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Intakt im Takt

Von: Matthias Fuchs

Klangtherapie ist kein Himmel voller Geigen, aber ein musikalischer Raum voller Möglichkeiten.

Kein Himmel voller Geigen, aber ein Raum, der heilt und tönt. Da ein Klavier, dort eine Gitarre, dazwischen Rasseln und Trommeln und unterschiedliche Orff-Instrumente: Xylophone, Klangstäbe und Glockenspiele. Mitten drin: Birgit Wallner, Musiktherapeutin am Ambulatorium Sonnenschein St. Pölten. Sie behandelt Kinder mit Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen, ihre bisher jüngste Patientin war zwei Jahre, die älteste 18 Jahre alt. Sehr oft sind es autistische Kinder, die zu ihr gebracht werden, damit es endlich eine Person für sie gibt, die einen Draht zu ihnen findet. Kinder, die oft absolut keinen Kontakt zu anderen haben.
„Da geht es oft nur darum, gemeinsam im Raum zu sein. Mit der Musik, die ich dann am Klavier oder auf der Gitarre spiele, kann ich vielleicht auf das Kind eingehen“, sagt Birgit Wallner. „Einhüllendes Spiel“ nennt man das: Nicht direkt mit dem Kind zu kommunizieren, sondern einfach die Musik sprechen lassen. In der Hoffnung, dass das Kind antwortet. Oft ist der Trick Empathie: „Ich kann mit der Musik vielleicht auch ausdrücken, welche Emotionen ich beim Kind wahrnehme. Das kann sich so weit steigern, dass wirklich ein Dialog entsteht. Das braucht natürlich Zeit“, erklärt die Therapeutin.
Mit 17 hatte sie zum ersten Mal von Musiktherapie gehört und war fasziniert. Später studierte sie an der Musikuniversität in Wien und seit 2008 arbeitet sie im Ambulatorium Sonnenschein. Zunächst eigentlich im gesetzesleeren Raum, denn erst ein Jahr später wurde die Ausübung der Musiktherapie in Österreich in einem eigenen Gesetz geregelt. In Europa einzigartig. Doch auch hierzulande setzt sich die Erkenntnis, dass sich über Klänge kommunizieren lässt, wo Worte versagen, nur nach und nach durch. 2002 gab es in Österreich 185 Musiktherapeut/innen, zehn Jahr später waren es 250. Doch es werden mehr. Seit 2010 bietet auch die Kunstuniversität Graz einen berufsbegleitenden Lehrgang für Musiktherapie an. Heuer bekam der erste Jahrgang sein Zeugnis. Damit gibt es neben der Musikuniversität Wien und der Fachhochschule Krems jetzt auch eine dritte Ausbildungsstätte für angehende Musiktherpeut/innen.

Für Wallner führte schon das erste Vorstellungsgespräch zum Job. Seit fünf Jahren arbeitet sie jetzt mit Kindern und bringt über Takt, Melodie und Ton die Kommunikation in Schwung. „Kinder sind unvoreingenommen. Das macht meine Arbeit so schön!“ Nicht nur die Töne, auch die Beschäftigung mit den Instrumenten kann Menschen in Einklang mit sich selbst bringen. In Gruppensitzungen, die die Musiktherapeutin mit einer Ergotherapeutin hält, basteln die Kinder Instrumente.

Das Spiel mit den Tönen.
Bei den Einzelsitzungen gibt aber immer die Musik selbst den Takt vor. Das Spiel mit den Tönen verlockt die Kinder zum Mitmachen. Oft singt Wallner mit den Kindern. Sie lernen, Stimmbänder und Atmung so einzusetzen, dass sie ihrer Stimmung auch wirklich Stimme geben können. „Wo vorher nur eintöniges Schreien war, hört man plötzlich verschiedene Laute“, erzählt die Therapeutin. „Dann kommen teilweise auch einzelne Worte, ganz überraschend.“
Solche Erlebnisse motivieren Wallner genauso wie die Eltern von autistischen Kindern. Ihnen macht es zu schaffen, dass ihr Kind keinerlei Regungen zeigt. Das beginnt oft im Säuglingsalter. „Und dann gibt es doch eine Reaktion. Das ist auch für die Eltern ganz, ganz groß“, freut sich Wallner.
Musiktherapie wird nicht nur bei autistisch Veranlagten eingesetzt. Sie ist eine Methode, auf die viele Patient/innen mit psychosomatischen Krankheiten, aber auch Krebspatient/innen gut ansprechen. Basierend auf der Psychotherapie ist sie eine eigenständige Therapieform, die auch sehr verschlossene Menschen öffnen kann. Manchmal aber stehen selbst erfahrene Therapeut/innen wie Wallner im Instrumentenzimmer neben einem kleinen stillen Mädchen oder einem verkrampften Buben und damit vor einem großen Fragezeichen. „Es kommt immer wieder vor, dass ich mich frage, wird dieses Kind denn jemals auch nur irgendein Gefühl zeigen?“ Aber immer passiert das Wunder. Ein Knirschen, Zirpen, Piepsen oder sonst ein Ton und das Kind lächelt.

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