STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/November 2013/Machtspiel der Gebenden/
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Machtpielt der Gebenden

Von: Annelies Pichler

Der Künstler Romuald Hazoumè jongliert mit den Bildern unserer Klischees von Afrika und führt sie ad absurdum. Zu sehen im Kunsthaus Graz.

Romuald Hazoumè stellt die Welt nicht auf den Kopf. Er verrückt unsere Wahrnehmung und das hat ihn zu einem der gefragtesten Künstler/innen der Gegenwart gemacht. Schon der Titel der Grazer Ausstellung verweist auf seine Arbeitsweise. Er erinnert an Hazoumès NGO (Nichtregierungsorganisation) „Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“, über die in Afrika Geld für arme Menschen gesammelt wird, die in den herkömmlichen „Geberländern“ wohnen. Ein Schritt von der Rolltreppe des Grazer Kunsthauses in den Ausstellungsraum und schon ist sie da: eine Göttin. Diese stählerne Erscheinung verlangt nicht nach Opfern, im Gegenteil: Hier können Schlösser mit der Kraft der Liebe aufgeladen werden, bevor sie als „Liebesschlösser“ an ein Brückengeländer gehängt werden. Der neue „Brauch“, der im Westen von Absolvent/innen der Sanitätsakademie San Giorgio in Florenz initiiert worden sein soll, spiegelt laut Hazoumè eine Tradition, die es in seiner Heimat schon lange gibt. „Den Schlüssel zum Schloss muss man immer behalten, damit man es später wieder öffnen kann. Sonst kann das sehr unangenehm werden.“ Hierzulande wüssten das leider allzu wenige. Als „wahrer Picasso“ wurde Hazoumè in der Online-Ausgabe der „Zeit“ gewürdigt. Seine Werke erzählen von den Mythen seiner Heimat Benin, aber genauso von westlichen Traditionen. Den Ausschlag zu seinem Erfolg gaben in den 1990er Jahren seine „Kanister-Masken“. Günther Holler-Schuster, Kurator der Grazer Ausstellung, führt diesen Durchbruch darauf zurück, dass die Masken vordergründig das westliche Afrika-Klischee bedienen, indem ihre äußere Form Traditionen des Kontinents aufgreift, während das Material die Objekte zu etwas völlig Neuem machen und, so Holler-Schuster, „eher auf den Objektfetischismus der westlichen Konsumwelt abzielen“. Sie sind, wie alles, was Hazoumès Kunst ausmacht, im globalen Zusammenhang zu sehen. In der Ausstellung begegnen uns die alten Traditionen immer wieder. Zentral: ein sinkendes Schiff, um das sich Benzinkanister ausbreiten. Jeder Kanister ist zugleich Gesicht, Maske. An vielen davon sind Bänder befestigt. „Das sind Amulette, die ihre Träger/innen beschützen sollen. Ich könnte bei jedem davon sagen, woher es ursprünglich kommt“, erklärt der Künstler. Man kann sie als Symbole des Schutzes sehen, die Bootsflüchtlinge mit sich getragen haben. Oder ein ganz anderes Bild mit der Installation verbinden. Immerhin heißt sie „Rat Singer“. Das Boot: Afrika, die Ratte – all jene Regierungschefs, die es in den Abgrund ziehen. Oder anders: Das Boot als Symbol der internationalen Ölwirtschaft. Und die Amulette: Zeichen der Hoffnung. „Afrika ist reich. Die Afrikaner/innen werden die Entwicklung ihres Kontinents sehr bald selbst in die Hände nehmen und Erfolg haben. Viele der Afrikaner/innen, die jetzt über die ganze Welt verstreut leben, werden zu-rückkommen und Afrika aufleben lassen“, ist Hazoumè überzeugt. Damit nimmt er das Bild des sinkenden Kontinents aus dem Spiel und führt uns zu einer weiteren Installation: „Food for Europe“. Dinge, die Afrikaner/innen über die Grenze bringen: Ballen kunstvoll bedruckter Stoffe, Nahrungsmittel. Alles davon könnte man auch als Geschenk Afrikas an Europa sehen. Geschenke, die nicht angenommen werden. Es fragt sich: Liegt das an der Ohnmacht der Schenkenden?

Wer gibt, hat Macht.
Der Geber/die Geberin ist immer in der mächtigeren Position. Dieses Faktum zieht sich auch durch alle Werke dieser Ausstellung. Hazoumè versucht, seine Kunst vom Zwang der westlichen Moderne zu befrei-en, und bringt im Gegenzug seine eigene kulturelle Tradition ein. Dieser Transfer von Kulturen kann als Geben verstanden werden, wird aber seit jeher negativ besetzt“, erkennt Kurator Günther Holler-Schuster aus der Vogelperspektive. Es sei hoch an der Zeit, dass die Zuordnungen der westlichen Tradition einer Sicht weichen, in der Künstler/innen nicht mehr wegen ihrer Herkunft schubladisiert werden. Mit seiner NGO „Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ dreht Hazoumè die Struktur von Geben und Nehmen um. Ihre Mitarbeiter/innen sammeln in Afrika für die Armen in den „Geberländern“. Das Erstaunliche: Die Sammelboxen füllen sich. Bevor der Künstler uns aber mit dieser beruhigenden Aussicht wieder aus seinem Mikrokosmos entlässt, bleiben wir noch kurz vor seinem „Antidepresseur“ stehen. Ein hölzernes Liegebett, vor einem weich anmutenden Teppich aus Kakaobohnen, und im Hintergrund, auf dem Bildschirm ruhend, eine afrikanische Landschaft bei Sonnenuntergang. Das Liegebett – ein uralter Vor-läufer von Freuds Couch? Der Teppich, ein Untergrund erkauft mit Kinderarbeit und Zwang. Die wunderbare Landschaft – Vorbotin der Nacht oder ein Ort der Sehnsucht. Verstörend.


Die Ausstellung „Romuald Hazoumè, Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ ist eine Kooperation zwischen Kunsthaus und steirischem herbst.
Bis 12. Jänner 2014 Kunsthaus Graz, Space01.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/archiv/megaphon_2013/November_2013/387/