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Nur ein Traum

Von: Matthias Fuchs

Mit einer originellen Idee möchte eine slowakische Romni ihrer bitteren Armut entkommen.

Maria Racz* will eine McDonald’s-Filiale eröffnen. Es war ihre Idee, in der slowakischen Stadt Rimavska Sobota, ungarisch Rimaszombat, damit eine Marktlücke zu füllen und endlich Arbeit zu finden.

Schon seit 15 Jahren sucht sie Arbeit. „Niemand will in seinem Büro oder Geschäft Roma sehen“, sagt sie. Maria ist eine ungarische Romni und stammt aus Hostice, einem Dorf nah, an der Grenze zu Ungarn. Arbeit gibt es dort praktisch nicht, die Arbeitslosigkeit liegt bei 95 Prozent. Die Einwohner/innen leben haupt-sächlich vom Arbeitslosengeld. Viele fahren nach Graz, um hier zu betteln, auch Maria Racz.

Früher gab es hier in der Ostslowakei Arbeit. In der Bezirkshauptstadt Rimavska Sobota stand eine Zuckerfabrik. Leute aus Hostice arbeiteten dort oder verkauften selbst angebaute Zuckerrüben dorthin. 2004 schloss der österreichische Konzern Agrana die Fabrik. Auch Marias Vater hatte in der Zuckerfabrik gearbeitet. 30 Jahre lang. Mit dem Ersparten konnte er sich ein Haus bauen. Jetzt bekommt er Invalidenpension. Der linke Arm ist eingegipst, ein Arbeitsunfall. Von der ganzen Familie arbeitet nur Marias Mutter.

Der Zeithistoriker und Kulturwissenschafter Stefan Benedik von der Uni Graz hat zu dem Thema der transnationalen Migration zwischen der Slowakei und Österreich geforscht. Er kennt den Zusammenhang zwischen Firmen, die im Osten profitierten, und der Armut der Menschen. „Man möchte den freien Warenverkehr, man möchte den freien Kapitalverkehr, aber der freie Personenverkehr ist dann sehr unerwünscht, weil das dazu führt, dass Leute, die vom freien Kapitalverkehr, vom freien Warenverkehr letztlich all ihrer Lebensperspektiven beraubt wurden, gegenläufige Strategien versuchen, um sich ihr nacktes Überleben im sogenannten ‚Westen’ zu sichern“, erklärt Benedik.

Jetzt leiden Ungarinnen/Ungarn wie Roma gleichermaßen unter der Armut. Für die Roma gibt es aber zusätzliche Hürden. „In der Slowakei gibt es einen sehr weit verbreiteten Rassismus. Es gibt dieses alte ‚Motto‘, dass Rom und Romnija die Ersten sind, die gekündigt werden und die Letzten die eingestellt werden“, sagt Benedik. Maria Racz bekommt diesen Rassismus zu spüren. Sie hat die Matura, sie spricht Ungarisch, Slowakisch und Deutsch, trotzdem gibt ihr niemand Arbeit. Sie geht zu verschiedensten Firmen, schickt ihren Lebenslauf an Geschäfte, an Schulen oder ans Krankenhaus, wo sie als Putzfrau arbeiten würde. „Aber wenn ich dort anrufe, sagen sie, sie brauchen niemanden. Das Problem ist: Ich bin Ungarin und Romni. Noch dazu hab ich einen Roma-Namen; wenn ich mit jemandem am Telefon spreche und ich sage meinen Namen, wissen alle, ich bin Romni“, sagt Maria. Sie erzählt von Schildern bei Firmen, die Arbeitskräfte suchen. Als Zusatz steht dort oft „Roma bitte nicht anrufen“.

In den Ferien nimmt Maria ihre vierzehnjährige Tochter Anna auch mit zum Betteln nach Graz. Sie können in der Wohnung eines Bekannten duschen und ihre Sachen waschen. Platz zum Schlafen gibt es dort aber nicht. Auch in den Notschlafstellen finden sie oft keinen Platz. Stattdessen schlafen die beiden in einer öffentlichen Toilette. Am Abend um 21 Uhr lassen sie sich einschließen, um fünf Uhr Früh wird wieder auf-gesperrt, dann gehen sie wieder in die Innenstadt und betteln. „Aber wir können nicht schlafen, höchstens ein oder zwei Stunden in der Nacht. Meine Tochter ist ständig müde und sie ist krank. Mit Kindern hier zu sein ist sehr anstrengend.“

Im August musste Maria Racz aus ihrer Wohnung in Rimavska Sobota ausziehen. Sie war drei Monate mit der Miete im Rückstand. Ein paar Wochen kann sie mit ihrer Tochter noch bei den Großeltern in Hostice bleiben. Wohin sie dann geht, weiß sie noch nicht. „Ich habe keine Ahnung. Wirklich, keine Ahnung!“

Anna hat lauter Einser und hilft anderen Kindern beim Lernen. Noch zwei Jahre geht sie in die Schule in Rimavska Sobota, dann hat sie die Schulpflicht beendet. Dann würde Maria sie gerne auf eine höhere Schule schicken. Doch es ist ungewiss, ob sie jemals das Geld dafür zusammenkratzen kann. Schulbücher, der Schulbus oder gar ein Internat sind für sie viel zu teuer. Mit dem Betteln in Graz verdient sie viel zu wenig Geld, etwa sieben oder acht Euro am Tag. „Ich freue mich schon, wenn ich ihr Hefte und Bleistifte kaufen kann, aber das ist nicht genug heutzutage“, sagt Maria. Am liebsten würde sie Anna bei den Großeltern lassen. Aber sie müsste auch ihnen Geld geben. Für das Essen.

So sucht sie weiter Arbeit, in Graz und in Rimavska Sobota. Ihre Idee von der ersten McDonald’s-Filiale dort möchte sie nicht aufgeben. „Ich glaube, es ist eine gute Idee.“ Sie lacht bitter: „Aber das ist nur ein Traum.“

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