STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/August 2014/
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cover_0814: cover_0814 (© Megaphon)

August 2014

oder weniger

Mehr - oder weniger? Nach unserer Mehr-Ausgabe im Juli folgt nun "weniger". Unser süßes Mini-Format ist gut gefüllt und verbirgt neues: die Rubrik "Verkäufer zum Thema". Unser Verkäufer Moses Erugo beeindruckt uns mit seinem Zugang zu "weniger".
Wir wünschen Ihnen viel Lesespaß und verraten: im September wird der Themenschwerpunkt als auch das Format wieder ziemlich "Normal".

Im roten Bereich
Neue Steuern, aber keine neuen Rechte – Prostituierte stehen vor neuen Problemen
Kein Netz
Die Marienambulanz fängt Menschen auf, die keine Versicherung haben
Zurück an den Start
Unser Verkäufer Moses Erugo zum Thema des Monats
Brief an mich
Anna F. schreibt ihrem jüngeren Selbst

Zurück an den Start

Unser Verkäufer Moses Erugo zum Thema des Monats
Aufgezeichnet von Annelies Pichler

Die Person, die ich als Kind als mein zukünftiges Ich gesehen habe, gibt es nicht. Der Traum ist geschrumpft.
Wie alle Kinder hatte ich mir meine Zukunft in kräftigen Farben ausgemalt. Pilot werden, Arzt, Spitzenfußballer. Der Weg dahin schien einfach: Wachsen, erwachsen werden. Wenn du dann zehn oder zwölf Jahre alt wirst, dämmert es dir langsam, dass es im Leben anders zugeht. Viel zu oft passiert das durch einen Schock. Nehmen wir ein Kind, das Arzt werden will. Es hat ein gutes Elternhaus und ist auf dem besten Weg, seinen Traum wahr werden zu lassen. Dann stirbt ein Elternteil. Oder beide. Oder sie lassen sich auch nur scheiden. Das Kind verliert den Boden unter den Füßen. So passiert es jetzt in Syrien, im Irak und auch in meiner Heimat Nigeria, wo die Sekte Boko Haram ihren Terror ausübt. Kinder verlieren ihre Eltern. Fallen ins Nichts. Der Weg, der zuvor so vorgezeichnet schien, existiert nicht mehr. Wie leicht kommen sie ins Strudeln, in Gesellschaft, die ihnen schadet. Die Jahre vergehen. Die alten Träume haben zu viel versprochen. Das Erwachen ist bitter. Das ist der Zeitpunkt der Auflehnung. Die Enttäuschten wollen mehr. Werden fordernd. Kritisieren alles und jede/n, Dass es viel zu wenig gibt, an dem sie teilnehmen können, tut weh. Es schmerzt auch, wenn nichts da ist, das du anderen geben kannst. Du wirst immer unzufriedener. Nörgeln, schimpfen, verurteilen und fordern – bald ist kein Anlass zu gering dafür. Bist du einmal in diesen Teufelskreis geraten, kommst du kaum mehr heraus. Außer, du gehst zurück, zurück zu dir selbst! Ganz so, wie du den Fahrplan einer Straßenbahn verfolgst, um zu sehen, wo du abgebogen bist, wo du Stopp gemacht hast, wo du falsch umgestiegen bist, musst du deinen Standort bestimmen. Dann: Zurück an den Start. Beginne noch einmal: Sei Anfänger. Erst wenn du das schaffst, kannst du deine Zukunft planen. Und musst es auch. Denn, wie es auf Englisch heißt: Who fails to plan, plans to fail. Wer beim Planen scheitert, plant das Scheitern.

Manchmal, wenn ich Megaphon verkaufe, sehe ich mich selbst. Ich sehe, dass ich meine Ziele nicht erreicht habe. Ich lasse mein Alter beiseite und auch die verlorenen Jahre. Ich merke: Das sind nur Zahlen, nichts als Zahlen. Der frühe Tod der Eltern, die Last, die geblieben ist. Die Jahre, die verstrichen sind. Ich sehe mich. Meine Fehler. Auch das ist wichtig, wenn du dich neu orientieren willst. Du musst deine Fehler kennen und sehen, wann du falsche Entscheidungen getroffen hast, solche, die dich gefangen genommen und wie in einer Falle zum Rotieren gebracht haben. Du musst diese Zusammenhänge erkennen, erst dann kannst du planen: vielleicht eine Therapie, oder eine Ausbildung. Bildung vergrößert auch immer den Aktionsspielraum. Und sie hat kein Alterslimit. Wie in einem Videospiel, gehe ich dorthin zurück, wo ich begonnen habe mit dem Ziel, diesmal neue Ebenen zu erreichen. Ich plane und setze den ersten Schritt. An den Start.


Moses Erugo stammt aus Nigeria. Seit drei Jahren verkauft er das Megaphon und seit zwei Jahren fungiert er intern als gewählter Sprecher aller Megaphonverkäufer/innen.

Brief an mich

Anna F. schreibt ihrem jüngeren Selbst.

Liebe Anna,

ich weiß schon, es gibt Zeiten, da möchte man jede Verantwortung, die man ja gerade erst zu übernehmen gelernt hat, sofort wieder abgeben, sich unter der Decke verstecken und niemandem mehr etwas schuldig sein. Die Sache ist aber die: Du hast deine Entscheidung getroffen, nämlich die, Musik zu machen, und vor allem die, dein Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Dafür brauchst du Mut – den hast du – und die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen, egal wie oft du am Boden bist. Vor allem aber, und ich glaube das ist das Wichtigste, brauchst du einen fundierten Kern deiner Persönlichkeit, denn dann treffen sich die Entscheidungen nicht nur leichter, sie treffen sich quasi von alleine. Denn dann hast du deine Meinung, zu der du stehen kannst, und es wird dir egal sein, was andere davon halten. Dann bist du endlich jemand, dann bist du du. Nur dann kannst du dich frei entfalten, kannst auch musikalisch in eine dir eigene Richtung weitergehen, weil du nur dann frei sein wirst.

In diesem Sinne: Lass dir von niemandem etwas dreinreden, und wenn, dann nur von den richtigen, also dir wichtigen, Leuten. Nimm dir Zeit für dich alleine, mach dir Gedanken, hör auf dein Herz und dein Hirn. Und schreib. Schreib, weil du weißt, dass dir das immer hilft, und dann nimm die Decke weg, steh auf und geh hinaus, neu, selbstbewusst und experimentierfreudig und du wirst sehen, dass der nächste Schritt nicht schwer ist. Dass das nächste Ziel nicht weit ist. Dass immer wieder Menschen kommen, um dir beizustehen und zu helfen, auch wenn du gar nicht damit rechnest. Dass das Leben manchmal auch schön sein kann.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
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