generatoren hat in den letzten Jahren zu vielen Bränden und Kohlenmonoxid-Vergiftungen geführt.“

Auch das Problem der Abwasseraufbereitung muss noch gelöst werden. Es fehlt an Baumaterial, um die veralteten Kläranlagen zu modernisieren. Stromausfälle und Trinkwassermangel tragen zu einer allgemeinen Wasserkrise bei. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft 95 Prozent des Wassers im Gazastreifen als nicht trink-bar ein. Laut dem 2012 von den Vereinten Nationen veröffentlichten Bericht „Gaza in 2020: a Liveable Place?“ wird die einzige Wasser-ader in dem Gebiet, die bereits jetzt übermäßig beansprucht wird, im Jahr 2016 versiegt sein.

Nach Angaben der WHO sind allein seit 2008 mindestens 81 Menschen gestorben, weil sie nicht rechtzeitig medizinische Hilfe erhielten. Im vergangenen Jahr berichteten die palästinensischen Behörden, dass mehr als 400 Nierenpatienten gefährdet seien, weil es nicht genügend Dialysegeräte gibt. Die britische Organisation „Medical Aid for Palestinians“ (MAP-UK) berichtet, dass zehn Pro-zent der Kinder unter fünf Jahren an chronischer Unterernährung leiden. Bei schwangeren Frauen tritt häufig Blutarmut auf.

Seit 2007 hat die israelische Armee bereits 2300 Palästinenser getötet, wie das UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten im vergangenen Juni mitteilte. Viele dieser Toten und Hunderte der insgesamt 7700 von der UNO registrierten Verletzten waren im Gazastreifen zu beklagen. Die Opfer der Angriffe vom vergangenen November sind noch nicht eingerechnet. Auch Fischer auf dem Meer werden oft zu Zielscheiben.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2013/Mai_2013/362/