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Revolution im Chatroom

Von: Kamin Mohammadi

Subtiler Widerstand gehörte im Iran immer schon zum Alltag. Wider allem Anschein hat er auch Erfolg.


Iran ist mein Mutterland. In seiner langen Geschichte sind ihr Unterdrückung und Diktatoren vertraut geworden, meist kamen sie im Schlepptau von Invasoren. Die Iraner/innen haben sich deswegen schon lange daran gewöhnt, Umwege zu nehmen. Wenn die Zeiten härter werden, wählen sie eine subtile Form des Wider-stands: Sie weichen aus.

Seit langem vermeiden wir es, direkt zu sein. Niemals nehmen wir den geraden Weg. Diese persische Art des Widerstands ist so effektiv, dass unsere Eroberer oft stärker „persianisiert“ wurden, als dass wir wirklich erobert worden wären. Wir haben gelernt, Hindernisse zu umgehen, damit wir uns auch die einfachsten Wünsche erfüllen können, einfallsreich und kreativ.

Nie ist dieser kreative Widerstandsgeist offensichtlicher als in den Begegnungen zwischen Männern und Frauen. Im Iran legt das islamische Gesetz der Scharia fest, dass sie zueinander in keinerlei Beziehung treten dürfen, wenn sie nicht verheiratet sind. Theoretisch ist es so, dass Frauen nicht einmal bei sich zu Hause „fremden“ Männern ohne „Hejab“, also unverschleiert, begegnen dürfen. Als fremd gilt, wer nicht blutsverwandt ist. Feste Beziehungen oder gar Sex vor der Ehe im Iran? Ausgeschlossen! Das dachte ich zumindest – reichlich naiv –, als ich nach fast zwanzig Jahren wieder in den Iran reiste. Als neunjähriges Kind hatte ich meine alte Heimat verlassen.

Ich irrte mich. Und, nüchtern betrachtet: Was hatte ich auch erwartet, bei einer so jungen Bevölkerung!? Rund 70 Prozent der Iraner/innen sind unter 35 Jahre alt und von klein auf an Unterdrückung und ihre kuriosen Widersprüche gewöhnt – und auch daran, die Vorga-ben zu umgehen. Sie widersetzen sich den Gesetzen, ohne auch nur daran anzustreifen. Der Staat muss sich beeilen, wenn er mithalten will.

Als ich 1996 zum ersten Mal wieder im Iran war, wollte ich mit einem Freund der Familie Teheran erkunden. Unbegleitet war so ein Ausflug damals unvorstellbar, meine Mutter musste mit uns kommen. Jederzeit hätten wir sonst auf der Straße angehalten werden können. Mit den Jahren wurden diese Ausflüge zu einem Gradmesser dafür, wie sich Widerstand der Bevölkerung gegen die Bevormundung durch das Regime im Iran verstärkte. Denn nur wenige Jahre nach diesem ersten Besuch spazierten dieser Freund und ich alleine durch die Stadt. Diesmal hatten wir noch einen anderen Grund dafür: Wir wollten uns den prüfenden Blicken im Familienkreis entziehen.

Zunächst zogen uns die gerade aufkommenden Internet-Cafés an. In den Kabinen drängte sich die Jugend Teherans um die Computer. Am beliebtesten waren und sind die Chat-Räume, in denen man sich virtuell unterhalten und sich sogar zu heimlichen Treffen verabreden kann. Zum ersten Mal in der Geschichte Irans haben die Menschen Privatraum, Platz im Cyberspace, wo sie sich unterhalten können. Bevorzugt mit jemandem des jeweils anderen Geschlechts, ohne beobachtet, eingeschränkt, bestraft zu werden. In diesen Internet-Chaträumen geht es nicht nur gegen die islamischen Restriktionen, hier widersetzt sich die Jugend auch der beengenden Familienkultur.

Die Ausflüge mit meinem Freund führten uns immer weiter, schließlich mussten wir für den Heimweg Taxis nehmen. Im Iran gibt es – neben privaten – auch Gemeinschaftstaxis: Savaris. Deren Fahrer lassen so viele Fahrgäste wie nur möglich in den Wagen, und unversehens werden hier die Gesetze der Islamischen Republik – so bedacht auf Geschlechtertrennung – über Bord geworfen.

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