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Im Kabinett des schwarzen Rettigs

Von: Anna Maria Steiner

Von Aussaatkalender bis Zugvögel-Häuschen: Wer Pflanzensamen, Kerzen oder Kleinod sucht, wird gleich neben dem Grazer Kunsthaus fündig. Die Grazer Samenhandlung Köller im Portrait.

Zuckerwurzel, Erdbeerspinat, Portulak – „der Rettig“ hat sie alle, und das seit fast einem Vierteljahrtausend. Den genannten, vergessen geglaubten Pflanzensamen gesellen sich heute Hyazinthen, Rosenkugeln und Regenwurmhumus hinzu in alten Regalen und liebevoll beschrifteten Schubladen. 150 Stück davon hat Gabi Medan in familiärer Gemeinschaftsarbeit geschliffen. Und so erstrahlt die einstige „Samenhandlung zum Schwarzen Rettig“ seit zwei Jahren in luftig grünem Kleid.
Als vor mehr als zwei Jahren ein/e Pächter/in für ein dem Grazer Kunsthaus gegenüberliegendes Geschäft gesucht wurde, zögerte Gabi Medan keine Sekunde. Als einzigen Mitbewerber für das Verkaufslokal am Südtirolerplatz 1 stach die Grazerin damals einen tattoo-Studio-Besitzer aus. Heute trägt die „Samenhandlung Köller“ nicht nur zum Erhalt des traditionellen Grazer Stadtbildes bei.
Das Unternehmer/innen-Geschwisterpaar Gabi Medan und Fritz Zemann besinnt sich auch auf die Ursprungsidee des Geschäftes, das seine ersten Umsätze im Jahr 1773 als Devotionalienhandlung machte. Kerzen und Gebetsbehelfe wichen den aus Klöstern stammenden Kräutern und Pflanzensamen erst später. Heute wird wieder beides angeboten. Nachdrucke alter Bücher, Holzstempel, Blech-Gießkannen oder Vogeltränken: Wer neues in altem Kleid liebt, ist hier richtig. Und wer altes in neuer Verpackung mag, sowieso. Denn was den Köller besonders auszeichnet, ist sein Angebot an alten Sorten. Erdkirsche, Erdmantel, Haferwurz – sie alle würden ein wahres Revival erleben, erzählt Gabi mit Blick auf einen jungen Mann, der sich nach Samen des australischen Teebaumes erkundigt. Die seien in der obersten Schublade rechts, zeigt sie. Auf die Frage nach den exotischsten Pflanzensamen in ihrem Kabinett erklärt sie: „Da gibt es einiges. Aber was wirklich boomt, sind alte Sorten.“ Das Ungewöhnliche sei eben nicht automatisch auch das Wichtigste.

Unika und Raritäten
„Was strickst du da?“ aus der tasche eines Kunden an der Kasse lugen Wolle und nadeln hervor. Mit vielen, die ihr Geschäft betreten, ist Gabi Medan per Du. Der studentisch wirkende Mann drückt ihr gerade einen Veranstaltungsflyer in die Hand. „Socken für meine Mama“, erzählt er und verabschiedet sich. Ähnlich individuell wie ihr Laden seien eben auch die Kundinnen und Kunden, freut sich Gabi. Nicht selten würden unter ihnen lange Beratungsgespräche entbrennen – Tipps, die auch für sie als Autodidaktin unbezahlbar wären. Einen „etwas schräg klingenden“, aber durchaus versuchswürdigen habe sie erst gestern bekommen. „Petersilie soll man nur mittwochs am Vormittag säen, dann geht sie super auf.“
Woher die Leute denn kämen, die ihr solche und andere Dinge erzählen? Gabi Medan überlegt. Unter den jüngeren Kundinnen und Kunden befänden sich vorwiegend Männer, ältere Kundschaften seien eher weiblich. und dann gebe es da noch jene treuen Kundinnen, die bereits so gebrechlich seien, dass sie selbst die Stufen zum Verkaufsraum nicht mehr in Angriff nehmen können. In so einem Fall bedient Gabi dann am Gehsteig. Was hochbetagte Köller-Kundschaft mit hippen Hobbygärtnern und -gärtnerinnen eint, ist beider Kaufverhalten. „Verkaufsschlager Nummer eins sind alte Tomatensorten. Erst gestern war eine Bäuerin da, die schon seit über zehn Jahren Samen aus einer einzigen Tomate zieht.“ Nach dem Fruchtfleisch-Verzehr werden die Samen getrocknet und wieder eingepflanzt. Darüber hinaus gebe es Tomaten, die sich schon über hunderte Jahre in einer Familie halten würden. „Die Hobbygärtner haben die Tomaten einst von ihrer Urgroßmutter bekommen und verwenden heute noch die weitergepflanzten Samen.“ Familientraditionen, die bald der Vergangenheit angehören könnten, sollten umstrittene Saatgutverordnungen wie die kürzlich vom EU-Parlament abgelehnte tatsächlich umgesetzt werden. „Wer so tut, als habe er ein Recht auf bestimmte Gemüsesorten, liegt falsch.“ Politisch sei sie nicht, doch Pflanzensorten seien für sie Allgemeingut. „Dagegen muss man sich wehren.“ Andernfalls würden bald nur noch Hybride, also nicht nachzüchtbare Gemüsesorten, verkauft werden – auch in ihrem Geschäft. Gabis Aufruf verwundert dennoch. Ob sich das Verbot des Selbstzüchtens für sie als Geschäftsfrau nicht positiv zu Buche schlagen würde?“ Gabi Medan lacht. „Reich werde ich mit dem Geschäft nicht. Aber wenn ich nicht hier drinnen stehen würde, wäre es das Aus für diese Pflanzensamenhandlung in der Innenstadt. Und das wäre bitter.“ Ihrem nachdenklichen Gesichtsausdruck schickt die Grazer Unternehmerin schließlich noch ein Lächeln nach: „Ich glaub‘, politisch bin ich allein schon deshalb, weil ich überhaupt hier drinnen stehe.“

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