STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2013/Oktober 2013/Hallo Herz, du gehörst jetzt zu mir!/
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Hallo Herz, du gehörst jetzt zu mir!

Von: Birgit Rumpel / www.street-papers.org / Bodo – Germany

Die 37-jährige Henrike Platz lebt seit zweieinhalb Jahren mit einem neuen Herzen.

„Es ist naiv zu denken, Ärzte wären per se die besseren Menschen“, sagt Henrike Platz. Die 37-Jährige lebt mit einem Spenderherzen. Als sie 1975 mit mehreren Herzfehlern in Castrop-Rauxel zur Welt kommt, können Neugeborene noch nicht operiert werden. Nach dem ersten Lebensjahr, das sie glücklicherweise übersteht, wird die erste Herz-OP durchgeführt, eine weitere im Alter von drei Jahren. „Heute könnte man das schon viel früher machen und die Operationstechnik hat sich enorm weiterentwickelt“, erklärt sie. Die damaligen Methoden ermöglichen ihr zwar das Überleben, aber von Anfang an war klar, dass sie sich als Erwachsene weiteren Operationen unterziehen muss.

„Ich war ein munteres Kind, voller Energie, aber ich konnte nie lange rennen, musste anhalten und nach Luft schnappen“, erinnert sie sich an eine Kindheit wie mit angezogener Handbremse. Während der Pubertät treten Herzrhythmusstörungen auf, die zum ständigen Begleiter werden. Trotzdem geht Henrike Platz zur Schule, studiert Museologie (Museumskunde) und arbeitet später in Berliner Museen. „Das konnte ich schaffen, aber ich war oft völlig erschöpft und an den Wochenenden fix und fertig.“

2008 verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand, das häufige Herzrasen wird unerträglich. „Das ist wie bei Gesunden nach einem Dauerlauf – nur ohne Laufen. Man hört das Herz bis in den Kopf schlagen und wenn das länger andauert, ist man hinterher total kaputt, weil der Organismus auf Hochtouren gelaufen ist“, schildert sie ihren damaligen Zustand. Schließlich versuchen die Ärzte durch eine Ablation, bei der das Herzgewebe punktuell verödet wird, die Herzrhythmusstörungen zu beseitigen. Doch der Eingriff hat den gegenteiligen Effekt, der Herzrhythmus ist permanent gestört, Henrike Platz muss über einen Monat im Krankenhaus bleiben, bis der geeignete Medikamentenmix gefunden ist.

Wie ein Stehaufmännchen kommt sie wieder auf die Beine, fängt auch wieder an zu arbeiten. Doch das ist nicht von Dauer. 2009 beginnt abermals eine monate-lange Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken. Neue Herzklappen? Ein Defibrillator oder ein Herzschritt-macher? Die Ärzte werden sich lange nicht einig. Schließlich landet sie im EMAH-Zentrum der Uniklinik Münster, einem Zentrum für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. Die Ärzte kommen zu dem Schluss: „Es ist besser, Sie jetzt schon auf die Liste zu setzen.“

Die 37-jährige Henrike Platz lebt seit zweieinhalb Jahren mit einem neuen Herzen.
Sonst könne es zu spät sein. „Liste? Sie meinen die Transplantationsliste?“ Henrike Platz ist geschockt, gleich darauf aber auch erleichtert. „Nur kein weiteres Herauszögern“, sagt sie sich. Danach muss sie erst einmal allein sein. „Da ist man fertig vor Angst und Panik, andererseits denkt man, das ist vielleicht die Chance, gesund zu werden.“ Zunächst ist nicht absehbar, wie lange das Warten dauern wird. „Ich wusste ja, dass man teilweise vergebens auf ein Herz wartet.“ Henrike Platz beginnt wieder zu arbeiten. Weil sie die drei Treppen zur ihrer Wohnung kaum bewältigen kann, zieht sie um. Als sie gerade den Umzug feiert, kommt ein Anruf: „Wir haben Ihr Herz.“

Am nächsten Tag bekommt Henrike Platz ihr neues Herz. Genau sechs Monate hat ihre Wartezeit gedauert. Die Transplantation verläuft gut, doch anschließen-de Komplikationen machen eine Not-OP erforderlich. Erst nach über einer Woche wacht sie aus dem Koma auf. Ihr schnell schlagendes Herz macht ihr Angst. „Aber dann wusste ich, das ist jetzt das neue Herz und habe mit ihm gesprochen. Herzlich willkommen, du gehörst jetzt zu mir, wir sind jetzt eins.“ Noch einen Monat bleibt sie im Krankenhaus und muss beatmet werden. Schließlich kann sie zur Reha. Ein halbes Jahr später arbeitet sie wieder. Zunächst nur wenige Stunden am Tag, doch der Wiedereinstieg gelingt: Sie ist wieder in Vollzeit tätig.

Von wem das Herz stammt, weiß Henrike Platz nicht, nur dass es eine Frau war. „Dabei würde ich den An-gehörigen so gern mitteilen, dass es mir gut geht und dass ich in Dankbarkeit an die Verstorbene denke.“ Die Tatsache, mit einem fremden Organ zu leben, stört sie nicht. Auch den Gedanken, für sie sei ein anderer Mensch gestorben, lässt sie nicht gelten. „Nein, das ist er nicht. Er ist leider gestorben, aber das ist nicht meine Schuld.“

Heute, zweieinhalb Jahre nach der Transplantation, genießt Henrike Platz ihr Leben wie nie zuvor: Jetzt kann sie sich jene Träume erfüllen, die ihr früher das Durchhalten möglich machten.

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