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Auf der Spur der Wölfe

Von: Elisabeth Pötler

Die Biologin Gudrun Pflüger folgte Wölfen in der wilden Natur Kanadas und wurde in ein Rudel aufgenommen. Sie lernte von den Tieren, mit einem schweren Schicksalsschlag umzugehen.

Gudrun Pflüger, wie sind Sie auf den Wolf gekommen?
Gudrun Pflüger: als Biologie-Studentin las ich in einer Zeitschrift über ein Wolfsschutzprojekt in Kanada. Das hat mich so berührt, dass ich die Patenschaft für eine Wölfin übernahm. Nach dem Studium bewarb ich mich dort, nahe Calgary, als Volontärin. Ich war professionelle Langläuferin und Ausdauer braucht man, wenn man Wölfe aufspüren will. Aus einem halben Jahr wurden zehn, in denen ich in sechs Forschungsprojekten gearbeitet habe.

Wie kann man sich den „Arbeitsalltag“ als Wolfsforscherin vorstellen?
Pflüger: Ich war zu Fuß in der Natur unterwegs und sammelte Daten, die Wissenschaftler/innen an den Unis auswerteten – etwa Kotproben, die zeigen, ob es genetische Engpässe gibt. Die Wölfe haben traditionelle Wanderrouten, denen ich folgte. Ich sah etwa, dass sie, wie Bären, an den Flüssen Lachs fischen. Von den Einheimischen, den First nations, die einst vertrieben wurden und nun in Reservaten leben, habe ich viel gelernt. Ein Spurensucher mit dem passenden Beinamen „Lone Wolf“ zeigte mir, wie man Wölfe aufspürt.

Ihre Begegnung mit einem Wolfsrudel wurde in einer TV-Doku festgehalten. Wie kam es dazu?
Pflüger: Ein ZDF-Fernsehteam stieß auf unsere Forschungsstation und fragte. Ich war begeistert, sagte aber, dass es schwer wird, weil Wölfe verschwinden, sobald sie Menschen bemerken. Doch es kam anders: Wir waren auf einer unbewohnten Insel an der Westküste, wo Wölfe keine Erfahrungen mit Menschen hatten. Auf einer Wiese entdeckte ich Spuren, das Kamerateam versteckte sich. Da tauchte ein Rudel Wölfe auf. Die Leitwölfin – die Tiere leben in einem Matriarchat – kam auf mich zu. Ich legte mich auf den Boden, um sie nicht zu verschrecken. Die Wölfin kam vorsichtig näher und checkte mich, das unbekannte Wesen, ab. Sie beschnupperte meinen Kopf, ich spürte ihre Barthaare im Gesicht. Es war wunderbar! So etwas wurde noch nie dokumentiert.

Hatten Sie Angst?
Pflüger: Nein, ich war ganz präsent. Ich lag still da und habe sanft vor mich hingesprochen, etwa „It’s all right“, um uns beide zu beruhigen (lacht). Als die Wölfin erkannte, dass ich keine Gefahr bin, hat sich das Rudel rund um mich in der Wiese niedergelassen. Die Tiere waren so entspannt, dass sie gespielt haben. So habe ich viereinhalb Stunden bei ihnen im Gras liegend verbracht. Bevor es dunkel wurde, zog ich mich zurück, denn dann werden Wölfe frecher: Sie sehen besser und wir werden unsicher und stolpern. Ein Wolf könnte aggressiv werden, wenn man ihn mit einer blöden Bewegung erschreckt.

In Ihrem Buch „Wolfspirit“ erzählen Sie von den Erlebnissen. Aber auch von Ihrer Krankheit.
Pflüger: Ja, das war ein großer Wendepunkt. Nach den Dreharbeiten war ich aufgepumpt mit Lebensfreude und dann bekam ich Kopfweh. Weil es nicht aufhörte, fuhr ich ins Krankenhaus. Ein Satz veränderte alles: „Das ist ein Gehirntumor“, sagte der Arzt. Ich dachte: Warum passiert das jetzt, wo ich so glücklich bin? Die schönen Erlebnisse gaben mir aber auch Kraft. Ich wollte die Chance haben, etwas Ähnliches
noch einmal zu erleben. Die starke Chemotherapie musste ich abbrechen, weil ich sie nicht überstanden hätte, aber eine Viren-Therapie in Deutschland hat mich gerettet.

Inwiefern gab Ihnen die Wolfsbegegnung Kraft?
Pflüger: Wölfe haben große Ausdauer und sind Team-Player. Ein Wolf allein reißt keinen Hirsch und ich habe die Krankheit nur mit Hilfe meiner Freundinnen und Freunde besiegt. Wenn man jahrelang den Spuren der Wölfe folgt, sieht man außerdem, wie zielstrebig sie sind. Ein Hund tapst links und rechts, aber Wölfe müssen mit ihrer Energie haushalten. Sie gehen geradlinig ihren Weg. Und sie haben große Lebensfreude und spielen gerne. Ich habe diesen „Wolfspirit“ in mir entdeckt.

Was war der Anlass für Ihr Buch?
Pflüger: Gegen Ende der Therapie kehrte ich nach Kanada zurück. Dann kam die nächste Überraschung: Ich war schwanger. Doch mein damaliger Freund war nicht bereit für ein Kind, also zog ich nach Österreich zu meiner Familie. Als ich mit dem Baby zu Hause war, kam ein Anruf von einem Verlag. Die Dame hatte die Doku gesehen und fragte: „Wollen Sie ein Buch schreiben?“ Es erschien Ende 2012. Seitdem lebe ich mit meinem Sohn in Salzburg und halte Lesungen. Jetzt wünsche ich mir, dass wir gesund bleiben – und dass ich in Österreich einen wilden Wolf sehe.

Wie realistisch ist das?
Pflüger: Der Wolf ist EU-weit einer der am strengsten geschützten Tierarten. Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges kehrt er langsam zurück nach Mitteleuropa. Im Dreiländereck Steiermark, Kärnten, Salzburg gibt es einzelne Sichtungen. Leider aber haben Wölfe einen schlechten Ruf. Zum Teil, weil sie in Kriegen von den großen Leichenansammlungen fraßen. Aber natürlich auch, weil sie existenzbedrohend für Bäuerinnen und Bauern sind, wenn sie Schafe reißen. Fest steht: Wo Menschen Toleranz zeigen, geht es dem Wolf gut, sonst verschwindet er.


Gudrun Pflüger wurde 1972 in Graz geboren, studierte Biologie an der Uni Salzburg und ist eine ehemalige Weltcup-Ski-Langläuferin und Bergläuferin.
Sie arbeitete zehn Jahre als Wolfsforscherin in British Columbia, Kanada. Der Dokumentarfilm „Auf der Spur der Küstenwölfe“ (2005) begleitet sie in der kanadischen Wildnis. 2012 erschien ihre Biografie „Wolfspirit“, sie lebt mit ihrem Sohn in Radstadt.

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