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Foxconn-Arbeiter/innen gegen Lohnsklaverei

Von: Ralf Ruckus

Internationale Proteste in den chinesischen Großfabriken zwingen den Elektronikriesen zu Zugeständnissen

Foxconn ist der weltgrößte Auftragshersteller für Elektronik und produziert in Großfabriken in China und anderswo für Apple, Sony, Google, Microsoft, Amazon und andere Marken. Foxconns Arbeite-rinnen und Arbeiter sind die iSlaves, die unter miesen Arbeitsbedingungen unsere elektronischen Geräte herstellen: iPhones, Kindles, Playstations. Im Jahr 2010 erschütterte eine Selbstmordserie von Arbeiter/innen die chinesischen Foxconn-Werke und zog welt-weite Aufmerksamkeit auf sich. Unter dem Druck des öffentlichen Aufschreis versprach Foxconn, die Löhne zu erhöhen, aber die Situation hat sich seitdem kaum verbessert. Seit 2010 kommt es vermehrt zu Arbeiterunruhen in den Fabriken.

Vertragshersteller wie Foxconn produzieren für Markenfirmen, die über keine eigenen Fabriken verfügen – ein System, das in den 1970er Jahren nicht nur im Elektronik-, sondern u.a. auch im Textilsektor entwickelt wurde. Viele dieser Fabriken stehen in Sonder-wirtschaftszonen von Niedriglohnländern in Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Seit den 1980er Jahren wurde aus dem kleinen Subunternehmen Foxconn das größte private Industrieunternehmen der Welt mit über einer Million Beschäftigten allein in China. Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sind geprägt durch tayloristische Arbeitsprozesse an den Fließbändern und Werkbänken, ein Schichtsystem mit Pflichtüberstunden, die oft nicht vollständig entlohnt werden, strenge Überwachung bei der Arbeit (mit ständigen Kontrollen, harten Strafen auch für kleinere Vergehen, Leibesvisitationen durch Werkschützer/innen), hohe Arbeitsgeschwindigkeit sowie gefährliche Arbeitsumgebungen, die zu vielen Unfällen und Krankheiten führen.

Die meisten Arbeiter/innen wohnen in überfüllten Wohnheimen, die mit ihren strengen Eingangskontrollen und Vorschriften eine Verlängerung der Werkhallen und Fließbänder sind. Arbeiter/innen unterschiedlicher Abteilungen und Schichten müssen sich ein Wohnheimzimmer teilen, was zu Isolation, Schlafmangel und persönlichen Konflikten führt. Mit dieser Strategie will Foxconn die Arbeiter/innen spalten und kollektiven Widerstand verhindern. Die meisten Produktionsarbeiter/innen sind zwischen 16 und 25 Jahre alt, Migrant/innen, 60 Prozent sind männlich. Sie verdienen überwiegend etwa 160 bis 280 Euro (inklusive der vielen Über-stunden). Das ist etwas mehr als der gesetzliche Mindestlohn der jeweiligen Region, aber der Lohn reicht nicht, um sich in der Stadt niederzulassen, eine Familie zu gründen und so zu leben, wie es die meisten Arbeiter/innen erwarten. Foxconn stellt außerdem jedes Jahr Zehntausende, meist 16 bis 18 Jahre alte Schüler/innen von technischen Schulen als „Praktikant/innen“ ein, um die Arbeitsgesetze zu umgehen.

2010 stellte diese Gruppe 15 Prozent der Gesamtbelegschaft. Oft werden sie von ihren Schulen gezwungen, als Teil ihrer Berufsaus-bildung bei Foxconn zu arbeiten. Formal gelten diese Arbeitseinsätze als Praktika, um berufliche Fähigkeiten zu erlernen, tatsächlich stehen die Schüler/innen am Fließband mit den anderen Arbeiter/innen – für niedrigere Löhne und leicht sowie ohne Entschädigung kündbar.

Kampf gegen Ausbeutung

Foxconn-Arbeiter/innen sind keinesfalls stille Opfer der Ausbeutung und Repression. Sie beschweren sich über niedrige Löhne, den brutalen Maschinenrhythmus, die Langeweile und Sinnlosigkeit der Arbeit, über Gefahren am Arbeitsplatz, despotische Vorgesetzte, überfüllte Wohnheime. Sie vergleichen Foxconn mit einem Gefängnis, bezeichnen das Kantinenessen als „Schweinefutter“ und haben die tägliche Erschöpfung während und nach der Arbeit satt. Sie setzen regelmäßig alltägliche Formen des Widerstands ein, wie Sabotage oder Bummelei, und ab und zu schaffen sie es, kollektive Kämpfe wie Streiks zu organisieren, zum Beispiel in Zhengzhou im Oktober 2012 und in Fengcheng im Januar 2013. Wenn Foxconn solche Kampfformen durch sein militaristisches Regime blockiert, kommt es auch zu militanten Ausschreitungen, wie in Chengdu im Juni und in Taiyuan im September 2012.

In den chinesischen Industriezentren hat die Zahl solcher Wanderarbeiterkämpfe seit den frühen 2000er Jahren zugenommen und erreichte mit der Streikwelle in der Autoindustrie 2010 ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Unternehmen sehen sich gezwungen, die Löhne anzuheben. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) eine Destabilisierung ihrer Herrschaft fürchtet und die regionalen Mindestlöhne von 2006 bis 2011 jährlich um durchschnittlich 12,5 Prozent erhöhte. Seit Jahren versucht die KPCh, Arbeiterunruhen nicht nur durch Repression, sondern auch durch Schlichtungsorgane, Arbeitsgerichte oder das direkte Eingreifen der Arbeitsbehörde zu kanalisieren. Da die Wellen von Arbeits-unruhen trotzdem weitergehen, experimentiert die KPCh nun auch mit Veränderungen des staatlich gelenkten Gewerkschaftssystems.

Foxconn geriet nach der Selbstmordwelle in den chinesischen Fabriken 2010 unter öffentlichen Druck und erhöhte die Löhne – beschränkte allerdings gleichzeitig Zulagen und Überstunden. Zudem beschleunigte Foxconn die Produktionsverlagerung von den Küstenregionen im Südosten ins chinesische Hinterland, wo die Löhne bis zu 50 Prozent niedriger sind. Anfang 2013 kündigte der Konzern an, vor Juli in seinen Werken in China Gewerkschaftswahlen auf betrieblicher Ebene abhalten zu wollen (danach dann alle fünf Jahre). Die offizielle KP-Gewerkschaft ist in Foxconn-Werken schon seit 2006 aktiv – unter der Kontrolle des Managements. Mit der „demokratischen“ Legitimierung der betrieblichen Gewerkschafts-vertreter/innen will Foxconn sein Ausbeuter-Image loswerden und die gewerkschaftsunabhängigen Arbeiternetzwerke, die hinter den Streiks und anderen Aktionen stehen, schwächen.

Foxconn zieht mit seiner brutalen Ausbeutung und den schlechten Arbeitsbedingungen zu Recht viel Kritik auf sich, ebenso Apple: Das US-Unternehmen symbolisiert eine globalisierte, kapitalistische Kultur, die auf Lohnsklaverei beruht. Eine internationale Kampagne von NGOs, die schon vor den Selbstmorden 2010 begann, will Schande über diese beiden Unternehmen bringen, den öffentlichen Druck erhöhen und Konsumboykotte initiieren, in der Hoffnung, dass dies Foxconn zu einer Verbesserung der Bedingungen zwingt. Doch die Stoßrichtungen der Kampagnen beschränken sich oft auf Vermittlung und Verhandlung bzw. fordert, die „Konsument/innen in reichen Ländern“ sollen „Produzent/innen in armen Ländern“, die als schwach und wehrlos präsentiert werden, helfen. Dies ist der falsche Weg, wenn es um die Verbindung und Vernetzung der weltweiten Kämpfe geht.

In der kapitalistischen Krise mit weltweit neuen Klassenbewegungen, die ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation zeigen, machen Kampagnen Sinn, wenn sie alle kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen angreifen, sich nicht auf Klassenvermittlung einlassen und einen solidarischen Bezug „auf gleicher Augenhöhe“ herstellen. Solidarität ist möglich, wenn (latent) rebellische Subjekte gemein-same Ziele erkennen und sich auf dieser Grundlage gegenseitig unterstützen. Im Fall von Foxconn hieße das, dass Industriearbeiter/innen in Foxconn-Fabriken in China (oder auch Tschechien), Coltan-Bergarbeiter/innen im Kongo, Verkäufer/innen in Apple-Geschäften und Call-Centern weltweit gegen ihre eigene Ausbeutung kämpfen und andere Ausbeutungszusammenhänge und Kämpfe entlang der Produktionskette aufgreifen.


(ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis /Nr. 581)
Zum Autor: Ralf Ruckusschreibt und übersetzt im Rahmen des Kollektivs gongchao.org Texte zu Wanderarbeiterkämpfen, Geschlechterverhältnissen und Klassenzusammensetzung in China und hat das Buch „iSlaves. Ausbeutung und Widerstand in Chinas Foxconn-Fabriken“ von Pun Ngai, Professorin für Soziologie der Polytechnischen Universität Hongkong, sowie Lu Huilin, Guo Yuhua und Shen Yuan (erschienen 2013 im Mandelbaum Verlag) herausgegeben und übersetzt.

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