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Mann XXY: Von der Suche nach dem Selbst

Von: Elisabeth Pötler

Femininer Körper, keine Kinder: Männer mit Klinefelter-Syndrom haben ein X-Chromosom zu viel. Das entdecken die meisten, wenn überhaupt, erst als Erwachsene. Eine harte Probe für die Beziehungen in ihrem Leben – auch für jene zu sich selbst.

Strich-Männchen und Strich-Weibchen machen ihren Job bestens: An den Türen von öffentlichen Toiletten splitten sie die Gesellschaft in zwei Teile. Jeder Mensch muss sich einer Türe zuordnen lassen. Die Symbole – mit „Hose“ oder „Rock“ bekleidet – funktionieren in Beziehung zueinander und als Gegenteile, die einander ausschließen. Nur wer ins Schema passt, passt in den Raum dahinter. Es gab eine Zeit, da zweifelte Andreas daran, wohin er gehört. Begonnen hat das so: „Wir haben uns ein Kind gewünscht, aber Nora wurde nicht schwanger“, sagt er. So begann sie eine Odysee von Arzt zu Arzt, bis feststand: Sie ist gesund, der Fehler muss bei Andreas liegen. Der Druck auf ihre Beziehung war enorm. Es zeigte sich: Seine Hormone sind schuld, er hat zu wenig Testosteron. Aber warum?

Der falsche Code
Jedes Schulkind lernt in Biologie, dass der Mensch 46 Chromosomen hat. Zwei davon sind die Geschlechtschromosomen: Die Kombination „XY“ bedeutet „Mann“, „XX“ bedeutet „Frau“. Unser genetischer Code in jeder Körperzelle macht uns zu dem, was wir sind. Ein spezieller Bluttest bringt Andreas im Alter von 36 Jahren schließlich das Ergebnis: Sein Code ist anders. Er hat ein X- Chromosom zu viel – das ergibt die Kombination: XXY. „Da ist ein schwarzes Loch, das dich schluckt“, sagt er. Sein Selbstbild zerbricht. Es gibt keinen Halt, nur Fragen: Warum ich? Was bedeutet das? Wer bin ich? Das Klinefelter-Syndrom hat der gleichnamige Arzt 1942 erstmals beschrieben. Die Symptome: Die Männer sind großgewachsen, haben kleine Hoden und einen Ansatz von Brüsten. Oft sind Haut und Haare feiner, die Fettverteilung wirkt feminin. In manchen Fällen ist die sprachliche Intelligenz beeinträchtigt. Und: Den Männern fehlen zeugungsfähige Spermien. Der Grund: „Der Körper von Klinefelter-Patienten kann kaum Testosteron bilden. Sie haben nur ein Viertel bis maximal die Hälfte des Normalwertes“, erklärt der Androloge Ralf Herwig. Diesen Gen-Defekt hat jeder 500. bis 1000. Mann. „65 Prozent wissen aber nichts davon – sie bleiben kinderlos“, erklärt Herwig. Nur 35 Prozent werden diagnostiziert: Ein Viertel davon in der Pubertät durch körperliche Auffälligkeit, der Rest später durch Zeugungsunfähigkeit. Ja, nachträglich ergeben die Puzzlesteine ein Bild: Andreas hat einen Brustansatz, wenig Körperbehaarung ... Seine Gedanken erdrücken ihn: Genetischer Defekt – defekter Mann?

Das Tabu
Kaum etwas schmerzt stärker als Wunden an der Männlichkeit und Weiblichkeit. Denn: Diese zwei Schubladen zählen zu den wichtigsten in unserem Leben. „Wir sind geborene Kategorisierer“, sagt die Anthropologin Elisabeth Oberzaucher. „Die erste Unterscheidung, die wir bei einem Menschen treffen ist: tot oder lebendig. Als zweite folgt: Mann oder Frau.“ Pragmatisch gesehen macht das Sinn, schließlich sind wir auf Partnerwahl programmiert. Gesellschaftlich gebe es heute mehr Toleranz in der Theorie, weil uns Medien heute vielfältige Bilder von Männern und Frauen zeigen. In der Praxis aber gilt: Uneindeutigkeiten verunsichern – auch den Betrachter. Das wissen auch jene 50 Männer in der Selbsthilfegruppe Klinefelter-Syndrom Ost-Österreich. „Viele wurden schon im Turnunterricht gehänselt, etwa wegen ihrer Brüste“, sagt der Leiter Wolfgang Rögner. Öffentlich spricht niemand über seine Andersartigkeit. Zu groß ist das Tabu.

Andreas muss seine Identität Stück für Stück wieder zusammen- bauen. Er stößt auf das Thema Intersexualität; auf Menschen, die männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale haben. Doch sein Arzt beruhigt: Ein Klinefelter-Patient ist ein Mann. Geboren als Bub, fällt der Hormonmangel erst in der Pubertät ins Gewicht.

Andreas ist nun 51 Jahre alt und hat mit sich Frieden geschlossen: „Ich bin ich und nicht wie andere“, sagt er. Zu viele externe Referenzpunkte werfen den inneren Kompass aus der Bahn. Weil er alle drei Monate eine Depotspritze Testosteron bekommt, lebt er mit normalem Hormonspiegel. Seither hat sich sein Körper verändert: Die Behaarung etwa ist gewachsen, er ist weniger müde. Folgeerkrankungen wie Osteoporose sind gebannt. Nur wenige Ausnahmefälle aber können, medizinisch betreut, Kinder bekommen. Andreas gehört nicht dazu. Seine Frau liebt ihn. Das Paar ist angekommen: bei sich selbst, an einem Ort abseits anderer Kategorien.

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