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Spaniens Revolte

Von: Julieta Rudich

Auch zwei Jahre nach den Massenprotesten in Spanien hat sich die ökonomische Lage der Spanier/innen nicht gebessert. Dennoch sind die Proteste nicht ohne Wirkung geblieben. Die Spanier/innen vernetzen sich solidarisch.

„Einmal musste ich das Schloss einer Wohnung aus-tauschen, aus der eine alte Frau mit ihrer kleinen Enkelin delogiert werden sollte. Die Frau weinte, sie verstand nicht, was da geschah. Die Polizisten schauten in eine andere Richtung, auch sie hatten Tränen in den Augen. Sie schämten sich. Wir waren alle dabei, gegen unseren eigenen Willen, gegen unseren Gerechtigkeits-sinn zu handeln! Und das im Auftrag von Banken, die uns alle betrogen haben, auf der Basis von Gesetzen, die gegen die Menschenrechte verstoßen! Drei Monate später starb die alte Frau und ich habe nie wieder einen Aufsperrdienst bei Zwangsräumungen gemacht.” Der Berufsschlosser Sergio Pérez ist einer jener Spanier, die voller Überzeugung zivilen Widerstand leisten. Ich traf ihn, als ich Anfang 2013 nach Spanien flog, um für unsere Weltjournal-Dokumentation zu hinterfragen, was von den Massenprotesten geblieben ist, die zwei Jahre zuvor die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt hatten.

Am 15. Mai 2011 überraschten die Spanier/innen die Welt, als sie in Madrid tagelang den Platz Puerta del Sol und in Barcelona die Plaza Cataluña besetzten. Sie nannten sich die „Indignados“ – die Empörten. In Zelt-lagern mitten in den Großstädten kamen die Menschen zusammen. Der öffentliche Platz wurde zur Brutstätte der spanischen 15 M (15. Mai) Bewegung. „Wir wollten zeigen, dass wir nicht mehr bereit sind, Handelsware in Händen der Banken und der Politiker/innen zu sein“, sagt Pablo Padilla, der bei der Gruppe „Jugend ohne Zukunft“ von Anfang an dabei war.

Aber während die Tunesier/innen und die Ägypter/innen ihre autoritären Regierungen zum Sturz brachten, führten die spanischen Demonstrationen zu keinem wesentlichen politischen Wandel. Die „Indignados“ waren und sind gegen alle etablierten politischen Partei-en. Ein paar Wochen nach den Massenprotesten von Mai 2011 wurde die damalige sozialistische Regierung nach den Parlamentswahlen von der konservativen Partei abgelöst. Die Regierung Mariano Rajoys hat nun die absolute Mehrheit und betreibt einen radikaleren Sparkurs als ihre Vorgängerin, mit dem Ziel, den Schuldenberg Spaniens abzubauen und die EU-Vorgaben zu erfüllen.

Sechs Millionen Menschen sind arbeitslos, tausende Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf, junge Akademiker/innen wandern aus. Doch warum hört man aus Spanien keinen Aufschrei? „Dafür gibt es drei Gründe”, erklärt der katalanische Wirtschaftsexperte Arcadi Oliveres: „Erstens: Die Familie fungiert noch als soziales Auffangnetz. Zweitens: Parallel zur legalen Wirtschaft gibt es ein breites Spektrum informeller Jobs. Und drittens: Die Massenmedien täuschen die Menschen, indem sie ihnen erzählen, dass es keine Alternativen gäbe. Es herrscht die Angst.“

Doch aus der 15-M-Bewegung entstand etwas anderes: ein Netz von solidarischen Plattformen, die sich unermüdlich für Bürger- und Menschenrechte einsetzen. Die effektivste ist die Plattform der Zwangsdelogierten, PAH, die landesweit agiert. Aufgrund der Immobilienkrise sind in Spanien 400.000 Menschen obdachlos. Weil sie den Banken ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Wer die Wohnung verliert, kann ein Leben lang verschuldet bleiben. Einige Opfer nahmen sich das Leben. „Die PAH ist eine Selbsthilfe-Einrichtung. Wir organisieren uns selbst im Bezirk, bekommen Rat von freiwilligen Jurist/innen sowie psychologische Unterstützung. Wir helfen einander. Anders als früher kenne ich jetzt meine Nachbar/innen“, erzählt eine Mutter zweier Kinder, die ihren Namen lieber nicht verraten will.

Schlosser/innen gegen Delogierung
Der Berufsverband der Schlosser in der Stadt Pamplona war der erste, der sich auf Seite der Delogierungsopfer stellte. Die Schlosser/innen verzichten auf tausende Euro, um nicht Kompliz/innen der Banken zu werden. Auch die Feuerwehr lehnt Dienste bei Zwangsdelogierungen ab: „Wir sind nicht da, um Banken zu retten, sondern um Menschen zu helfen”, sagt der Feuerwehrmann Pedro Campos. Früher verdiente er 2100 Euro im Monat, heute nur noch 1780. Was aber ihn und seine Kollegen noch mehr empört, ist die Personalkürzung. Wenn sich dies ausweitet, steigt das Risiko für jeden Einzelnen. Die Feuerwehr ging auf die Straße. Bei den letzten Protesten prallten Feuerwehr-männer und Polizist/innen aneinander. Auch immer mehr Jurist/innen, Psycholog/innen, Ärzt/innen, Lehrer/innen helfen unentgeltlich und engagieren sich. Trotz der allgemeinen Verzweiflung konnte ich auf dieser Spanien-Reise feststellen, dass die Proteste der „Empörten“ 2011 nicht fruchtlos waren. Sie haben einen Prozess ins Rollen gebracht, der ein kollektives Bewusstsein schafft.

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